Parallelen

Das große Werden

Der Beginn der Tora, »Bereschit bara«, ist ein faszinierender Text, der die Schöpfung unseres Universums beschreibt. Darin kommt oft die Wendung »wajehi erew, wajehi boker« (es wurde Abend, und es wurde Morgen) vor. Hier entsteht ein logisches Problem, weil der Tag und die Nacht aus der Sicht des Menschen aufgrund des Sonne-Mond-Zyklus definiert werden. Doch beide Himmelskörper tauchen erst am vierten Tag auf. Trotzdem wird dieser Begriff schon bei den ersten drei Tagen benutzt.
Dieses Problem wird unterschiedlich angegangen. Der mittelalterliche Denker Nachmanides, genannt Ramban, verstand es schon im 13, Jahrhundert folgendermaßen: »Erew« (Abend) wird so genannt, weil an ihm die Gestalten vermischt waren. »Boker« (Morgen) wird so genannt, weil der Mensch sie auseinanderhalten kann. Mit anderen Worten: Erew ist ein Gemisch der Elemente, das einen gezielten Prozess durchlaufen muss, um eine klar definierte Gestalt zu bekommen. Erew ist ein Potenzial, Boker ein Ergebnis. Und dazwischen? Eine stufenweise Entwicklung. (Natürlich benutzt Ramban das Wort Evolution nicht, aber Darwin interessanterweise auch nicht).
Aus der heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnis kann der Schöpfungsbericht folgendermaßen verstanden werden: Der erste Tag – Big Bang, vor fast 14 Milliarden Jahren. Der dritte Tag – unser Planet Erde, vor vier Milliarden Jahren. Der fünfte Tag – die Vielfalt des Tierlebens. Die kambrische Explosion vor 530 Millionen Jahren im Wasser, bis dann vor 200 Millionen Jahren die großen Saurier und die kleinen Säugetiere miteinander lebten. Erwähnenswert ist auch, dass die Tora das allererste Lebenszeichen nicht mit einer direkten Schöpfungstat Gottes in Verbindung bringt (das Verb »bara«), sondern Elohim, Gott, sagt zur Erde: »Tadesche haarez desche«, es lasse die Erde die Sprossen sprießen. Mit anderen Worten: Erde, zeig dein Potenzial –durch die Evolution und die Elemente und mithilfe der Gesetze, die ich in dich hineingesetzt habe.
Ich möchte nicht behaupten, dass sich der Schöpfungsbericht und die wissenschaftliche Beschreibung überdecken. Dies wäre beiden gegenüber unfair. Ich behaupte nur, dass beide Verständnisse auf parallelen Schienen laufen. Was kommt nach der Evolution der Natur? Die Evolution des Menschen, zu der Ramban auch einen erstaunlichen Kommentar liefert. Die Tora sagt: Elohim, Gott, hat Adam, den Menschen, aus der Adama, der Erde, geschaffen und blies in seine Nase Nischmat chajim, den Lebensatem.
Wir stellen es uns immer wie die Erschaffung des Golems vor: als eine unbewegliche Erdgestalt, die belebt wird. Doch Ramban erklärt schon die erste Hälfte des Verses, also die Formung des Menschen aus der Erde, noch bevor ihm der Lebensatem eingehaucht wurde, mit folgenden Worten: Wenn Gott den Menschen formte, bedeutet es, dass der Mensch sich bewegen konnte, weil die Formung Chijut (Leben, Existenz) und Hergesch (Gefühl, Emotionen, hier besser: Wahrnehmung) bedeutet. Erst nach dieser Wahrnehmung kam die nächste Stufe: Es wurde ihm Nischmat chajim eingehaucht, und er bekam Sechel we-Dibur, die Vernunft und die Sprache.
Der revolutionäre (oder besser: mystische) Ramban behauptet also, der biblische Mensch habe Vorstufen gehabt. Falls wir noch nicht völlig überzeugt sind, schreibt Ramban am Ende seines Kommentars, warum die Tora bei der Beschreibung des Menschen als lebendigem Wesen, Nefesch chaja, die an sich überflüssige Präposition »le« benutzt. Rambans Begründung: Der Mensch wurde ganz zu einem lebendigen Wesen und wurde zu einem anderen Menschen transformiert (wenehepach le-isch acher).
Die Naturwissenschaft beschreibt es folgendermaßen: Vor fast zwei Milliarden Jahren kam der Homo erectus, vor 250.000 Jahren der Neandertaler und vor 150.000 Jahren der Homo sapiens, bei dem immer noch offensteht, ob er ein symbolisches Denken besaß. Wann ist die Sprache entstanden? Vor 50.000 Jahren. Wann wurde die erste Schrift benutzt? 3.000 Jahre vor der Zeitrechnung. Wenn wir die 2.000 Jahre der Zeitrechnung dazuzählen, kommen wir sehr nahe an das jüdische Jahr.
Es gibt tatsächlich Spekulationen, dass das jüdische Jahr die symbolische Angabe für die Schaffung des Menschen als der letzten Stufe seiner Evolution ist. Im Gegensatz zu Ramban wäre es also nicht die Sprache, die den Menschen zum Menschen gemacht hat, sondern die Schrift. Auch hier sollen wir keine Überlappung, sondern ein paralelles Denken sehen.
Es fällt auf, dass die Parschanim, die mittelalterlichen Tora-Ausleger, Aussagen getroffen haben, die denen von Charles Darwin ähneln. Doch das sollte nicht überraschen. Denn das Judentum war nie fundamentalistisch, sondern hat die Worte der Tora durch die Linsen der talmudischen Rabbiner immer wieder anders gelesen und auf neue Interpretationsebenen gebracht.

Anita Lasker-Wallfisch

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