Silvia Dzubas

Blau ist die Stille

von Erica Fischer

Daß sie ihren Eltern ihre Wohnung nicht mehr zeigen kann, macht sie traurig. Silvia Dzubas wohnt in luftiger Höhe, auf der einen Seite der Weißensee, auf der anderen der berühmte gleichnamige jüdische Friedhof, in dem vier Dzubas‐Generationen begraben liegen. Vom Bett aus sieht die Malerin den Tagesanbruch, nachts von der Terrasse die Sterne. In diesem hellen, karg eingerichteten Raum im Dachgeschoß der einstigen Nava‐Lampenfabrik – Schlafzimmer, Küche mit bereitgestellten Bio‐Keksen und Schauraum in einem – fühlen sich Besucher bald wohl. Auch wenn die Frau, die einem die Tür öffnet, ungewöhnlich ist.
Bunt. Mit diesem Wort könnte man sie zusammenfassen. Nicht nur ihre Kleidung – rot‐grün gestreifter Pullover und blaue Kordsamthose – ist bunt, die ganze kompakte 60jährige mit ihren zwei unterschiedlichen Augen ist ein Bündel von Energie und Emotion. Mit großer Ungeduld will sie ihre Bilder zeigen, den Tee servieren und für den Fotografen posieren, alles auf einmal. Und die Posen bestimmt sie selbst, trägt Bilder und Gegenstände auf die Terrasse, will nichts dem Zufall überlassen.
Diesem Durchsetzungswillen hat es die Nichte des berühmten in die USA ausgewanderten Malers Friedel Dzubas zu verdanken, daß sie auf Umwegen geworden ist, wonach ihr insgeheim schon mit 14 Jahren der Sinn stand: Malerin. Doch in der DDR Kunst studieren wollte sie nicht. Auf figürliche Studien hatte sie keine Lust. Dann schon lieber eine Ausbildung zur Bibliothekarin an der Uni Leipzig. Für Bücher hatte sie sich schon immer interessiert. Mit 13 las sie das Tagebuch der Anne Frank und führt seither selbst Tagebuch. Mit 15 sollte sie einmal wöchentlich einen Unterrichtstag in der Produktion absolvieren. Die Mutter setzte durch, daß ihre Tochter in der Staatsbibliothek arbeiten durfte. Dort bekam sie Bücher zu Gesicht, die den DDR‐Bürgern verborgen blieben, machte Bekanntschaft mit Chagall und dem in der DDR als dekadent geächteten Salvador Dali. Als ruchbar wurde, daß sie ihre Lieblingsbücher übers Wochenende mit nach Hause nahm, erhielt sie einen Verweis.
Schon früh wurde klar, daß Silvia Dzubas anders war als die meisten. Ihr Freiheitsdrang war unbezähmbar. Daß sie sich die Bücher, die sie las, und die Länder, in die sie reiste, nicht selbst aussuchen durfte, war ihr unerträglich.
Die Eltern ließen der Tochter den Freiraum, den sie brauchte. Silvias Kindheit in Friedrichshagen war behütet. Keine Beziehung in ihrem Leben sei an Tiefe mit der zu ihren verstorbenen Eltern vergleichbar, sagt sie. Der jüdische Vater war der Ernste in der Familie, ein Kommunist mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, der manchmal weinend von der Parteiversammlung heimkam, weil er die Betonköpfe nicht ertragen konnte. Im Herzen war er Künstler, aber er gestand sich das Malen nicht zu. Nach dem Lager in Berga, einer Außenstelle des KZ Buchenwald, durfte er sich kein Glück erlauben. Auch nicht das des Jüdischseins. Wenn er Kerzen oder bärtige Männer sah, mußte er den Blick abwenden. Die nichtjüdische Mutter lebte Silvia Leichtigkeit vor, spielte jeden Morgen mit den Kindern Märchentheater, nähte Puppenkleider und schmuggelte, charmant mit den Augen rollend, für ihre später in Westberlin lebende Tochter Lebensmittel über die innerdeutsche Grenze.
Ein Ölbild aus dem Jahre 1997 mit dem Titel „Transfer“ zeigt rotgelbe Kokons auf blauem Grund schwebend. „Meine Eltern leben fort in Kapseln und Kokons“, sagt Silvia Dzubas. „So geben sie ihre Botschaften an mich weiter.“ Zum Beispiel, daß Kunst Leben retten kann. Im Lager erkrankte der Vater an einer Gesichtsrose. „Sind Sie mit dem Grafiker Willy Dzubas verwandt“, fragte der Aufseher. Als Kurt Dzubas bejahte, gab man ihm das Medikament, das ihn überleben ließ.
Im Sommer 1968 reiste Silvia ins „politische Woodstock“ Prag, als Zwischenstation vor der Flucht in den Westen. „Sollte sich Gott noch einmal besonnen haben, den Kommunisten und Weltverbesserern eine letzte Chance einzuräumen?“, fragte sie sich angesichts der überschäumenden Stimmung. Doch ihre Flucht war schon vorbereitet. Daß sie mißlang, machte ihr damals nichts aus. Dann kam der 21. August, und die sowjetischen Panzer nahmen auf dem Wenzelsplatz Aufstellung. Alle Ausländer sollten innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen. Mit der brüderlichen Hilfe von Prager Freunden gelang es Silvia, weitere drei Monate in der CSSR zu bleiben und noch vier Fluchtversuche zu unternehmen. Der sechste gelang.
Am 23. Oktober 1968 wurde sie von zwei jugoslawischen Fluchthelfern in Wien abgeliefert. Im Flüchtlingslager Gießen erhielt sie ihren bundesdeutschen Paß. In Ostberlin wurde ihrem Vater die Opfer‐Rente gekürzt. Es war nicht das erste Mal, daß er gemaßregelt wurde. „Das hast du richtig gemacht“, sagte er ihr dennoch später, als sie sich gegenseitig besuchen durften. Einen so stolzen Tonfall hatte sie noch nie bei ihm vernommen.
Silvia fiel es nicht leicht, sich im Westen zurechtzufinden. Vor den maoistischen Studenten, die stalinistischer waren als die Parteikader der DDR, mußte sie ihre Flucht verheimlichen. Brav brachte sie das in Leipzig begonnene Studium zu Ende und studierte dann noch eine Weile weiter, Slawistik und Theaterwissenschaften. In einem Dorf in Kreta fand sie endlich zu sich selbst. Zehn Jahre nach ihrer Flucht aus der DDR beschloß sie, Malerin zu werden.
An der Hochschule der Künste legte sie ihre Mappe vor. „In der Farbe sind sie sicher“, bescheinigte ihr der Professor, „arbeiten Sie einfach weiter.“ Von da an änderte sich ihr Leben. Keine Bohemienexistenz mehr, keine Treffs zum späten Frühstück, keine durchfeierten Nächte. Nun stand die Malerei im Mittelpunkt. Diese Ernsthaftigkeit hat ihr seither eine Menge Stipendien und Preise eingebracht, samt Ankauf eines ihrer Bilder durch den Deutschen Bundestag.
Die großformatigen Gemälde von Silvia Dzubas sind ausschließlich abstrakt. Die Frage nach dem Warum weist sie zurück: „Es ist ein folgerichtiger Schritt in der Malerei.“ Die Farbflächen geben Auskunft über ihre innere Welt. Sie laden ein zur Meditation, ziehen den Blick hinein in hinter der Oberfläche Erahntes. „Juchzen + Stille“ heißt ihre am 2. April eröffnete Ausstellung in der Berliner Auguststraße, der Titel eines ihrer Bilder. Das Juchzen ist rot, die Stille blau. Es ist auch das Lebensmotto der Malerin. Sie ist gern laut, eine lustvolle Selbstdarstellerin. Dann aber ist sie auch wieder still, zieht sich zum Malen, Denken und Schreiben in ihr kretisches Dorf zurück. Und wenn die Verzweiflung groß ist, besucht Silvia Dzubas auch die Synagoge. „Meine Seele braucht manchmal ein zum Himmel geöffnetes Fenster“, sagt sie. Das sieht man ihren Bildern an.

Galerie Niering + Stern, Auguststraße 83, 10117 Berlin‐Mitte, noch bis zum 6. Mai

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