Tu Bischwat

Da wächst was

von Rabbiner Joel Berger

Tu Bischwat, eine jüngere Schöpfung der jüdischen Festkultur, begehen wir am kommenden Dienstag. Am Anfang des Talmudtraktats »Rosch Haschana« lernen wir aus der Mischna, dass der fünfzehnte Tag des Monats Schwat, gemäß der Lehrmeinung des Hauses Hillel, der »Neujahrstag der Bäume« ist. Die jüdische Lebensführung gestaltet sich nach dem Luach, dem jüdischen Kalender, und harmonisiert mit der Natur des Heiligen Landes. Dies gilt auch außerhalb Israels, für die Diaspora und überall wo Juden leben.
Aus der Formulierung des Mischna‐
textes wird ersichtlich, dass es den Gelehrten nicht darum ging, diesen Tag als Fest zu deklarieren. Auch nicht zum Tag des Bäumepflanzens. Die nüchternen und bo‐
denständigen Rabbiner sammelten Er‐
kenntnisse über die Regenzeiten des Landes und die Lebenserwartungen der Bäume. Sie schöpften aus den Erfahrungen der Landwirte, und so stand für sie fest, dass bis zum Ersten, oder gemäß Bet Hillel, bis zum Fünfzehnten des Monats Schwat, der meiste Regen des Jahres fällt. Danach aber fängt eine Zeitspanne an, in der die Baumfrüchte ihre Form anzunehmen beginnen. Auch daher wird dieses Datum in Zusammenhang mit den durch die Toragebote verpflichtenden Zehntel‐abgaben für die Baumfrüchte interpretiert. Der Jerusalemer Talmud formuliert dies etwas spiritueller: Die Bäume ziehen (ihre Nahrung) bis zum 15. Schwat aus dem Wasser des vergangenen Jahres; nach diesem Datum dagegen ernähren sie sich aus dem des neuen Jahres (Rosch Haschana,
1. Kapitel, Halacha 2). Auch das war der Grund, warum der 15. Schwat zum »Neujahr der Bäume« erklärt wurde.
Die Bezeichnung »Neujahr der Bäume« erfolgte nur in Zusammenhang mit der Zehntelabgabe an die Kohanim zur Zeit des Tempels in Jerusalem. An diesem Tag herrscht kein Arbeitsverbot, wie auch keine halachischen Vorschriften für das Be‐gehen dieses Tages, wie es am Rosch Ha‐
schana der Fall ist. Aber die schöpferische Kraft der jüdischen Volkskultur hob diesen Tag durch einige Veränderungen vom Alltag ab. In der synagogalen Liturgie des Mincha‐Gebetes am Vorabend, wie auch im Morgengebet des Tu Bischwat, wird das Tachanun (Buß‐ und Bittgebet) nicht gesprochen. Man hält keinen (ausgedehnten) Hesped (Grabesrede) während der Trauerzeremonie. Sollte dieser Tag auf ei‐
nen Schabbat fallen, so entfällt auch die »Aw Harachamim«-Litanei (zum Andenken an die Märtyrer der jüdischen Ge‐
meinden während der Kreuzzüge in Deutschland).
Man pflegt an diesem Tag viele – wenn möglich 15 – Sorten von Früchten zu ver‐speisen – mit den jeweiligen Segenssprüchen, versteht sich. Jedoch, die »Hierarchie« unter den Früchten bewahrt man streng. Zuallererst werden jene sieben »gesegneten Früchte« genossen, mit denen die Tora das Heilige Land preist: »Ein Land des Weizens und der Gerste und des Weinstocks und des Feigenbaums und der Granatäpfel; ein Land des Olivenöls und des Honigs« (5. Buch Moses 8,8). Unter Honig verstehen wir laut der Exegese Dattelhonig (wie Honig fließt der Saft der Dattel des Heiligen Landes). Es ist üblich, den Segensspruch »Schechechejanu« vor dem Verzehren der einzelnen Früchte zu sprechen, als unser Dank dafür, dass wir es in unserer Zeit erleben dürfen, aus der Ernte des Heiligen Landes zu genießen. Somit erwuchs aus der einstigen Verpflichtung der Zehntelabgabe ab dem 15. Schwat ein freudiges Fest.
Vielerorts in unseren Gemeinden veranstaltet man am Abend des 15. Schwat, an eine ältere Tradition angelehnt, den »Seder Tubischwat«. Ähnlich dem Ablauf des Sederabends am Pessach, wurde hier ein kleines Heft angelegt. Darin finden sich verschiedene traditionelle Erläuterungen, Psalmgesänge und eine Anleitung zum stimmungsvollen Begehen des Abends mit den symbolträchtigen Früchten des Tages als Hauptspeise. Sogar die Sitte des Genießens von vier Gläschen Wein wird gerne eingefügt. Man pflegt die Zeremonie mit entsprechenden, Land und Früchte lobenden hebräischen Volksliedern abzuschließen.
Wenn wir inmitten unserer widrigen Witterungsverhältnissen an Blüten und Pflanzen des Frühlings denken, an Freunde und Verwandte in Israel, die mit dem Boden des Landes verknüpfte Mitzwot er‐
füllen dürfen, so tun wir auch kund, dass wir jene dreifache Verbindung: Volk, Land, und die Tora G‐ttes verinnerlichen wollen.

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi‐Gruß ist«

Torwart des Première‐League‐Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi‐Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

»Eine ganz neue Perspektive«

Wie junge Stipendiaten verschiedener Konfessionen und Bekenntnisse ihre Reise nach Jerusalem erlebten

von Johanna Korneli  09.04.2019