Harry Rhaeser

»Big or small?«

von Christine Schmitt

Lässig lehnt sich Harry Rhaeser an den Tisch. Aber ernst und konzentriert spricht er zu den Kindern. »Look«, sagt er zu ihnen, die in einem Halbkreis vor ihm sitzen. Er fordert die Schüler der Talmud-Tora-Schule auf, sich das Bild, das er gerade herumzeigt, anzuschauen. Alle Kinder rufen »girl« – ein Mädchen ist nämlich auf der Karte abgebildet. Langsam und deutlich wiederholt Harry das Wort. Gleich darauf nimmt der Englischlehrer das nächste Bild vom Stapel. »Mouse«, sagen Benjamin und Deborah laut, etwas später auch die anderen Kinder. »Big or small?« fragt Harry und schaut seine jungen Schüler erwartungsvoll an. Small, meinen die Vier- bis Sechsjährigen. Harry spricht wieder alles klar nach und lobt sie. Sie hätten beim Englischunterricht in den vergangenen Wochen schon viel gelernt.
Sara, Benjamin, Deborah und Daniel werden so allmählich unkonzentriert. Also geht es ans Klavier und gemeinsam singen sie Lieder – auf Englisch natürlich. »If you are happy« heißt es in einem Song – und die Kinder können daraufhin wieder besser dem Unterricht folgen. Harry kennt die pädagogischen Tricks. Seit einigen Mo-
naten unterrichtet er an der Talmud-Tora-Schule Englisch. Neben den Vorschulkindern betreut er – ebenfalls ehrenamtlich – auch die Größeren und gibt ihnen sogar Einzelnachhilfe.
»Ich wollte Leute kennenlernen, als ich nach Berlin kam«, sagt Harry Rhaeser. Da-
mals hörte er von dem Lerntreff in der Joachimstaler Straße und bot seine Hilfe an. Und besonders die Arbeit mit Kindern ge-
nieße er. »Mein Engagement hat eigentlich gar keinen besonderen Grund«, meint der 50-Jährige. Vor zwei Jahren ist er aus Brasilien nach Deutschland gekommen. Seine Mutter stammt aus Italien, sein Vater hingegen aus der USA. »Ich bin überall auf der Welt zu Hause«, sagt er. Er sei auch viel herumgekommen. Hier in Berlin ist er nun vormittags als Lehrer in der Erwachsenenbildung tätig, und mittwochnachmittags oder sonntags in der Talmud-Tora-Schule. »Für mich ist das ein Ausgleich«, meint der Lehrer. Und sein Engagement sei keine Einbahnstraße, da sein Wunsch, andere Gemeindemitglieder zu treffen, so in Erfüllung gehen konnte.
Die Kinder sitzen wieder auf ihren Plätzen. Es geht weiter mit den Tieren und de-
ren englischen Namen. Wie viele Arme hat der Oktopus, ist der Pinguin weiß oder schwarz? Deborah und Daniel rufen die Antwort in den Raum. »Black and white.«
Oft seien es um 25 Kinder pro Unterrichtseinheit, sagt Bella Bairamov, Leiterin der Talmud-Tora-Schule. Die Kinder mö-
gen diese Stunden sehr, und die Eltern freuen sich, dass ihr Nachwuchs gefördert wird, meint sie. »Ich will jetzt schon Englisch lernen«, sagt der sechsjährige Benjamin, der im vergangenen Sommer erst eingeschult worden ist. Aber die Farben könne er in dieser Sprache noch nicht so gut, sagt er entschuldigend. Deborah mag den Englischunterricht sehr gerne, wie auch Sara. Heute wäre Sara allerdings lieber mit ihrem Vater spazieren gegangen. Er spreche bereits Russisch, Hebräisch, Deutsch und nun auch noch Englisch, meint der vierjährige Daniel stolz. Während die Kinder nun zur Teepause ge-
hen, macht Harry Rhaeser ohne Unterbrechung gleich weiter mit Nachhilfe. Der nächste Schüler wartet schon und be-
kommt nun Einzelunterricht.

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