Sonia Simmenauer

„Daran hängt mein Herz“

Wenn ich mich in meinem Café umschaue, kann ich es noch gar nicht richtig glauben. In diesem Raum war früher eine Druckerei, ich kannte den Mieter. Eines Tages sagte er mir, er wolle seinen Betrieb schließen. Als ich ihm von meiner Idee eines jüdischen Cafés erzählte, blitzten seine Augen. Dieser Blickkontakt war der magische Moment, in dem alles begann. Einen Monat später, im Mai 2007, erfolgte die Schlüsselübergabe. Der bauliche Zustand entsprach dem einer Bruchbude, das Gebäude war äußerst renovierungsbedürftig. Hinten gab es noch einen Anbau, den ich heute besonders liebe. Am Anfang schwebte mir vor, einfach ein paar Möbel vom Trödel zu besorgen und loszulegen. Das wäre dann ein Konzept gewesen nach dem Motto: „Versuchen wir’s mal“. Doch glücklicherweise sprach ich mit verschiedenen Leuten darüber, vor allem mit dem Architekten Andreas Heller, der auch das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven entworfen hat. Und plötzlich gab es ein Raumkonzept, wir bezogen einen Buchladen in die Planung mit ein und die Idee eines Jüdischen Salons. Als dann alles fertig war, hat mich das Ergebnis verblüfft: Das ganze Ambiente war durchdacht, harmonierte miteinander, die Deckenlampen, die Theke, die Möbel, die Wandgestaltung, einfach alles.
Nach der Eröffnung im Januar dieses Jahres haben sich unser Jüdischer Salon und das Café „Leonar“ schnell herumgesprochen. „Leonar“ hieß die Hamburger Fabrik meines Großvaters. Er stellte dort Fotopapier her. Im Jahre 1938 wurde sie ihm weggenommen, „arisiert“, und meine Familie floh nach Frankreich. Da die Fabrik nicht mehr existiert, hat wenigstens der Name überlebt.
Väterlicherseits stammt meine Familie aus Hamburg. Mein Großvater war Mitbegründer der Philharmonischen Gesellschaft. Mein Vater ist in Hamburg geboren und ging in die Jüdische Schule am Grindelhof, die Ende der 30er‐Jahre vom damaligen Reichsstatthalter Karl Kaufmann geschlossen wurde. Bei der Flucht war mein Vater zwölf Jahre alt. Er wurde später Kinderarzt und spielte mit Vorliebe Cello. Das legte den musikalischen Grundstein in mir. Heute lebt mein Vater in Paris, und er unterstützt mich sehr. Von seiner Zeit in Hamburg erzählt er viel, und ich merke, dass er immer noch mit dieser Stadt verbunden ist.
Mit meinen vier Geschwistern wuchs ich südlich von Paris auf, in einem kleinen Kaff namens Savigny‐sur‐Orge. Mein Vater sprach mit Freunden aus Emigrantenkreisen Deutsch. Ich selbst lehnte die deutsche Sprache ab. Jetzt, mit Ende 40, habe ich eine starke Wandlung durchlebt. Wegen meines ersten Mannes kam ich Ende der 70er‐Jahre nach Hamburg, sitze heute im Grindelviertel und spreche Deutsch. Dieses Viertel berührt mich, weil ich weiß, wer hier früher lebte. Überall sind diese sogenannten Stolpersteine in die Gehwege eingelassen, und es ist klar, was das bedeutet. Ich freue mich, dass hier, wenn auch in kleinen zaghaften Schritten, wieder Jüdisches entsteht.
Zu unseren Gästen im Café zählen auch Jeckes‐Kränzchen, sie waren nach der Eröffnung sofort da. Vor allem morgens kommen gern viele alleinstehende Männer. Zu unseren Stammgästen gehören außerdem eine nichtjüdische Gruppe von Iranern und der französische Konsul, der gegenüber wohnt. Ich freue mich über das offensichtliche Interesse. Der Fluss an Menschen, die hier täglich durchgehen, fasziniert mich. Ich schaue jeden Tag vorbei, um zu sehen, ob der Laden läuft. Ich will wissen, was passiert, wo es Schwierigkeiten gibt. Der Kontakt zu den Mitarbeitern ist enorm wichtig.
Das gilt auch für meine Künstleragentur, in der ich 15 Mitarbeiter beschäftige. Wenn es mit jemandem ein Problem gibt, betrachte ich zunächst den Menschen, schaue, ob es ihm gut geht oder nicht. Meist beginnt das Problem nämlich dort, und der Rest ist das Ergebnis des persönlichen Unwohlseins. Mit dieser Methode habe ich gute Erfahrungen gemacht. Ich weiß, alle lieben die Arbeit und machen ihren Job mit Hingabe. Mir persönlich macht das alles sehr viel Spaß. Meine Kinder sind außer Haus, das schafft auch Raum für Neues.
Zwar wollen wir den Gästen unseres Cafés jüdische Speisen servieren, aber wir haben keine generell koschere Küche. Meine Mutter stammte aus Rumänien, sie backte wunderbare Kuchen. Besonders ihr Käsekuchen war ohnegleichen. Ich konnte mich nur noch an den Geschmack erinnern, das Rezept war nicht überliefert. So musste ich es im Selbstversuch rekonstruieren. Ich brauchte sechs Wochen, um es herauszufinden. Jedes Wochenende experimentierte ich und backte zwei Bleche Kuchen pro Tag. Ich wusste, dass er säuerlich schmeckte, eine Kombination aus saurer Sahne und Schichtkäse. Das Ergebnis kann jetzt jeder probieren. Aber bei mir zu Hause haben nun alle genug von Käsekuchen. Fürs Café backen wir außerdem noch einen jüdischen Mohnkuchen, einen Wiener Apfelkuchen und eine Mohnrolle, auch die alle nach Familienrezept.
Der Jüdische Salon ist ein Verein, in dem wir alle Mitglied sind: mein Mann, der Architekt und ich. Bis jetzt haben wir zwölf Mitglieder. Café, Verein und der integrierte Buchladen profitieren gegenseitig voneinander. In dieser Leichtigkeit ist das Konzept aufge‐ gangen. Moralische Unterstützung ist unendlich viel vorhanden. Die Stadt Hamburg hat sich dabei allerdings wenig hervorgetan. Eher waren es Privatleute, die uns geholfen haben. Wie bei vielen Vereinen schränkt die finanzielle Situation unsere Aktivitäten ein. Zum Beispiel haben wir kein Klavier. Wenn wir eins brauchen, hilft uns ein Pianobauer, er leiht uns eins. So funktioniert es momentan. Trotz allem hängt mein Herz gerade am Jüdischen Salon. Mit Filmvorführungen zu jüdischen und jiddischen Themen, Lesungen, Konzerten und Workshops wollen wir Hamburgs Kulturszene bereichern. Wir probieren Neues, wie einen Denkraum, in dem bis zu zehn Menschen sitzen und nicht reden, sondern in der Stille Gedanken frei formulieren können. Dafür ist mein Mann verantwortlich, er ist Psychoanalytiker. Wir nennen es eine kleine Veranstaltungsoase, in der die Lust am Denken, Sprechen, Lesen und Lernen geweckt werden soll.
Vor über einem Jahr wurde gleich gegenüber die Talmud‐Tora‐Schule als Gemeindezentrum, Kindergarten und Schule wiedereröffnet. Wenn es Kinder gibt, existiert jüdisches Leben. Was jetzt hier im Viertel noch fehlt, ist eine jüdische Bäckerei oder ein jüdisches Lebensmittelgeschäft. Mein Vater sagt, dass sich für ihn ein Kreis schließt, wenn er bei uns im Café sitzt. Das ist das schönste Lob von allen. Somit führe ich ein Stück Familientradition fort, was meinem Vater verwehrt wurde.
Seit 1989 war ich jahrelang mit meiner Künstleragentur für Kammermusik beschäftigt, und dieses Jahr ist auch mein Buch Muss es sein? Leben im Quartett erschienen, in dem ich das Leben in der Welt der Streichquartette beschreibe. Aber das „Leonar“ symbolisiert mir, angekommen zu sein, deshalb ist es im Moment mein Hauptthema.
Ich bin zwar nicht fromm, aber an Jom Kippur bleibt das Café geschlossen. Die Leute standen draußen vor der Tür und lasen unseren Hinweis auf den Feiertag. Wir versuchen, ein paar Zeichen zu setzen, wollen aber nicht belehren. Allerdings ist mir die Mesusa an der Tür schon sehr wichtig.
Mit meinem Mann Karl‐Josef Pazzini, den ich hier in Hamburg kennengelernt habe, zogen wir fünf Kinder groß. Ich brachte zwei Söhne mit in die Ehe und er drei Töchter. Langeweile kennen wir nicht. Die größte Entspannung ist für mich, wenn wir freitags nur zu zweit, ganz alleine vom Grindelhof durch die Innenstadt bis zum Hafen spazieren.

Aufgezeichnet von Frank Rothert

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