Papst

Balanceakt

von Pierre Heumann

Der Vatikan beruhigt. Papst Benedikt XVI. wolle nichts anderes, als um die wertvolle Gabe der Einheit und des Friedens für Nahost und die ganze Menschheit bitten, wenn er in der kommenden Woche Israel und die palästinensischen Gebiete besucht. Umstrittenen Themen werde das Oberhaupt der katholischen Kirche aus dem Weg gehen, sagt der apostolische Nuntius, Monsignor Antonio Franco, und spricht von einer „Pilgerreise“. Entspannte Vorfreude mag in Jerusalem den‐ noch nicht aufkommen. Der Heilige Vater im Heiligen Land – das sorgt bereits im Vorfeld der Visite für Nervosität. Denn die Reise könnte das Verhältnis zwischen Juden und Katholiken, zwischen Israel und dem Vatikan neu belasten.
Das Lampenfieber lässt sich mit der Neigung des Papstes erklären, auf seinen Touren ohne Rücksicht auf diplomatische Verluste seine Meinung zu sagen. So zitierte er auf einer Pastoralreise in Regensburg das scharfe Urteil eines byzantinischen Kaisers über den Islam; in Brasilien löste er eine Kontroverse aus, als er die Missionierung Lateinamerikas im 16. Jahrhundert positiv deutete; in Afrika sorgte er vor Kurzem für Schlagzeilen, als er sich gegen den Gebrauch von Kondomen aussprach. Doch im Vergleich zu den Fallen, die zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan auf den Gast warten, sind das harmlose Beispiele aus der Sonntagsschule. Kurienkardinal Walter Kasper selbst hat die „Pilgerreise“ bereits politisiert. Der Vatikan trete für eine Zwei‐Staaten‐Lösung ein – „das scheint der gegenwärtigen Regierung Israels nicht so wichtig zu sein“, sagte Kasper im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten‐Agentur und fügte spitz hinzu: „Der diplomatische Drahtseilakt besteht darin, keine faulen Kompromisse einzugehen.“
Wie sich der Papst Zugeständnisse zur Lösung des israelisch‐palästinensischen Konflikts vorstellt, demonstriert er symbolträchtig mit seinem Abstecher nach Bethlehem. Dort will er nicht nur vor der Geburtskirche eine Messe lesen. Im Flüchtlings‐ lager Aida wird er sich auch an palästinensische Muslime wenden, dicht an der Betonmauer, die das Gebiet von Israel trennt. Dort entsteht eine Bühne, von Palästinensern „Theater der Rückkehr“ genannt. Die Anspielung ist nicht interpretationsbedürftig: Das „Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge“ in das Kerngebiet Israels, das Jerusalem strikt ablehnt, wird damit symbolhaft zum päpstlichen Programm.
Doch nicht nur unterschiedliche Ansichten im Nahostkonflikt belasten das Verhältnis zwischen Jerusalem und dem Vatikan, sondern auch bilaterale Probleme. Seit 15 Jahren verhandeln israelische Diplomaten mit Vatikanvertretern über Statusfragen und die steuerliche Behandlung kirchlicher Institutionen in Israel. Nicht einmal die Ankündigung des Papstbesuchs hat bisher zu einem Durchbruch bei den Verhandlungen geführt.
Im historisch belasteten Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den Juden hat es zwar ermutigende Fortschritte gegeben. Seit Benedikt an der Spitze der Hierarchie steht, ist indes Belastendes hinzugekommen: Er öffnet sich Traditionalisten. Vor rund zwei Jahren hat Benedikt das alte Karfreitagsgebet zugelassen, in dem für die Bekehrung der Juden zu Jesus gebetet wird. Auf Unverständnis stieß (nicht nur auf jüdischer Seite) auch die Rehabilitierung von vier Bischöfen der antisemitischen Pius‐Bruderschaft, darunter Holocaustleugner Richard Williamson. Harsche jüdische Kritik erntete Benedikt zudem für die Absicht, Papst Pius XII. selig‐ und später heiligzusprechen, obwohl dessen Rolle während des Holocaust umstritten bleiben muss, solange der Vatikan das Archivmaterial aus jener Zeit nicht freigibt. In Yad Vashem wird dem Kriegszeiten‐Papst Schweigen zum Völkermord vorgeworfen.
Auch die Biografie des deutschen Papstes wird in Israel kritisch beäugt. Der Bayer, der am 16. April seinen 82. Geburtstag gefeiert hat, musste als 14‐Jähriger der Hitlerjugend beitreten, zwei Jahre später wurde er in die Wehrmacht eingezogen. Er desertierte zwar, aber erst kurz vor Kriegsende. Als er vor drei Jahren in Auschwitz stand, war von ihm kein „mea culpa“ zu hören. Weder Antisemitismus der Kirche noch die Schuld seiner Heimat waren ihm ein Thema. Stattdessen bekundete er so etwas wie Verständnis für die Täter: Das deutsche Volk sei von den Nazis „gebraucht und missbraucht“ worden.
Eine unschuldige „Pilgerreise“ des Papstes ist nicht zu erwarten. Benedikt XVI. wird zwar beten, Messen lesen und heilige Stätten besuchen. Er wird aber auch politisieren und damit polarisieren. Den umstrittenen Themen aus dem Weg zu gehen, wird ihm kaum gelingen. Alles andere wäre ein Wunder.

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