Michael Melcer

»Das fast Manische mag ich«

Meine Eltern stammen aus Polen. Ich wurde 1961 in München geboren, Kindheit und Jugend verbrachte ich in Augsburg. Diese Zeit habe ich als sehr normal in Erinnerung. Aber was ist normal, wenn man in Deutschland als jüdischer Junge aufwächst, dessen Eltern die Schoa überlebt haben? Ich habe mich nie als Außenseiter gefühlt, aber ich war sicherlich auch nicht wie die anderen. Ich hatte viele nichtjüdische Freunde. Aber das familiäre Umfeld war eher jüdisch geprägt. Ich war Mitglied der ZJD, der Zionistischen Jugend in Deutschland, und habe vor allem im Sommer viel mit jüdischen Jugendlichen gemeinsam unternommen. In der Schule spielte mein Judentum keine Rolle, auch später auf dem Gymnasium nicht. Das war mir sehr recht.
Nach dem Abitur bin ich nach Israel gegangen, wo ich in der Nähe von Haifa im Kibbuz Ramat Hashofet gelebt habe. Die harte Arbeit in der Landwirtschaft, das Zusammensein mit den anderen, das waren wichtige Erfahrungen. Als ich dann nach Deutschland zurückkehrte, schrieb ich mich an der Uni in Augsburg für ein Studium der Geisteswissenschaften ein. Und 1983 war ich mir schließlich sicher und begann an der TU Berlin Architektur zu studieren. 1989 machte ich mein Diplom. Seitdem lebe und arbeite ich in Berlin-Kreuzberg und bin glücklich als Architekt.
In den letzten zehn Jahren ist noch etwas hinzugekommen: meine Arbeit als Fotograf. Ich habe in verschiedenen Büchern Fotos veröffentlicht und hatte seit 2002 fast zwanzig Ausstellungen. Ernsthaft begonnen hat es in einem Urlaub in New York 1998. Zusammen mit meiner Lebensgefährtin wohnte ich auf der Lower East Side und lernte den Inhaber eines Lebensmittelgeschäfts kennen. Es war voller Köstlichkeiten, von denen viele der osteuropäischen Tradition entstammten und mir sehr vertraut waren. In den Tagen darauf fanden wir weitere Läden dieser Art und waren begeistert, weil sie eine Geschichte erzählen von jüdischen Traditionen und persönlicher Identität im Spiegel des Essens. Zurück in Deutschland entwickelten wir ein Konzept und stellten ein Budget auf. Im Frühjahr 1999 flogen wir wieder nach New York, für acht Wochen. Diesmal gingen wir ganz gezielt vor, fanden Jewish Foodshops in allen Stadtteilen, schöne und schäbige, manche koscher, andere nicht. Ich habe wie besessen gearbeitet und mehr als 2.000 Schwarz-Weiß-Fotos mit nach Hause gebracht. Wir fanden einen Verlag, und unsere Arbeit wurde unter dem Titel »Milch & Hering« veröffentlicht, parallel dazu fand eine Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt statt. Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich einen zweiten Beruf gefunden hatte.
Heute arbeite ich als Architekt und Fotograf. Ich habe angefangen, bei Arno Fischer zu studieren, einem bekannten Berliner Fotografen. Es macht mir Spaß, meine Fähigkeiten zu erweitern. In manchen Projekten findet sich viel von meiner eigenen Geschichte. Eines davon heißt »Über Seen«. Ich beschäftige mich darin fotografisch mit den Orten Schlachtensee, Plötzensee und Wannsee. Es sind Orte, die auf tragische Weise mit der jüdischen Geschichte und mit der Geschichte meiner Familie verbunden sind. Diese Auseinandersetzung tut mir gut.
Es gibt sehr freie Arbeiten, und es fällt mir oft schwer zu sagen, wann ein solches Projekt wirklich abgeschlossen ist. Ganz anders ist das natürlich mit Auftragsarbeiten, die ich immer wieder gemacht habe, auch für das Jüdische Museum Berlin. Ich gehe dann gezielt vor. In beiden Projektformen stellt sich dieses Ausschließliche ein, das fast Manische – diese Zustände mag ich. Recherchieren, Kontakte knüpfen, sich mit der Fotoauswahl beschäftigen, all das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Es gibt Wochen, in denen ich die Kamera nicht oft anrühre, obwohl ich sehr intensiv an den Projekten arbeite.
Gerade wieder habe ich so eine Fotowoche hinter mir. Begonnen hat sie mit den Vorbereitungen zu einer neuen Arbeit. Im Auftrag eines Museums habe ich in der Schweiz, in Davos, fotografiert. Dienstag und Mittwoch habe ich mich vor allem mit Lesen und Recherche beschäftigt, mit Leuten gesprochen, die mir Informationen zum Thema geben konnten, habe mir Notizen gemacht, erste Gedanken aufgeschrieben. Der Donnerstag war Reisetag, ein Tag zum Ankommen, Aufnehmen, Eindrücke sammeln. Ich habe ein erstes Gespräch vor Ort geführt, mit einem Züricher, der mir ein paar Kontakte knüpfen will. Am Freitag bin ich um 6 aufgestanden und habe eine Bäckerei besichtigt, wo sie koscheres Brot backen. Ich unterhielt mich mit den Leuten dort und fing behutsam an zu fotografieren. Anschließend habe ich eine improvisierte Synagoge besucht, die mangels besserer Alternativen im Luftschutzbunker eines Kongresszentrums untergebracht war. Ein eigenartiges Erlebnis. Danach bin ich durch den Ort gelaufen – zur Schlittschuhbahn zunächst, dann zur Bergbahn. Dort sind im Sommer Tausende orthodoxer Juden unterwegs, die braucht man wirklich nicht zu suchen. Ich habe Eindrücke gesammelt. Später werden aus diesen ersten Eindrücken Motive in mir entstehen. Ich werde dann wissen, wo ich was wie fotografisch einfangen will.
Am Samstag habe ich zwei Orte in der Umgebung besucht, mir ein koscheres Hotel angeschaut und sehr entspanntes jüdisches Leben an einem Schabbesnachmittag beobachtet. Das heißt auch, einfach mal auf einer Bank zu sitzen und zu warten. Ein Fotograf muss warten können, still sein, manchmal fast unsichtbar. Das kann anstrengend sein. Ich bin eher ein sehr motorischer Mensch.
Der Sonntag war wieder ein Fototag. Erste Aufnahmen von Familien beim Ausflug in die Berge, Kinder im Streichelzoo oder auf der Schlittschuhbahn, aber auch Landschaftsfotos. Grundsätzlich halte ich dabei zunächst Abstand zu den Menschen. Ich gehe nur nah ran, wenn ich schon in Kontakt mit jemandem stehe. Aus meiner Erfahrung weiß ich, die guten Bilder ergeben sich mit der Zeit. Es ist, als ob die Fotos mich finden, nicht umgekehrt. Ich mag das, dieses Zufällige, Unkontrollierte. Vielleicht, weil es für Zufälliges in der Architektur so wenig Platz gibt. Weil es dort eben explizit ums Planen und Konstruieren geht. Bei dieser ersten Schweizreise sind vor allem charakteristische Aufnahmen entstanden. Bilder, mit deren Hilfe ich nun das Konzept und einen Zeitplan entwickeln werde. Die Umsetzung des Projekts ist für 2008 geplant, eine Ausstellung für 2009.
Montagabend war ich wieder in Berlin, und es fiel mir nicht schwer, die Kamera loszulassen und mich der Architektur zuzuwenden. Das Pendeln zwischen diesen beiden Beschäftigungen, die unterschiedlichen Anforderungen, das Erleben meiner selbst im Spiegel meiner jeweiligen Arbeit, das macht einen großen Teil meines Lebens aus, und das empfinde ich als Geschenk.

Aufgezeichnet von Holger Biermann

Rubrik

Zitat der Woche

Jüdische Allgemeine vom 26. September 2019

 10.10.2019

Grossbritannien

Der Mops, die rechte Pfote und der Hitlergruß

Jüdischer Verband kritisiert BBC: Sender zeigt Film über verurteilten Schotten und dessen umstrittenen Hund Buddha

 05.08.2019

Pferdesport

Israelin Dani G. Waldman siegt vor Ludger Beerbaum

Bei der dritten Auflage des Fünf-Sterne-Reitturniers in Berlin gewinnt die für Israel startende Amerikanerin 

 27.07.2019

Milton Glaser

Er liebt New York

Der US-Designer feierte seinen 90. Geburtstag

von Christina Horsten  26.06.2019

Frankfurt

»Emotionaler Anker«

Die Bildungsabteilung im Zentralrat veranstaltet eine Tagung zur Geschichte der jüdischen Jugendbewegung

von Eugen El  06.06.2019

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019