kollektiv

Blick aufs Ganze

Die Tora umreißt im Wochenabschnitt Ki Tawo die Vorschrift des Dankopfers. Es musste einst im Heiligtum aus den ersten reifen Früchten des jüdischen Landes dargebracht werden und sollte die Dankbarkeit des Bauern für Land und Ernte, die ihm G’tt zuteil werden ließ, zum Ausdruck bringen. »Wenn du in das Land kommst, das der Ewige, dein G’tt, dir als Erbe überlässt, und du hast es in Besitz genommen und wohnst bereits darin, dann sollst du von den ersten aller Bodenfrüchte« ein Opfer darbringen (5. Buch Moses 26, 1–2).
Das Opfern der Erstlinge sollte ein Ausdruck vollkommener, ungetrübter Freude sein. Es bezog sich lediglich auf jene Früchte, durch die das Land Israel in der Tora ausgezeichnet und gepriesen worden war: »ein Land mit Weizen und Gerste, mit Weinstock, Feigenbaum, Granatäpfeln, Ölbaum und Honig« (5. Buch Moses 8,8).

zehnt Zu einer weiteren Zeremonie, dem Ma’asser, wird in dieser Parascha der jüdische Bauer im eigenen Land verpflichtet. Diese Zehntel‐Abgabe war in jedem dritten Jahr fällig. Sie wurde nicht, wie die Ma’asser Scheni, das zweite Zehntel, nach Jerusalem hinaufgebracht, sondern unter den sozial Schwächeren der Stadt verteilt.
Wenn der Landwirt dieser Verpflichtung nachkam, machte er folgende (Steuer)-Erklärung: Ich habe gebracht, was ge‐ heiligt ist, aus meinem Hause und habe es gegeben den Leviten, den Fremdlingen, den Waisen und den Witwen, nach all Deinem Gebot, das Du mir geboten hast; ich habe Deine Gebote nicht übertreten noch vergessen …; ich habe nichts davon zu den Toten gegeben; ich bin der Stimme des Herrn, meines G’ttes, gehorsam gewesen und habe alles getan, wie Du mir geboten hast. Blicke auf uns herab und segne Dein Volk Israel und das Land, das Du uns gegeben hast, wie Du unseren Vätern geschworen hast« (5. Buch Moses 26, 12–15).
Aus diesen für uns immer aktuellen Aussagen des Landwirts ist zu ersehen, dass er den Segen G’ttes nicht für seine Arbeit, seinen Boden und Ertrag erbittet, sondern für das gesamte Land und Volk.
Bei der ersten Zeremonie, die diese Parascha beschreibt, wird ein Dankgebet des Landwirts über die Ernte des von G’tt geschenkten Landes vorgeschrieben (26, 1–11). Bei den traditionellen in der Tora vorgeschriebenen Geboten wird stets das Volk Israel (»wir«) hervorgehoben und nicht das Individuum. Dieser Grundgedanke ist bis heute gültig. Wenn wir um die Genesung unserer Kranken flehen, so tun wir es für all unsere Kranken und Gebrechlichen. Ebenso erflehen wir eine gute Ernte für das ganze Land. Das Wohlergehen der Gesamtheit sichert das Glück des Einzelnen.

prophetenwort Die Haftara enthält auch in dieser Woche – über einen Monat nach Tischa BeAw – ein Trostwort nach dem Fall Jerusalems: »Man soll keinen Frevel mehr hören in deinem Lande, noch Schaden oder Verderben in deinen Grenzen« (Jesaja 60,18).
In seiner Rede sagt Moses zu seinem Volk: »Und alle Völker der Erde werden se‐hen, dass der Name des Ewigen über dich genannt ist« (5. Buch Moses 28,10). Ein Rabbi im Talmud wundert sich: »Woran könnten die Völker der Erde das Zeichen der g’ttlichen Erwählung erkennen?« Ein anderer Gelehrter antwortet: »an den Tefillin, die sie an der Stirn tragen« (Berachot 7). In der Tat verlangt die Tora von den Israeliten, auf ihrem schwächeren, meist linken, Arm und auf dem Kopf ein Zeichen des Bundes mit G’tt anzubinden und zu tragen.
Wegen der »klassischen Rollenverteilung« zwischen Mann und Frau ist es im Judentum üblich, dass die Tefillin von den Männern angelegt werden. Jedoch verbieten die Schriften nirgendwo, dass auch Frauen diese Bundeszeichen anlegen dürfen. Doch es sind uns bis heute nur wenige Berichte überliefert, dass äußerst fromme Frauen dies erfüllt hätten.
Samson Raphael Hirsch (1808–1888), der Begründer der deutschen Neoorthodoxie im 19. Jahrhundert, meinte, dass die Toratreue und das ethische Verhalten der Juden, deren Zeichen die Tefillin sind, ihnen gewiss die Anerkennung der Völker bringen werden. Wie wir wissen, hat die Wirklichkeit bis heute Rabbi Hirsch nicht bestätigt.
Ein anderer, ein chassidischer Rabbi bezeichnete die Tefillin als »Geheimwaffe der Israeliten«. Sie könnte die übrigen Völker davon überzeugen, dass wir bedingungslos an unseren G’tt und seiner Tora festhalten, und dem werden sie Anerkennung zollen. Auch darauf muss man noch warten.
Über die Tefillin als »Geheimwaffe« erzählte Josef Burg (1909–1999), ein früherer israelischer Politiker, eine wahre Begebenheit: Als er einmal als Minister für Tele‐kommunikation zu Besuch in einem ostafrikanischen Land weilte, wurde er zu einem Ausflug eingeladen. Wegen der großen Entfernung brachen sie noch in der Dunkelheit auf. Der fromme Minister konnte seine Tefillin in der Unterkunft noch nicht anlegen, um seine Gebete zu sprechen. Er wollte dies unterwegs bei Tageslicht im Auto nachholen. Kaum hatte er seine Tefillin an Kopf und Arm angelegt, merkte er, dass seine Gastgeber zusehends unruhiger wurden. Schließlich hielt der Konvoi an, Burgs afrikanische Begleiter führten aufgeregte Telefongespräche und erhielten Anweisungen. Der Minister brach seine Gebete ab, und fragte nach dem Grund der Unruhe. Da stellte sich heraus, dass die Gastgeber glaubten, es mit einem »Meisterspion« und »Zauberer« zu tun zu haben, der die modernste Telekommunikation verwenden könne.

verschwörung Nicht so glimpflich erging es mir, als die Angehörigen der Roten Armee mich nach dem Ungarn‐Aufstand 1956 an der Grenze festnahmen. Beim Durchsuchen meiner Habseligkeiten entdeckten sie meine Tefillin, konfiszierten sie und sperrten mich ein. Erst am nächsten Tag kam ein Offizier und gab sie mir zurück. In barschem Ton sagt er, ich könne von Glück reden, dass man mich wegen des vermeintlichen »Geheimsenders« nicht wie einen Spion behandelt hätte. Dass er, ein Jude, für die nötige Klärung gesorgt hatte, traute er sich nicht, mir offen zu sagen. Wer weiß, vielleicht hätte es sein Politkommissar als »jüdische Weltverschwörung« gedeutet.

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