Passport Europa

Brückenpfeiler

von Olaf Glöckner

Tomer Orni hasst Vorurteile und Klischees. Der studierte Historiker, Manager und amtierende Vizepräsident des European Council of Jewish Communities (ECJC) stört sich nicht nur am Antisemitismus, sondern auch an einer wachsenden Islamophobie: „Wir alle wissen, dass Europa dynamisch und stark ist, aber auch sehr zerbrechliche Seiten hat. Manchmal habe ich das Gefühl, die Zeit läuft uns weg.“ Gemeinsam mit muslimischen und jüdischen Freunden aus der Türkei, Schweden, England, Italien und Deutschland hat Tomer Orni das Pilotprojekt „Passport Europa“ entwickelt, das der ECJC finanziell fördert und das mittlerweile auch die deutsche Regierung unterstützt.
„Passport Europa“ steht für gegenseitige Toleranz und Respekt – und soll die Startbasis für ein muslimisch‐jüdisches Netzwerk quer durch Europa bilden. Als ideellen Ausgangspunkt nehmen die Gründer „die historische Erfolgsgeschichte der muslimisch‐jüdischen Koexistenz in der Türkei“, und folgerichtig fand das Auftaktseminar im Juni in Istanbul statt.
Vergangenes Wochenende hatte „Passport Europa“ nun seinen ersten „Zwischenstopp“ in Berlin. Zwanzig beruflich gut etablierte Damen und Herren – Unternehmer, Informatiker, Journalisten, Anwälte und Wissenschaftler im Alter zwischen 25 und 35 – sahen sich zum zweiten Mal, geeint durch das ehrgeizige Ziel, grenzüberschreitend jüdisch‐muslimische Brücken zu bauen. Es sind die kulturellen Eliten von morgen, und sie gehen bemerkenswert un‐ verkrampft miteinander um. Sie schließen Freundschaften, entdecken gemeinsam Berlin und machen die Nacht zum Tag. Uneingeweihte könnten meinen, sich auf einem großen Familientreffen wiederzufinden.
Kernstück des Berliner Treffens war dennoch intensive Denkarbeit, vor allem ein langes Brainstorming am Samstag im zentral gelegenen Swissôtel. „Kultur definiert sich oft über Lyrik und Poesie“, erklärte dort Barbara Spectre vom PAIDEIA‐Institut für jüdische Studien in Stockholm. „Wir sollten unsere eigene Literatur kennen, dann erfahren wir mehr über uns selbst. Es bereitet uns auf neue Begegnungen vor, und natürlich sollten wir arabische und palästinensische Literatur lesen.“ Ozan Sunar, schwedisch‐muslimischer Fernsehjournalist, präsentierte seine Vision eher bildhaft: „Lasst uns eine kulturelle Alhambra bauen – Schritt für Schritt. Es gibt doch so viele Berührungspunkte. Bücher, Musik, Tanz, Speisen, Humor – das alles sind passende Bausteine.“ Erste „Bausteine“ nahmen die Teilnehmer sogleich Samstagnacht in Angriff. Zunächst lud Chabad Lubawitsch zu einer Synagogenbesichtigung in Berlin‐Wilmersdorf ein, später zu traditionellen jüdischen Speisen aus israelischer und osteuropäischer Küche. Im Anschluss ging es zur Sehitlik‐Moschee in Berlin‐Neukölln, dem größten türkisch‐muslimischen Gotteshaus in der Hauptstadt. Einer detaillierten Führung durch den farbenfrohen Bau im Basilika‐Stil folgten lockere Gespräche bei Baklava und türkischem Tee.
Die Berliner Nacht war für manche Teilnehmer die erste Gelegenheit, eine Moschee oder Synagoge von innen zu betrachten. Doch ein interreligiöser Dialog sollte es nicht werden. Es gebe in Europa auf diesem Gebiet schon genügend Austausch, bemerkte Lena Posner‐Körösi, Präsidentin des Zentralrates der Juden in Schweden. „Die Passport‐Europa‐Initiative ist offenbar bisher die einzige, die bewusst auf kulturelle und nicht auf religiöse Zugänge setzt.“
Dem Verhältnis von Kultur und Religion war dann auch eine Podiumsdiskussion am Sonntagmorgen gewidmet. Mit sieben Sprechern ein schwieriges Unterfangen. „Ist Religion Hindernis oder Anreiz für den Bau interkultureller Brücken?“ fragte Moderator Jonathan Joseph zugespitzt in die Runde. Ebi Lehrer von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sieht mehr Anreiz als Hindernis und ermuntert ausdrücklich zur verstärkten gegenseitigen Besichtigung von Synagogen, Moscheen, Kirchen und religiösen Bildungseinrichtungen. „Wir alle sollten unsere Türen noch etwas weiter öffnen, damit der andere die Angst verliert.“ Bekir Alboga von der Türkisch‐Islamischen Union (DITIB) versteht religiöse Vielfalt als göttlichen Willen, aber auch „als Verantwortung, den Menschen auf die Fragen ihres Lebens zu antworten“. Der Londoner Religionswissenschaftler Maqsood Ahmed sieht in der Religion „nur dann ein Hindernis, wenn Radikale und Fundamentalisten sie für eigene Zwecke missbrauchen“. Der profunde Kenner des sunnitischen Islam und prominente Berater staatlicher Einrichtungen in Großbritannien, glaubt nicht an das Ende von Multikulti: „Wir müssen es nur mit Leben füllen.“
Das Berliner Treffen galt als erste Momentaufnahme und Standortbestimmung gleichermaßen. Zukunftspläne für die kommenden Jahre sollen auf einer dritten Zusammenkunft im März 2009 in Stockholm geschmiedet werden. Schon jetzt aber sind sich die Teilnehmer ihrer Multiplikatorenrolle in Istanbul, Berlin, London, Stockholm oder Rom bewusst. „Kontaktaufbau vor Ort ist im Moment das Wichtigste“, sagt Mitinitiator Marat Schlafstein. Melisa Tokgoz aus Istanbul regt eine eigene Website an: „Sie könnte den Kreis der Interessenten erweitern.“ Und vielleicht habe man demnächst sogar die Kraft für eine eigene Zeitung, wirft Ozan Sunar ein. „Das wäre dann schon eine kleine Alhambra.“

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