Muriel Siebert

Dame von Geld

von Eva Schweitzer

Als Muriel Siebert die Wall Street eroberte, war noch vieles anders. »Frauen waren damals nicht in den Klubs zugelassen, in denen sich die Börsenmakler zum Busineßlunch trafen«, erinnert sich die energische 73jährige. Börsenmaklerinnen verdienten bestenfalls halb so viel wie ihre männlichen Pendants, ein Kind bedeutete das Aus für die Karriere. Das war vor vierzig Jahren. Siebert, die aus Ohio stammt, war damals Teilhaberin einer Wall-Street-Bank. Seit sie 1954 als Praktikantin für 65 Dollar pro Woche angefangen hatte, hatte sie mehrmals die Banken gewechselt, weil männlichen Brokern mehr bezahlt wurde. Schließlich fragte sie einen chinesischen Klienten, welche Bank er ihr empfehlen könne. Der sagte: »Keine«. Sie solle statt dessen einen Platz an der New Yorker Börse kaufen und Parketthandel mit ihrer eigenen Investmentfirma betreiben.
Leicht machten ihr das die Männer nicht. 445.000 Dollar kostete der Platz auf dem Parkett, die Börse verlangte eine Bankgarantie über 300.000 Dollar, und zwar bevor ihr die Aufnahme zugesagt wurde. »Aber ohne die Zusage wollte mir keine Bank einen Kredit geben«, erzählt Siebert, die von ihren Freunden Micky genannt wird. Aber sie schaffte es. Am 28. Dezember 1967 war sie die erste Frau an der New Yorker Börse – unter 1.365 Männern.
Siebert ist selbstsicher, schnellentschlossen, risikobereit – und widersprüchlich. Sie gehört den Republikanern an, wenngleich sie nicht mehr politisch aktiv ist. Aber sie unterstützt die Demokratin Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin und tritt für das Recht auf Abtreibung und für die Förderung von Minderheiten ein. »Daß in den USA Frauen beruflich mehr Chancen haben, ist unser Standortvorteil gegenüber Japan und Deutschland, die die Hälfte ihres Potentials ungenutzt lassen«, sagt sie. Sie hat sich nie dagegen verwahrt, eine Feministin genannt zu werden. Und auch ihr Hund »Monster Girl« ist wie sie: weiblich und zäh. Als sie einmal mit ihrem Mercedes 350SL in Long Island liegen blieb, verbellte der Hund eine ganze Gruppe von Männern, die sich dem Auto näherten. Dabei ist »Monster Girl« nur ein Chihuahua.
Risiko, das ist Muriel Sieberts Motto und ihr Lebensstil. Als die US-Regierung am 1. Mai 1975 das Gesetz abschaffte, das die Kommissionen für Investmentbanking festlegte, gründete sie sofort ihre Firma Muriel Siebert & Co., die Investmentbanking zum Discountpreis anbot. Sie inserierte in mehreren Zeitungen mit einem Foto, auf dem sie einen Hundert-Dollar-Schein durchschneidet. Für die Wall Street war das ein Sakrileg. Ihre externe Buchhaltungsfirma kündigte, daraufhin drohte die Börsenaufsicht SEC, ihr die Lizenz abzunehmen. Erst drei Monate später, quasi in letzter Sekunde, fand sie eine neue Buchhaltung.
Siebert mußte sich auch als Jüdin durchsetzen, an einer Wall Street, die damals von anglophilen, antisemitischen Bankhäusern wie J. P. Morgan geprägt war, die den Nazis im besetzten Paris jüdische Konten ausgeliefert hatten. »Wenn ich mit Klienten ausging, kam es vor, daß sie herablassende Sprüche über Juden machten. Ich habe den Mund gehalten. Aber hinterher schickte ich eine Karte, auf der stand: «Roses are red, violets are bluish, in case you don’t know, I am Jewish» – Rosen sind rot, Stiefmütterchen sind bläulich, falls Sie’s nicht wissen, ich bin jüdisch.«
1977 ernannte der demokratische New Yorker Gouverneur Hugh Carey die Republikanerin zur obersten Bankenaufseherin des Staates. Zu jener Zeit war New York City praktisch pleite, zudem drohte eine Bankenkrise. Um dies zu verhindern, zwang Siebert mehrere kleinere Banken zu Fusionen. Sie veranlaßte einmal sogar den Präsidenten einer Bank dazu, sein Gehalt zu halbieren. »Aber es hat geholfen«, erinnert sie sich. »Keine einzige Bank in New York mußte Konkurs anmelden.« Kaum war dies bewältigt, kam die Geiselkrise im Iran. Sofort verfügte Siebert, daß alle iranischen Konten überwacht wurden.
Ihre eigene Firma, deren Leitung sie während ihrer fünfjährigen Amtszeit abgeben mußte, wäre fast untergegangen. Aber nur fast. Als sie »Muriel Siebert & Co.« wieder übernahm, spezialisierte sie sich darauf, Frauen in Finanzdingen zu beraten. Damals wurden weibliche Kunden oft nicht richtig ernstgenommen. »Viele Berater sagten denen: Zerbrich dir nicht deinen kleinen Kopf, ich weiß, was gut für dich ist«, sagt Siebert. Sie ging das anders an. Als sie anfing, Börsen-Websites aufzukaufen, die sich an Frauen richteten, strich sie radikal alle Horoskope, Schlankheitstips und Dating-Ratschläge, statt dessen erteilte sie ernsthafte Finanztips. »Viele Frauen vertrauen nur auf die Rente ihres Mannes«, sagt sie. »Aber ich rate allen, sich um eine eigene Altersvorsorge zu kümmern.«
Sie selbst ist nicht verheiratet und hat keine Kinder, aber sie kümmert sich um Kinder, seit sie 1990 begann, sich auf Philanthropie zu verlegen. So finanzierte sie ein Programm, mit dem Schülern beigebracht wird, mit Geld umzugehen. Auch deshalb wurde sie in die »Working Women’s Hall of Fame« aufgenommen, und 1999 zur Präsidentin der »New York Women’s Agenda« berufen, ein Dachverband von mehr als hundert Frauenorganisationen.
Ihre Firma führt sie noch heute. Und sie hält noch heute Ratschläge für alle bereit, die mehr über Geld wissen wollen. Frauen, sagt sie, wollen Geld um der Sache willen: ein Kind aufzuziehen oder ein Haus zu kaufen. »Für Männer ist Geld Macht. Die wollen es, weil sie es aufregend finden.«

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