Omer-Zeit

Bis das Maß voll ist

von Dvorah Ushpizai

Die Tradition des Omer‐Zählens geht zurück auf die Tora: „Vom Tag nach dem Schabbat, an dem ihr die Garbe für die Darbringung gebracht habt, sollt ihr sieben volle Wochen zählen. Zählt fünfzig
Tage bis zum Tag nach dem siebten Schabbat …“ (3. Buch Moses 23, 15–16). Dabei treffen hier zwei Gebote zusammen – die Tage zählen und das Omer (Opfer der Garben) bringen –, wobei jedes der beiden Ge‐
bote eigene Verständnisschwierigkeiten mit sich bringt.
Das Gebot „die Tage zählen“ ist recht seltsam. Es gehört nicht zur Kategorie der Chukkim genannten Gebote, Gesetze, von denen wir nicht wissen, aus welchem Grund sie aufgestellt wurden. Es hat auch keine Ähnlichkeit mit jenen Geboten, die die Beziehungen zwischen Menschen und G’tt regeln, wie Schabbat und Feste, Gebet, Gelöbnisse und so weiter.
Gewiss sind die 613 Gebote, die den Israeliten auferlegt wurden, äußerst vielgestaltig. Selbst jene, die sich auf die Regelung der Feste beziehen, haben alle eine andere Form, angefangen von Pessach und dem Verbot, an diesem Fest gesäuertes Brot zu essen, über Sukkot und den Brauch, im Freien zu verweilen, bis hin zu Rosch Haschana und Jom Kippur. Doch wir können diese Feiertage verstehen, weil die sie betreffenden Gebote sich daraus erklären lassen, dass sie ganz bestimmter Ereignisse gedenken.
Die Idee hingegen, eine bestimmte Anzahl von Tagen und Wochen zu zählen, ist außergewöhnlich und taucht in keinem anderen Gesetzeskodex der Welt auf. Das Omer‐Zählen bleibt ein Geheimnis, und die jüdische Mystik hat ihm zusätzliche Tiefe (oder Höhe) verliehen: „Durch das Omer‐Zählen wird großer Überfluss in alle Welt gebracht.“
Wir wollen versuchen, uns einer Erklärung anzunähern. Wie wir wissen, ist unser wertvollstes Gut die Zeit. Wenn Zeit „verloren geht“, kann sie nicht zurückgewonnen werden. Vielleicht soll uns das Gebot diese Tatsache ins Gedächtnis rufen. Es spornt uns an, eine bestimmte Reihe von Tagen des Jahres zu zählen, so wie wir Edelsteine oder Silbermünzen zählen würden – nur zu dem Zweck, uns daran zu erinnern, dass die Zeit unser wertvollster Schatz ist, damit wir sie nicht einfach verstreichen lassen, ohne etwas mit ihr anzufangen. Zudem erwartet uns am Ende ein wichtiger Feiertag – das Fest, mit dem wir den Empfang der Tora feiern. Man könnte diese Tage auch als eine Art Brücke sehen, die die Israeliten überqueren mussten: von der Verunreinigung Ägyptens bis zur Heiligung am Berg Sinai.
Zum Gebot des Omer gehört die Zeremonie der allgemeinen Gerstenernte, „mit großem Getue“ (Menahot 6,3) – das Getreide mahlen und das Mehl sieben, bis das Maß eines Omer voll, das heißt die geforderte Menge erreicht ist, und dann eine Prise davon auf dem Altar darbringen. Der Rest wird von den Priestern verzehrt. Nachdem das Opfer dargebracht wurde, war es den Israeliten erlaubt, die neue Ernte überall zu genießen.
Die Weisen gehen auf die Seltsamkeit dieses Gebots und was es bedeutet ein, wie wir dem Kommentar im Levitikus Rabbah (28,3) entnehmen können. R. Berachya sagte: Der Heilige, gesegnet sei Er, sagte zu Moses: „Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, ein Omer je Kopf. Jeder darf so viel Omer holen, wie Personen im Zelt sind“ (2. Buch Moses 16,16). Jetzt, da ihr mir gebt, erhalte ich nicht mehr als ein einziges Omer von euch allen zusammen, und noch dazu ist es Gerstenmehl (das im Vergleich zum Weizen als minderwertig galt).
Was R. Berachya damit ausdrücken wollte, ist, dass der Heilige, gesegnet sei Er, die kleine Handvoll Mehl, die Er von den Israeliten bekommt, nicht braucht. Er wird weder reich noch satt davon, denn Er ist es, der den Menschen Brot zu essen gibt. Doch die Menschen können lernen, ihre Herzen und Augen dem Himmel zu‐
zuwenden und den Einen erkennen, der ihnen Brot gibt. Und das geschieht durch das Mittel eines symbolischen Geschenks, und sei es noch so lächerlich klein. Die Gemara führt weiter aus, wie der Erhebungsritus vollzogen werden soll: „‚Herbeiführen und darbringen‘, trennen für Ihn, dem der Wind untersteht; ‚heben und senken‘ dem gegenüber, dem Himmel und Erde gehört“ (Menahot 62a).
In den beim Omer ausgeführten Handlungen kommen der Glaube und die tiefe Erkenntnis zum Ausdruck, dass die gesamte Natur einer einzigen Quelle entspringt, dem Heiligen, gesegnet sei Er, dem die Welt untersteht. Die natürliche Ordnung der Dinge ist nicht selbstverständlich. Sie ist die Frucht der göttlichen Vorsehung. Menschen müssen handeln, doch ohne Hilfe des Herrn, der das ganze System am Laufen hält, der „bewirkt, dass der Wind bläst und der Regen fällt“, wird menschliches Wollen und Tun „vom Winde verweht“ und führt zu nichts. So stellt die Ge‐
mara fest (Sabbat 31a): „Resh Lakish sagte: ‚Die Treue zu Deinem Volk war sein Reichtum, Weisheit und Glaube Triumph‘ (Jesaja 33,6) – Treue bezieht sich auf seder zeraim“. Der Tossafot erklärt: „Der Jerusalemer Talmud sagt ausdrücklich, dass ein Mensch mit dem Glauben an den Immerwährenden G’tt säen kann.“
Die Darbringung des Omer ist eine einmalige Handlung. Nachts wird die Ernte eingebracht, am nächsten Morgen wird das Omer‐Opfer vollzogen. Das Zählen hingegen zieht sich über 49 Tage hin. Warum wird beides unter dem Namen des „Omer‐Zählens“ zusammengefasst? Auf den ersten Blick einfach deshalb, weil beides am gleichen Abend beginnt. Doch es scheint auch noch eine tiefere Verbindung zwischen den beiden Dingen zu bestehen, die über die bloße Gleichzeitigkeit der beiden Gebote hinausgeht. Ihre Verbindung schmiedet das erste Glied einer Kette des Glaubens: Dieses erste Glied zeigt, dass die Natur und unser Lebensunterhalt von G’tt abhängen. Das Zählen der 49 Tage liefert die Zwischenglieder, während das letzte Glied unsere Annahme des geschriebenen Gesetzes vom Himmel ist. Dem wird ein weiteres Element des Glaubens hinzugefügt – die Annahme des mündlichen Gesetzes.
„Der Tag nach dem Schabbat“ – den Weisen gemäß bedeuten diese Worte den ersten Tag von Pessach. Es ist bekannt, dass die Sadduzäer anderer Meinung wa‐
ren und behaupteten, es sei der reguläre Schabbat der Woche, Schabbat Bereschit, gemeint. Dieser Streit hatte ernsthafte Folgen für das Datum des Festes der Wochen: In der Tora ist kein ausdrückliches Datum festgelegt, es hängt vom Zählen des Omer ab. Eine Reihe von Kommentatoren vermuteten aber, dass es bei dem Streit nicht nur um das Datum ging, sondern auch ein ideologisches Element eine Rolle spielte.
Rabbi Isaac Hacohen Kook sel. A. erörterte die Frage, warum im Omer‐Gebot der erste Tag von Pessach als „Schabbat“ gilt. Seine Diskussion beginnt mit einem Res‐
ponsum von Rabbi Dan Plotzek zu dieser wichtigen Frage, auf das seine eigene Er‐
klärung folgt. Die Heiligkeit des Schabbats wurde durch den Heiligen, gesegnet sei Er, eingesetzt und entspricht der schriftli‐
chen Tora. Die Heiligkeit der Festtage wurde durch die Weisen festgelegt und entspricht der mündlichen Tora. Um Rabbi Kook zu zitieren: „Die Sadduzäer wollten wie alle anderen Nationen sein, nichts mehr als eine nationale Ansammlung von Menschen, und daher kämpften sie da‐
rum, die Heiligkeit auszureißen, sodass die heiligen Festtage nicht Schabbat genannt wurden.“ Drei Stränge laufen hier zusammen: das Gebot der Darbringung des Omer, das dem Glauben an den Schöpfer entspringt. Das Omer‐Zählen, das zum Glauben an Ihn, der uns die schriftliche Tora gab, führt. Und die Erscheinung G’ttes am Berg Sinai, mit dem Gebot, das „den Tag nach dem Schabbat“ betrifft und auf dem Glauben an die mündliche Tora gründet.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Bar‐Ilan‐Universität, Ramat‐Gan/Israel. Die Autorin ist dort Dozentin an der Talmud‐Abteilung. www.biu.ac.il

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