Nachwuchssorgen

Brüderschaft

von Katrin Richter

Fernsehen bildet doch! Zum Beispiel gibt der Film Glauben ist alles einen schönen Einführungskurs in Sachen jüdisch‐christliche Zusammenarbeit. Die Hauptfiguren Jake Schram und Brian Finn sind nämlich nicht nur seit Kindertagen befreundet, sondern auch noch Rabbiner und Priester. Und wenn sie sich nicht gerade in die selbe Frau verlieben, dann gründen sie ein interreligiöses Zentrum für Jung und Alt mit Karaokemaschine.
Was im Film funktioniert, klappt in der Realität schon länger. Seit fast 60 Jahren planen Gesellschaften für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) mit den jüdischen Gemeinden kulturelle Programme und wollen das gegenseitige Kennenlernen fördern. Am 2. März beginnt in Düsseldorf die Woche der Brüderlichkeit. Unter dem Motto »Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist« hat die GCJZ ein Rahmenprogramm erarbeitet, das mit Lesungen, Gottesdiensten, Stadtrundgängen und Vorträgen ein Bild vom Judentum vermitteln soll. Wie viel mehr Judentum noch sein kann außer den üblichen, auch wichtigen Synagogenrundgängen und Vorträgen, kommt leider nicht so zur Geltung. Zwar gibt es ein Eröffnungskonzert mit russisch‐jüdischen Musikern, »doch einige andere Veranstaltungen, die zeigen, wie der Alltag in Israel aussieht, kamen leider nicht zustande«, sagt Andrea Sonnen, Geschäftsführerin der GCJZ in Düsseldorf. Diese Aspekte sollen in den kommenden Monaten ausgearbeitet werden. Auch die Gesellschaften brauchen einen jugendlichen Impuls, denn wie vielen jüdischen Gemeinden fehlen auch ihnen die jungen Leute.
Georg Haas ist katholischer Vorsitzender der GCJZ in Heidelberg und wünscht sich, dass viel mehr Jugendliche zu den Vorträgen kommen. »Vielleicht liegt das an dem Überangebot an anderen Veranstaltungen, die es in Heidelberg gibt«, sagt er. Vielleicht liegt es aber auch am Programm selbst, denn mit Lesungen und Vorträgen, das ist kein Geheimnis, trifft man nicht gleich auf Anhieb den Geschmack der Jugend. Dieser Aufgabe hat sich das Forum Junger Erwachsener (FJE) als Teil des Deutschen Koordinierungsrat (s. Infokasten) angenommen. Die zehn Mitarbeiter stehen zwar noch am Anfang ihrer Arbeit, aber sie haben erkannt, dass interreligiöser Austausch mehr sein muss, als sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. »Natürlich ist die Geschichte wichtig, doch wenn junge Christen und Juden zusammensitzen, dann möchten sie sich auch über gemeinsame Interessen wie Musik oder Film austauschen«, sagt Christoph Knack. Der 30‐jährige angehende Pfarrer ist im Vorstand des FJE und möchte mit seinen Kollegen ein Netzwerk für einen jungen Dialog aufbauen. Ein erster Schritt ist ein Stand auf dem Straßenfest zur Woche der Brüderlichkeit in Düsseldorf. »Wir wollen Passanten ansprechen, die uns ihre Wünsche und Vorstellungen zum christlich‐jüdischen Dialog aufschreiben sollen. Ganz im Sinne des Mottos der Woche der Brüderlichkeit«, sagt Knack. Wie sich die Arbeit des Forums Junger Erwachsener entwickeln wird, »das werden wir dann in einem Jahr sehen. Auf jeden Fall muss mehr Alltag in den Dialog zwischen Christen und Juden.« Ein Wunsch, mit dem er nicht alleine dasteht. Und eine neue Herausforderung für die Christlich‐Jüdischen Gesellschaften.
Das sieht auch Marina Fedorova so. Sie ist die jüdische Vertreterin in der Bonner Gesellschaft für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit. Das Arbeitsklima beschreibt die Sozialarbeiterin als »sehr gut«. »Die einzige Schwierigkeit, die wir haben, ist einen gemeinsamen Termin für die Veranstaltungen zu finden.« Zwar gibt es auch in ihrem Programm Vorträge und Seminare. Aber Fedorova, die seit gut einem Jahr dabei ist, hat bei der Veranstaltungsplanung auch die Jugendlichen im Blick. So ist zum Beispiel eine gemeinsame Reise von christlichen und jüdischen Jugendlichen nach Israel geplant.
Bis dahin hat Fedorova aber noch einiges zu tun, denn die Sozialarbeiterin hat sich vorgenommen, die GCJZ »persönlicher« zu machen, so dass die Interessierten immer einen Ansprechpartner haben, wenn sie ihn sich denn wünschen.
Mit dem Wünschen ist es allerdings so eine Sache. In Bayreuth hätte man von jüdischer Seite gern, dass auch bei ihnen die nach dem umstrittenen Landesbischof Hans Meiser (1881–1956) benannte Straße einen anderen Namen bekommt. Die Diskussion überschattet zwar nicht die Arbeit in der GCJZ, die der Gemeindevorsitzende Felix Gothart als gut bezeichnet. Sie steht aber für eine Aufgabe, die sich die Gesellschaften von christlicher Seite gegeben haben und die auch einen Teil des Selbstverständnisses ausmacht: Vergangenheitsauf‐ arbeitung. Deswegen sei der Blick zurück in den Veranstaltungen wichtig, der Alltag dürfe aber nicht vernachlässigt werden. Und dazu gehört eben auch, Jugendliche miteinzubinden. Im Film ist das einfach: Junge, Alte, Juden und Christen – alle traulich vereint. Happy End inklusive.

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