russland

Beten statt Betten

Von der Zughaltestelle aus geht man vorbei an schmucken alten Holzhäusern im altrussischen Stil. Nur einige villenartige zwei‐ bis dreistöckige Neubauten rufen in Erinnerung, dass Moskau, wo das große Geld verdient wird, keine Stunde Fahrt mit dem Vorortzug entfernt liegt. Ein Idyll für Neureiche. Umgeben von dichtem Baumbestand fällt das schlichte zweistöckige Gebäude, das einstmals als Sanatorium der russischen Streitkräfte diente, gar nicht auf. An das Militär erinnert nichts mehr, denn hier hat eine Talmudhochschule für unverheiratete männliche Studenten eine feste Bleibe gefunden, die Jeschiwa »Torat Chaim«. Die Lehrer und Schüler suchen nicht die Öffentlichkeit, deshalb soll auch der genaue Ort nicht genannt werden.

studium David, der seinen wahren Namen aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung lesen möchte, lernt gegenwärtig im vierten Kurs und betätigt sich seit kurzer Zeit als Lehrender für jene, die in seiner Gruppe nur langsam Fortschritte machen. Er stellt damit eine Ausnahme dar. Mit Anfang 30 ist er außerdem nicht nur einer der ältesten Studenten, sondern auch einer von drei Verheirateten, die mit ihren Familien hier leben. Offiziell gehört David zwar dem Kollel, der »Versammlung« für verheiratete Männer in Moskau an, doch könnte er dort sein Torastudium kaum mit der gleichen Intensität betreiben wie in der Torat Chaim. »Ich bin noch nicht so weit, um mit den teils hochgebildeten Studenten des Kollels mitzuhalten«, begründet er seinen Entschluss, in der Jeschiwa zu leben.
Wie David bekennen sich in Russland viele erst im Erwachsenenalter zum Judentum. »Wir sind eigentlich alle Rückkehrer«, stellt er fest. »Nur zwei der Studenten hier stammen aus religiösen Familien.« Mit einer Handgeste verweist er auf seine Mitstudenten in der Kantine. »Übrigens haben längst nicht alle Schüler einen jüdischen familiären Hintergrund.«

herkunft Nur drei von etwa 40 Schülern stammen aus der russischen Hauptstadt, alle anderen haben teils weite Entfernungen zurückgelegt. Die Verweildauer kann von einem bis zu mehreren Jahren betragen. Während der Ferienzeit kommen Schüler aus anderen Regionen, um die Jeschiwa kennenzulernen, und so manch einer fasst nach solch einem Kurzbesuch den Entschluss zu bleiben.
Dabei fällt die Integration in den Lebens‐ und Studienablauf nicht allen Neuen leicht. Manche unterschätzen ihre Bereitschaft zur konsequenten Änderung bisheriger Gewohnheiten, andere finden, der zwanglose Umgang in der Jeschiwa missachte die religiöse Tradition. »Niemand schreibt vor, was man zu tun und zu lassen hat, niemand sagt, welche Kleider man tragen oder wie man sich die nötigen Sprachkenntnisse aneignen soll«, sagt David. Dennoch existiert ein fester Verhaltenskodex, den ein Student, vorausgesetzt, er nimmt sein Studium ernst, schnell durchschaut und akzeptiert. »Gespräche über dessen Einhaltung erfolgen erst dann, wenn es sich um grobe Regelverstöße handelt, beispielsweise wenn die Hälfte der Studenten das Morgengebet verschläft.« Kommt es aber so weit wie im Fall zweier junger Männer, die sich noch nach dreimonatigem Aufenthalt in der Jeschiwa am Schabbat ihre Zeit mit Musikhören und Rauchen vertrieben, steht nur noch ein Weg offen: Richtung Ausgang.

anfang Mit dem Vorsatz, Grundlagen für das religiöse Leben in der Sowjetunion zu schaffen, reisten vor fast 20 Jahren, im Spätherbst 1989, Izhak Zilber und Alexander Aizenshtat von Israel über Umwege nach Moskau. Die Perestroika machte es möglich. Aizenshtat hatte das Land Mitte der 70er‐ Jahre als junger Mann verlassen. In Israel begann er, sich ernsthaft mit der Malerei zu beschäftigen, erst später wandte er sich der Tora zu. Zilber bekannte sich bereits in der Sowjetunion zu seinem Judentum.
In einer Zeit, in der viele Juden die Emigration als einzigen Weg in eine bessere Zukunft betrachteten, waren die Pläne der beiden ein gewagtes Unterfangen. Überzeugungsarbeit mussten sie aber nicht nur vor Ort leisten, auch Sponsoren wollten gefunden werden. In Zürich trafen sie auf offene Ohren. Dort bildete sich ein jüdisches Unterstützerkomitee, das zumindest für die Anfangszeit die nötigen Finanzen aufbrachte. So entstand mit Alexander Aizenshtat als Direktor das »Zentrum für Torastudien« in Moskau, dessen Kernstück auch heute noch die Jeschiwa ist.
Die Torat Chaim hängt der litauischen Tradition des orthodoxen Judentums an und steht den Chabad‐Chassidim der Föderation jüdischer Gemeinden Russlands mit deren Oberrabbiner Berl Lazar kritisch gegenüber. Die Lehrenden stammen alle aus Israel und reisen regelmäßig im Zwei‐Wochen‐Rhythmus nach Moskau.
personal Um das Haus und die Küche kümmern sich russische und usbekische Angestellte. »Mit den Usbeken ist es viel einfacher, da sie längst nicht so antisemitisch sind wie die im Dorf lebenden Einheimischen«, sagt David. Solange niemand zu Schaden kommt, nimmt der junge Mann die immer wieder auftauchenden antisemitischen Zwischenfälle gelassen zur Kenntnis. Einmal wurde akkurat entlang des Zauns ausgelegtes Reisig gefunden. Offenbar plante jemand, ein Feuer zu legen. Auch Aufschriften wie »Juden vergiften den Fluss« tauchten in der Umgebung auf.
Aber die Jeschiwa wird bleiben. Inzwischen finden sich immer häufiger örtliche Sponsoren, darunter ein Top‐Manager der Moskauer Immobilienfirma Miel, sodass die Existenz gesichert scheint. Das Gebäude ist längst gekauft, und auch für das Grundstück soll im Einvernehmen mit der Verwaltung eine Lösung gefunden werden. Einer der Leiter der Jeschiwa arbeitete früher als Ermittlungsbeamter bei der Polizei, bis er den Dienst quittierte und sich der Tora zuwandte. Seine Erfahrung im Umgang mit den Behörden wiegt oft schwerer als Gold. »Wenn wir uns immer an die gängigen Regeln gehalten hätten, stünden wir heute vor dem Nichts«, ist sich Alexander Aizenshtat sicher. So aber haben sich die zähen Bemühungen gelohnt. Auch David sieht seine Zukunft nicht in Israel, sondern hier. »Früher war hier verbrannte Erde, heute gibt es einen Grund zu bleiben.«

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