Siedler

Außer Kontrolle

»Es wird in Israel keine Pogrome gegen Nichtjuden geben«, wetterte der israelische Premierminister Ehud Olmert bei der Kabinettssitzung am Sonntag. Doch genau das war einen Tag zuvor im Westjordanland geschehen: Bewohner der israelischen Siedlung Yitzhar fielen im palästinensischen Dorf Assirat al-Qabaliyah ein und übten Vergeltung für ein Attentat, bei dem ein Palästinenser wenige Stunden zuvor ein Kind verletzt hatte. Der noch ungefasste Terrorist war am frühen Morgen in die Siedlung eingedrungen und steckte ein Haus in Brand. Als der zehnjährige Tuvia Stetman zu den Nachbarn lief, um sie vor dem Feuer zu warnen, stach der Terrorist ihn mit einem Messer in den Rücken. Danach warf er das Kind einen vier Meter tiefen Abhang hinunter. Die israelische Armee reagierte nach eigenen Angaben zwar sofort und sperrte das Gebiet weiträumig ab, doch den Siedlern genügte das nicht. Sie organisierten spontan einen Rachefeldzug ins benachbarte Palästinenserdorf, in das der Täter anscheinend geflüchtet war. »Die Männer mit den Waffen kamen um sieben Uhr morgens. Vier Stunden lang schossen sie ungestört auf mein Haus, schlugen Fensterscheiben ein und rollten mein Auto ins Tal«, beschreibt Kassem Saleh, 37, den Übergriff seiner Nachbarn. Es dauerte Stunden, bis die israelische Armee kam und die Siedler unter Kontrolle brachte. Acht Palästinenser wurden bei den Unruhen verletzt. Der ehemalige Kommandant der israelischen Truppen im Westjordanland, Amram Mitzna, beschrieb die Ereignisse als »Pogrom«. Die Armee verhängte eine Ausgangssperre über die Dorfbewohner, »um Reibung zu vermeiden«, und konfiszierte zwei Gewehre von Siedlern.
Auch wenn in Israel jetzt der Aufschrei über die Tat der Siedler groß ist, überraschend ist sie nicht. Najib Abu Rokaya dokumentiert für die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem seit Jahren solche Übergriffe. Im vergangenen Jahr erstattete B’tselem 64-mal wegen Körperverletzung oder Sachbeschädigung Anzeige, in diesem Jahr sind es bereits 68 Fälle.
»Brutalität von jüdischer Seite wird nicht toleriert und von den Behörden schwer geahndet werden«, versprach Olmert. Doch die Beamten scheinen fast jede Autorität gegenüber den ideologisierten und militärisch gut ausgebildeten Siedlern verloren zu haben. Erst vergangene Woche hetzte ein Siedler seinen Kampfhund auf einen Polizisten, als dieser den illegalen Bau einer Siedlung aufhalten wollte, einem anderen Beamten brachen die Siedler den Arm. Vor diesem Hintergrund will die israelische Regierung nun die Zahl der Siedler wieder senken. Nachdem sie jahrzehntelang Israelis dazu ermunterte, ins Westjordanland zu ziehen, diskutierte sie am Sonntag einen Gesetzesvorschlag, der Siedler dazu ermutigen soll, wieder ins Kernland zurückzukehren. Jeder, der das Westjordanland verlässt, soll künftig vom Staat 200.000 Euro erhalten. Gil Yaron

Weimar

Verein will Gedenken an KZ-Außenlager stärken

Buchenwald war mehr als ein einzelnes NS-Konzentrationslager. Mehr als 100 Außenstandorte gehörten zu diesem Lagerkomplex. Längst nicht an alle wird heute erinnert – ein Verein will das ändern

 23.10.2026

Kino

Film über einen kreativen Geist

»Biermann« ist ein dokumentarisches Porträt des Liedermachers Wolf Biermann, der auch 50 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR noch immer künstlerisch aktiv ist. Allerdings hat der Film auch Leerstellen

von Reinhard Kleber  22.10.2026

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026

Schwerin

Schwesig wirbt für Bund-Länder-Gruppe zur Prüfung der AfD

Den verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD prüfen? Gut, findet Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin – und spricht sich für den Vorstoß eines CDU-Ministerpräsidenten aus

 22.10.2026

Nahost

Israels Armee erhöht Alarmbereitschaft vor den Wahlen

Vor der Wahl herrscht laut einem TV-Bericht die Sorge vor Anschlagsversuchen, mit denen Einfluss auf die Wahl genommen werden könnte. Der Militärchef ordnet umfassende Sicherheitsmaßnahmen an

 19.10.2026

Berlin

Zwei Parteien in Berlin entscheiden über Koalitionsgespräche

Nach teils zähen Sondierungen entscheiden Grüne und SPD in Berlin über Koalitionsgespräche mit der Linken. Aber aus den Reihen der Sozialdemokraten gibt es Zweifel und Kritik, auch aufgrund der Antisemitismus-Skandale bei der Linkspartei

 19.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026