Dani Levy

Banalität des Blöden

von Jessica Jacoby

Getragen vom Rückenwind seiner Erfolgskomödie Alles auf Zucker hat sich sich Dani Levy jetzt an ein Megaprojekt gewagt: Mein Führer – die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler, der diese Woche in den Kinos anläuft, soll gewissermaßen der komische Gegenentwurf zu Oliver Hirschbiegels Der Untergang von 2004 sein. Wo dort mit den Mitteln des Überwältigungskinos versucht wurde, Geschichte aus der Täterperspektive zu rekonstruieren und zu glätten, geht es hier um eine satirische Fantasie. Dafür steht schon programmatisch die Wahl des Hitlerinterpreten – Nonsens‐Barde Helge Schneider statt Ifflandringträger Bruno Ganz.
In Mein Führer geht es demselben schlecht. Der Untergang lässt im Dezember 1944 zwar noch etwas auf sich warten. Doch die Untergangsstimmung ist schon da. Deshalb soll Adolf Hitler, so plant es sein Propagandaminister Goebbels (Sylvester Groth), am Neujahrstag eine kämpferische Rede halten um die Volksgemeinschaft noch einmal für den Endkampf zu mobilisieren. Doch der Führer, depressiv und ausgebrannt wie er ist, sieht sich dazu nicht in der Lage. Da kann nur einer helfen: Hitlers ehemaliger Schauspiellehrer, der Jude Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe). Goebbels lässt Grünbaum samt seiner Familie aus dem KZ Sachsenhausen in die Reichskanzlei zu holen, um den Diktator innerhalb von fünf Tagen auf Vordermann zu bringen.
Tatsächlich macht Hitler bald Fortschritte und ist schon wieder fast der Alte. Das liegt an Grünbaums Einfühlungsvermögen. Der jüdische Professor erkennt in Hitler die arme Sau: Als Kind wurde er daheim verprügelt, sexuell läuft auch nichts mehr, das Einzige, was der Mann noch hochkriegt, ist sein rechter Arm. Für so viel Verständnis ist der Führer dankbar. Als Grünbaum sich bei Hitler für die Freilassung seiner Mithäftlinge einsetzt, will Goebbels ihn nach Sachsenhausen zurückbringen lassen. Doch Hitler protestiert : „Nein, ich will nicht Veit Harlan, ich will meinen Juden.“ Grünbaum wiederum lässt nicht nur seinen ursprünglichen Plan, Hitler zu töten, fallen, er hindert auch seine Frau Elsa (Adriana Altaras) daran es zu tun.
Des Führers Entourage kennt solche Skrupel nicht. Die Nazibonzen wollen den militärischen Versager durch eine Bombe ausschalten, deren Platzierung „dem Juden“ angelastet werden soll. Kurz vor seiner großen Rede wird Hitler die Hälfte seines Schnurrbartes versehentlich abrasiert, was zu Stimmversagen führt. Nun soll Grünbaum unter der RednertribüneHitler seine Stimme leihen. In einem letzten, heroischen Akt reformuliert der Schauspieler die Rede …
Dani Levy hat für Mein Führer wie schon für Alles auf Zucker einige Schauspieler erster Garnitur gewinnen können. Das allein allerdings garantiert noch keinen gelungenen Film. Mein Führer ist in seiner Komik zu harmlos und zu unentschlossen, mehr Klamotte als Satire. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Sylvester Groth gibt den Goebbels allzu‐sehr als jovialen Rheinländer und vernachlässigt das gefährlich Perfide, das den NS‐Propagandachef vor allem ausmachte.
Auch scheint Dani Levy nicht recht zu wissen, was er mit seinem Film will. Mein Führer ist irgendwo zwischen Klamotte und menschelndem Rührstück angesiedelt. Die Dialoge schwanken zwischen Nazi‐Duktus und modischem Psychojargon à la Alice Miller. Es wird nicht wirklich klar, worüber eigentlich gelacht werden soll, (wenn überhaupt – wirklich witzig ist der Streifen nicht): Über die Nazis von gestern oder über die Therapiegläubigen von heute? Über die Mörder oder über die Gutmenschen, die aus gesinnungsethischen Gründen zögern, die Welt von den Bösen zu befreien?
Hitler und seine Gefolgsleute in ihrer Lächerlichkeit zu entlarven, das haben Levys große Vorbilder schon mit Verve und zeitgenössischer Naivität getan: Charlie Chaplin in Der große Diktator und Ernst Lubitsch in Sein oder Nichtsein. Ihnen darin nacheifern zu wollen, reicht nicht mehr aus. Wer heute eine Komödie über Nazis und Juden macht, muss sich nicht an Klassikern messen lassen, die andere Voraussetzungen hatten, sondern an den eigenen Zeitgenossen: Radu Michaileanu und Roberto Benigni haben mit ihren Filmen Zug des Lebens und Das Leben ist schön weit größeren Wagemut bewiesen als Dani Levy mit Mein Führer. Das war eine andere Klasse – Champions League sozusagen im Vergleich zu Levys filmischer Regionalliga.

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