Vernachlässigung

Bedingt einsatzbereit

von Wladimir Struminski

Wie Umfragen immer wieder belegt haben, setzten die meisten Israelis stets großes Vertrauen in ihre Armee. Allerdings droht der am Montag mit einer Waffenruhe ausgesetzte Krieg im Norden die Strategie der Streitkräfte und die Verteidigungspolitik insgesamt einer kritischen Überprüfung auszusetzen.
Hauptpunkt der Kritik ist die Einsatztauglichkeit der Reserve. Jahrzehntelang war sie das eigentliche Rückgrat der israelischen Armee. Bei einer feindlichen Offensive hatte das stehende Heer nur die Aufgabe, den Gegner einige Tage lang aufzuhal-
ten, bis die erfahrenen, gut ausgebildeten und zum sofortigen Einsatz bereiten Kameraden die Reihen der Kampfverbände aufgefüllt haben. Diesmal sehen die Dinge anders aus, wie die Mobilmachung zehntausender Reservisten gezeigt hat. Wegen der im Laufe der Jahre drastisch zusammengestrichenen Wehrübungen waren viele Soldaten nicht mehr ausreichend für den Kriegseinsatz vorbereitet.
Da half die größere Erfahrung der alten Hasen nur zum Teil weiter. Viele haben in den vergangenen Jahren in den palästinensischen Gebieten gedient: Ein überaus gefährlicher Dienst, dessen Lehren sich aber nicht unbedingt auf den Kampf gegen die vom Iran viel besser als die palästinensischen Terroristen ausgerüstete und ausgebildete Hisbollah übertragen lassen. Auch das Kriegsmaterial läßt zu wünschen übrig. Reservistenklagen zufolge sind moderne Nachtsichtgeräte oder die handliche, bei plötzlichen Feuergefechten benötigte Kurzversion des M-16-Sturmgewehrs Mangelware. Zum Teil ist die aus Notlagern hervorgekramte Ausrüstung veraltet. »Mein Stahlhelm stammt aus dem Jahr 1981. Damit ist er drei Jahre älter als ich«, mokierte sich zynisch ein weiterer Reservist. Oberstleutnant der Reserve Itai Landsberg wirft der Armee vor, im Laufe der Zeit auf eine starke Reservetruppe verzichtet zu haben, für ihn eine »skandalöse Entscheidung«. »Die Armee glaubte, mit einer kleinen Armee aus Wehrdienstpflichtigen und Berufssoldaten auskommen zu können«, schrieb Landsberg in einem Meinungsbeitrag. Neben der sträflichen Reduktion der Übungstage sei auch die Zahl aktiver Reservisten erheblich reduziert worden. Dadurch, so Landsberg, Mitbegründer einer Organisation von Reservekommandeuren, sei »die Reservetruppe zerstört« worden.
Brigadegeneral Ariel Heimann, ehemaliger Reservisten-Beauftragter der Armee, bereitet die ungenügende Kampftüchtigkeit der Reservisten ebenfalls Sorgen. Allerdings verwies der ranghohe Offizier darauf, die Reservetruppe sei ein Opfer der seit Jahren anhaltenden Einschnitte in den Verteidigungsetat. Dies aber, betonen ranghohe Offiziere, sei eine Entscheidung der politischen Ebene. Zwar habe die Armee ein- dringlich vor den Folgen eines solchen Beschlusses gewarnt, konnte ihn aber nicht verhindern. Die politische Führung glaubte, eine Verlagerung der Staatsausgaben vom Militär in andere Bereiche verantworten zu können.
Dabei waren die Ausgaben für die Reservetruppe keineswegs der einzige Posten, an dem der Rotstift angesetzt wurde. Auch die Forschungs- und Entwicklungstätigkeit hat gelitten. Beispielsweise wurden die Entwicklung von Militärsatelliten und die Abwehrmittel gegen Kurzstreckenraketen abgebremst. Heute wären sie besonders nötig. Die laufende Beschaffung hat ebenfalls gelitten. So hat Israel als einziges Land der Welt ein Abwehrsystem gegen panzerbrechende Waffen entwickelt und im vergangenen Jahr sogar den USA zum Verkauf angeboten. Für den Einsatz durch die israelische Armee, so der Rüstungsexperte Azriel Lorber, habe jedoch das Geld gefehlt. Deshalb waren israelische Panzerbesatzungen den tödlichen panzerbrechenden Raketen der Hisbollah weitgehend schutzlos ausgesetzt. Darauf geht ein Teil der von der Armee bei der Bodenoffensive im Libanon erlittenen Opfer zurück. Es ließen sich noch weitere Beispiele aufzählen. Einem israelischen Medienbericht zufolge mußte die Luftwaffe Beobachtungstungsdrohnen aus Gasa in den Libanon verlegen. Für beide Fronten hätte der Bestand nicht gereicht.
In den kommenden Tagen und Wochen wird sich deshalb die während der Kämpfe noch zaghafte Debatte über die haushaltspolitischen Prioritäten verschärfen. Dabei wird die Forderung nach einer grundlegenden Revision der bisherigen Sparpolitik eine zentrale Rolle spielen – wobei der Ist-Zustand nicht nur der jetzigen Regierung angelastet werden kann. Unlängst erklärte der Gouverneur der Bank von Israel, Stanley Fischer, die Landesverteidigung müsse auch dann sichergestellt werden, wenn das Wirtschaftswachstum darunter leide. Zwar bezog sich Fischer, Ex-Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und eine der wichtigsten Koryphäen der Weltwirtschaft, ge-
zielt auf die während des Hisbollah-Krieges entstehenden Kosten, doch gab er mit seiner Äußerung Kritikern der Sparpolitik ein wichtiges Stichwort vor.

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