Depression

Das Gute im Bösen

Wenn wir von Depression sprechen, müssen wir un-
terscheiden zwischen einer Depression als Erkrankung und einer Depression, die durch Dinge verursacht wurde, die uns aus dem Gleichgewicht bringen. Die Haltung der Tora gegenüber der ersten Art Depression ist ein-
deutig: Genau wie physischer Schmerz, Verdauungsstörungen oder Atemprobleme durch physiologische Veränderungen verursacht werden, die durch ärztliche Be-
handlung korrigiert werden können, so können und sollen auch biochemische Veränderungen, die das Gehirn beeinflussen und Depressionen verursachen, durch eine entsprechende medizinische Behandlung ausgeglichen werden. Man sollte daher einen Facharzt aufsuchen, um sich einer Psychotherapie zu unterziehen, oder eines der vielen höchst wirksamen Medikamente einnehmen, die gegen klinische Depression verschrieben werden.
Jemand berichtete, er habe, als er an Depressionen litt, immer unter Tränen gebetet, doch seit er Antidepressiva einnehme, fühle er längst nicht mehr eine so starke Verbindung zu G’tt. Er frage sich, ob er das Medikament absetzen sollte. Rabbeinu Yonah (1200-1263) hat das Problem be-
reits vor etwa 800 Jahren thematisiert: »Obwohl Traurigkeit auch eine heilsame Seite hat, da sie die Menschen daran hindert, sich übermäßig an den Vergnügungen dieser Welt zu erfreuen, sollte man den Zustand der Traurigkeit nicht bewusst suchen, denn er ist eine körperliche Krankheit. Wenn ein Mensch verzweifelt ist, kann er seinem Schöpfer nicht angemessen dienen.« Auch wenn es lobenswert ist, dass jener unter Depression Leidende seine Krankheit dafür nutzte, G’tt näher zu kommen, wäre es G’tt sicherlich lieber, er würde sich der neuen Herausforderung stellen und seine Spiritualität als gesunder Mensch entdecken.

Traurigkeit Was die zweite Art von De-
pression betrifft, die dadurch ausgelöst wird, dass uns etwas aus dem Gleichgewicht wirft, so ist G’tt zweifellos der »An-
sicht«, dass so etwas nicht akzeptabel ist. Im Buch Kusari trifft Rabbi Yehudah HaLevi (1075-1141) die Feststellung: »Es ist nicht im Sinn der Tora, sich das ganze Le-
ben hindurch Sorgen zu machen und Seelenqualen zu durchleiden; jemand, der es tut, verletzt das Gebot des Allmächtigen, zufrieden zu sein mit dem, was ihm gegeben wurde, denn es steht geschrieben: Dann sollst du fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der Herr, dein G’tt, dir (...) gegeben hat (5. Buch Moses 26,11).« Rabbi Samson Hirsch (1808-1888) zitiert einen talmudischen Einwand gegen Depression: »Nie hat das Judentum Schmerz, Sorge, Bedrängnis oder Traurigkeit als zulässige Ziele betrachtet. Das Gegenteil ist wahr; man soll nach Glück, Seligkeit, gutem Mut, Freude und Fröhlichkeit streben. Denn die Schechina (göttliche Gegenwart) verweilt an keinem Ort der Traurigkeit; sie verweilt nur in einem Ort, wo das Glück herrscht.« Der Sohar geht so weit zu sagen, Traurigkeit enthalte Elemente von Götzendienst, da man mit seiner Depression zum Ausdruck bringt, dass man die eigenen Wünsche höher achtet als G’ttes Wünsche.
Tatsächlich spricht die Tora eine Strafe aus, »weil du dem Herrn, deinem G’tt, nicht gedient hast aus Freude und Dankbarkeit« (5. Buch Moses 28,47). Wenn wir für Traurigkeit zur Rechenschaft gezogen werden, müssen wir in der Lage sein, sie zu steuern. In den Worten des Rabbi Nachman aus Brazlaw: »Es ist eine große Mizwa, immerwährend glücklich zu sein und Gefühle der Traurigkeit und Melancholie zu überwinden und zurückzuweisen.« Die Frage ist: Wie macht man das?
Eine Methode besteht darin, die Traurigkeit durch äußerliche Maßnahmen zu be-
siegen. König Saul, der äußerst gerecht war und sogar das Stadium des Prophetie er-
reicht hatte, war deprimiert, als der Geist G’ttes ihn verlassen hatte. Saul ließ David rufen, damit dieser Musik spielte, um ihm zu helfen, seine prophetische Gabe wiederzugewinnen und seine Traurigkeit zu zerstreuen. »Sooft nun ein böser Geist G’ttes Saul überfiel, nahm David die Zither und spielte darauf. Dann fühlte sich Saul er-
leichtert, es ging ihm wieder gut, und der böse Geist wich von ihm« (1. Samuel 16,23). Auch wenn Saul ein spiritueller Gi-
gant war und seine Traurigkeit aus nichts weniger bestand als dem Mangel an prophetischem Vermögen, können auch wir auf unserem bescheideneren Niveau Mu-
sik hören, um unsere Seele aufzurichten. In der Tat sind Singen, Tanzen, Leibesübungen, Betätigung in den Künsten und sonstige gesunde, seelisch stärkende Aktivitäten auch sehr gut geeignet, einen emotionalen »Fremdstart« zu bekommen. Diese externen Methoden wirken zwar sehr gut, doch oftmals schaffen sie zwar vorübergehende Erleichterung, bringen aber keine dauerhafte Heilung. Denn die wirksamste Art und Weise, eine Depression zu überwinden, besteht darin, direkt an die Quelle unserer Traurigkeit zu gehen, indem wir unsere Denkweise verändern. Der Baal Schem Tow erläutert, wie die zugrunde liegende Idee in der esoterischen Natur der hebräischen Sprache vorgezeichnet ist: Ordnet man die Buchstaben des Wortes für »Denken« (machshava) neu, ergibt sich das Wort »Glück« (b’simcha). Hier sind einige Beispiele: Eine verbreitete Quelle für Unglücklichsein sind nicht erreichte Ziele. Das kann zu einem beschädigten Selbstwertgefühl führen, weitere Misserfolge sind vorprogrammiert, das Selbstwertgefühl erodiert immer mehr, und man wird immer weiter in den Sog des seelischen Leidens hineingezogen. In diesen Teufelskreis zu geraten, kann man vermeiden, indem man sich von Anfang an realistische Ziele setzt. Wenn die Traurigkeit sich bereits eingenistet hat, kann man dem Schneeballeffekt Einhalt gebieten, indem man sich kurzfristig leicht zu erreichende Ziele setzt, die das Selbstbewusstsein stärken und dadurch Kraft geben, längerfristige, wichtigere Ziele zu erreichen. So kann es erst einmal wieder aufwärts gehen. Eine weitere Quelle für Kummer ist das Gefühl, dass wir nicht alles haben, was wir wollen. Unsere Weisen lehrten: »Wer ist wahrlich reich? Einer, der mit seinem Los zufrieden ist.« Neulich sprach ich mit einem erfolgreichen Investmentbanker, der mir gegenüber eingestand, er habe umso mehr das Gefühl gehabt, dass ihm etwas fehlt, je erfolgreicher er gewesen sei; schließlich habe er alles besessen und dennoch empfunden, dass nichts ihm gehöre. Es geht also nicht immer um materiellen Reichtum: Einst beklagte sich ein armer Mann gegenüber dem Maggid von Mesritsch über seine Armut. Der Maggid schickte ihn zu Rebbe Zusha von Anipoli, um sich dort Rat zu holen. Rebbe Zusha, der selbst unter großer Armut und schlechter Gesundheit litt, fragte in aller Aufrichtigkeit: »Ich weiß nicht, warum der Maggid dich zu mir geschickt hat, ich habe alles, was ich brauche.«
Auch negative Dinge, die uns zustoßen, deprimieren uns. Das Gute im Bösen zu sehen hilft, die eigene Melancholie zu lindern. Awschalom, der Sohn König Davids, rebellierte gegen seinen Vater und zwang ihn zur Flucht: »David stieg weinend und mit verhülltem Haupte den Ölberg hinauf« (2. Samuel 15,30). Dennoch kam David zu dem Schluss, es sei besser, dass der Rebell sein eigener Sohn war, denn ein anderer Man hätte ihn getötet. Am Ende fing er sogar zu singen an: »Ein Psalm Davids, als er vor seinem Sohn Awschalom floh« (Psalmen 3,1).
Schließlich sollte man sich darüber klar werden, dass alles von G’tt kommt und letztendlich zum Guten ist. Ein zufälliger Beobachter, der nichts von Chirurgie weiß, könnte glauben, sie sei ein schreckliches Verbrechen. Der Chirurg aber weiß, dass es zum Besten des Patienten ist und ihm manchmal sogar das Leben rettet. Eine un-
vorhergesehe Wende ist immer möglich. Awraham und Sara litten darunter, dass sie lange Zeit ohne Kinder waren; bis sie plötzlich und auf unerwartete Weise mit einem Kind gesegnet wurden, aus dem die ganze jüdische Nation hervorging.

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