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Bei strengen Eltern

Gemma Lyons und Jack Travers hatten das Gefühl, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. So etwas wie Nof Ayalon hatten sie noch nie gesehen. Züchtig gekleidete Menschen, Samstage ohne Autos und Fernseher, Familien, die am Schabbat zusammen reden und spielen. Acht Tage lang waren die beiden Teenager aus Hampshire in England in der strengreligiösen jüdischen Gemeinde in Israel zu Gast. Doch gewöhnliche Besucher waren die beiden wahrlich nicht: eine wütende 16‐Jährige in sexy Outfits und ein 17‐jähriger Gothic‐Fan mit langen schwarzen Haaren, Piercings im ganzen Körper und Lack auf den Nägeln. Im Rahmen der BBC‐Reality‐Serie »Die strengsten Eltern der Welt« wollten Tzippi und David Schechet den nichtjüdischen Teenagern jüdische Werte und Respekt vermitteln.

konfrontation »Es war wohl eine der turbulentesten Wochen meines Lebens«, gesteht Gastmutter Tzippi und lacht. »Keine Frage, wir haben mit vielen Konfrontationen begonnen. Doch am Ende gab es Umarmungen und Tränen des Abschieds.« Ziel der Show ist es, gestrauchelten Jugendlichen einen Anstoß zu geben, um ihr Leben wieder in die richtige Richtung zu lenken. Gemma und Jack haben beide mit Wutanfällen zu kämpfen, flogen unlängst von der Schule.
Die Schechets stammen aus Los Angeles und leben in dem kleinen Ort Nof Ayalon zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Sie sind strenggläubig, halten den Schabbat und führen auch sonst ein Leben nach den Regeln der Halacha. Es ist nicht das erste Mal, dass die Familie mit den fünf eigenen Kindern versucht, anderen zu helfen. »Ich bin schon lange eine jüdische Aktivistin«, sagt Tzippi und erzählt von ihrer Zeit in Südafrika in den 80er‐Jahren, als sie sich als Mitglied der Gruppe »Juden für Gerechtigkeit« für Menschen aus den Townships einsetzte.
Auch als sie begann, eigenen Nachwuchs zu haben, der heute zwischen fünf und 18 Jahre alt ist, wurde sie nicht müde, schwierige Kinder bei sich aufzunehmen. In den USA waren es regelmäßig Pflegekinder, die bei den Schechets ein Zuhause fanden. »Das hat mir meine Mutter mitgegeben, zwar waren wir eine jüdisch‐orthodoxe Familie, doch Chessed, die Hilfe für andere, bezog sich bei uns nicht nur auf Juden. Meine Mutter hat oft obdachlose Menschen mitgebracht, auch herrenlose Tiere fanden bei uns ein Plätzchen.«
Die Produzenten der BBC‐Show sind durch ein Essay auf die jüdische Familie aufmerksam geworden, das Frau Schechet zum Thema »Erziehung von Teenagern durch Wertevermittlung« geschrieben hat. Das ist es, worauf es ihr ankommt: jüdische Werte. »Wir wollen keine Nichtjuden zu Juden konvertieren, sondern zwischen den Menschen Brücken bauen«. Tikkun Olam, die Welt zu verbessern, ist eine Lebenseinstellung für die amerikanisch‐israelische Familie. Und wenn es dafür eine Fernsehshow braucht, dann sei es eben so. Sie glauben an die große Bedeutung für beide Seiten, wenn sie sich besser kennenlernen. Tzippi erklärt: »Ich bin mir sicher, dass es viel für Gemma und Jack gebracht hat, uns religiöse Juden mit unseren Werten zu erleben, doch gleichermaßen war es wichtig für unsere Gemeinde, diese jungen Leute nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen.«

wertevermittlung Dennoch sei das mit der Wertevermittlung nicht immer leicht gewesen. Besonders, als Gemma im Minibikini vor dem Haus der Familie beschloss, ein Sonnenbad zu nehmen. Inmitten des orthodoxen Ortes. Das war sogar für die besonnenen Schechets zu viel, die nicht auf wütendes Getöse, sondern ruhige Erklärungen setzen. »Das war’s Gemma. Das ist das Ende.« Sie habe ihr Konsequenzen zeigen müssen, meint Tzippi. Mit zwei Büchern über jüdische Philosophie und Respekt wurde die 16‐Jährige in ein Hotel in Tel Aviv geschickt. Dass sie einen Tag später zurückkam, sich entschuldigte, wurde ihr hoch angerechnet. Wie emotional es tatsächlich war, will die Gastmutter indes nicht verraten. »Das überlasse ich der Show. Ich glaube, es ist einer der gefühlvollsten Momente im Fernsehen überhaupt.«
Offenbar hat die skurrile Paarung der Schechets und der englischen Teenager etwas bewirkt. Jack durfte seine überdimensionalen Piercings nur im Haus tragen und fand es gar nicht so schlimm, hatte stattdessen Spaß, am Schabbat mit den Teenagern von nebenan – ganz ohne Alkohol und Drogen. Und übrigens auch ohne Kameras, denn Filmen am Schabbat ist für religiöse Juden tabu. Die eigenen Kinder und die Gäste haben sich bestens verstanden, sind nach wie vor in Kontakt per Telefon und E‐Mail. »Wir alle haben sie wirklich liebgewonnen, vermissen sie richtig.«

kohlernte Die gesamte Nachbarschaft habe die Engländer nach Auskunft der Familie mit offenen Armen aufgenommen. »Alle waren warmherzig und haben ihre Fragen beantwortet. Ich glaube, nach ein, zwei Tagen haben Gemma und Jack uns vertraut und gemerkt, dass wir es gut mit ihnen meinen.« Zum Programm der einen Woche gehörten »Kohlernte für Bedürftige« mit Erklärungen über die verschiedenen Stufen der Zedaka (Wohltätigkeit), ein Treffen mit Holocaust‐Überlebenden sowie einige Stunden in jüdischer Philosophie.
»Wir können in acht Tagen kein Leben ändern.« Das weiß auch die idealistische Frau. Dennoch ist sie überzeugt, dass ein Same gelegt wurde. »Wenn der bewässert und gepflegt wird, kann etwas Schönes daraus wachsen.« Bei Gemma und Jack ist bereits die Zuneigung zu Israel und ihrer Gastfamilie daraus entstanden. Beide wollen wiederkommen: Gemma, um zu studieren, Jack, um in einem Kibbuz zu arbeiten.

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