Besuch in Auschwitz

Blick zurück nach vorn

von Holger Biermann

Ganz oben über den Dächern Leipzigs, im vierten Stock eines Gebäudes der Universität, trafen sich in der vergangenen Woche 15 Jugendliche und eine Handvoll Betreuer, um eine Reise zu planen. Eine Reise in die deutsch-jüdische Vergangenheit. Eine Reise ins polnische Auschwitz. Besucht werden sollen dort das ehemalige Vernichtungslager der deutschen Nazis, das benachbarte Außenlager Birkenau und die Ortschaft Auschwitz selbst. Danach ist ein zweitägiger Aufenthalt in Krakau geplant.
Eine besondere Fahrt – das gilt in doppelter Hinsicht, denn die teilnehmenden Jugendlichen sind Juden und Nichtjuden aus Chemnitz, Dresden und Leipzig, die sich gemeinsam mit der Geschichte, auch der ihrer Großeltern, auseinandersetzen wollen. Das Treffen in Leipzig war in diesem Sinne ein erstes Kennenlernen.
Organisiert hat die Fahrt die jüdisch-christliche Arbeitsgemeinschaft des Landes Sachsen. Deren Vorsitzender, Timotheus Arndt, Lehrbeauftragter für Judais- tik an der Universität Leipzig, hält dieses Unternehmen für enorm wichtig. »Ohne die Erinnerung an die Geschichte wird die Zukunft immer wieder in Sackgassen enden«, sagt er. Mit-Organisatorin Ruth Röcher, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz und Religionslehrerin, verweist auf die Sensibilität des Vorhabens. Sie habe ihre erste Begegnung mit Auschwitz, dem Ort des Schreckens, in sehr schwerer und unangenehmer Erinnerung. »Das soll diesmal anders werden«, sagt die gebürtige Israelin. »Ich freue mich, mit so vielen jungen Menschen noch einmal dorthin zu fahren.« Sie hoffe auf eine versöhnende Fahrt und dass die Teilnehmer, trotz all der beklemmenden Gefühle, die sie erwarteten, in Polen als Gruppe zusammenwachsen.
Eine Grundlage dafür wurde in Leipzig gelegt. Nachdem alle Teilnehmer auf im Kreis angeordneten Stühlen Platz genommen hatten, wurde mit einem Spiel begonnen. Dabei stellte sich jeder mit Namen vor und wiederholte zugleich die der anderen sowie ein positives Adjektiv, das sich alle Teilnehmer als Zusatz wählen durften. Von »Alex, ehrenamtlich« bis »Timotheus, treu« bekam jeder im Kreis einen ersten Eindruck der Mitreisenden.
Danach wurden alle Teilnehmer in immer andere Gruppen eingeteilt. Zu zweit sprachen sie über das Wetter, zu viert über ihre Herkunft oder zu fünft über mögliche Leitsätze der Reise. Es folgten weitere Kennenlernspiele: »Schreiben Sie eine Frage, die Sie gern beantworten möchten, auf einen Zettel«, lautete eines davon. Diese Zettel wurden anschließend gemischt und wieder verteilt. »Bist du mit deinem Leben zufrieden?«, fragte da jemand. Oder: »Was ist die peinlichste Geschichte, die dir je passiert ist?« Die Antworten darauf waren meist kurz, wenig persönlich und oft verlegen. Doch nach und nach – das gesamte Treffen dauerte etwa vier Stunden – entwickelten sich doch Gespräche. Die anfängliche Unsicherheit der Teilnehmer verflog. Schon bald wurde gelacht. Und als am Ende alle Teilnehmer nach ihren Erwartungen, Hoffnungen und Wünschen für diese besondere Reise gefragt wurden, überwog bei den meisten eine Art Vorfreude. Eine gewisse Spannung, das Unbeschreibliche in eigene Bilder zu fassen und darüber zu sprechen. Eigene Erfahrungen später vielleicht vermitteln zu können und daran zu wachsen.
So sagte der 17-jährige Boris Oratovschi aus Chemnitz: »Seit ich neun Jahre alt bin, ist Auschwitz bei uns in der Familie ein Dauerthema. Ich möchte diese Chance nutzen, um mehr über meine jüdische Geschichte zu erfahren.« Ähnlich geht es der ebenfalls 17-jährigen Katja Lurie, die mit vier Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam und hofft, durch den Besuch in Auschwitz »heilsame Erfahrungen« zu machen. Mit auf den Weg nach Auschwitz macht sich auch der 18-jährige Rafael Arndt. Er ist nicht Jude und fährt mit, weil er seit langem Interesse an dem Thema habe. »Es ist sicherlich keine leichte, aber eine wichtige Reise«, sagt er.
Besprochen wurden in Leipzig auch die organisatorischen Fragen. So wurde für Teilnehmer mit russischem Pass, die – anders als EU-Bürger oder Bürger der Ukraine – ein Visum für Polen brauchen, Hilfe angeboten. Teilnehmern unter 18 Jahren wurde erklärt, einen Rechtsschutzbogen mit Notfallnummern auszufüllen, und auch generelle Empfehlungen wurden gegeben. Zur vorbeugenden Zeckenimpfung beispielsweise oder zur Höhe eines angemessenen Taschengeldes, das 50 Euro nicht überschreiten sollte. Thema war auch das Essen. Da alle Mahlzeiten für die gesamte Gruppe und damit für koscher- und nicht koscher-essende Teilnehmer organisiert werden, einigte sich die Gruppe darauf, sich während der Fahrt ausschließlich vegetarisch sowie von Fisch zu ernähren.
An Fahrtkosten fallen für alle Teilnehmer nur 100 Euro an. Ruth Röcher: »Die Reise wird gefördert, um ganz bewusst auch Kindern aus sozial schwachen Familien eine Beteiligung an der Fahrt zu ermöglichen.« Die Busreise startet am 22. Juli, acht Stunden dauert die Fahrt, die für gemeinsames Singen und verschiedene Vorträge genutzt werden soll. Am 27. Juli geht es dann von Krakau aus zurück nach Deutschland. Zum Abschluss der Reise ist ein gemeinsamer Erew Schabbat in der Chemnitzer Synagoge geplant. Ruth Röcher: »Ein so fröhliches Fest am Ende einer so intensiven Reise ist ein passender Ausklang.«

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