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Indien

Auf Umwegen

von Joe Wolfson

Unser erster Tag in Indien. Inmitten von stechenden Gerüchen, lautem Geschrei, Schleppern, die das Hotel ihres Bruders anpreisen, und Kühen, die Obstwagen ziehen, fällt uns ein Schild ins Auge. Ein großes Foto des lächelnden Lubawitscher Rebben, der Israelis im Chabad-Haus in Delhi willkommen heißt.
Wir sind vier jüdische Studenten aus Leeds und Nordwestlondon, die allesamt viele Jahre an jüdischen Schulen und bei der religiös-zionistischen Organisation Bnei Akiva sowie ein Jahr in Israel hinter sich haben. In der Hoffnung, neue Perspektiven und eine fremde Kultur kennenzulernen, sind wir nach Indien gereist. Doch wie sich herausstellt, verbringen wir einen beträchtlichen Teil unseres Urlaubs damit, uns mit einem Thema auseinanderzusetzen, von dem wir dachten, wir hätten es längst hinter uns gelassen: Israelis und Judentum.
Israelis, so wurde uns in den Jahren unserer jüdischen Erziehung eingebläut, seien die idealen Juden. Nur in Israel sei es möglich, ein jüdisches Leben zu führen, die Feiertage richtig zu begehen und in einer Armee zu dienen, die das jüdische Volk schützt. Der aufrechte und stolze Israeli überragte den kläglichen Diasporajuden, der, wenn er gerade nicht von der nichtjüdischen Gesellschaft verfolgt wurde, damit beschäftigt war, sich zu assimilieren.
Es ist bekannt, dass Israelis gern reisen, doch das Phänomen israelischer Touristen in Indien, hat etwas Einzigartiges. Frustriert von Jahren des Befehlsgehorsams in der Armee, kommen die jungen Männer und Frauen in Indien an, um unbeschränkte Freiheit zu genießen. An die Stelle militärischer Kampfanzüge treten weite Gewänder. Der Lockung der mystischen, uralten indischen Kultur und Religion können viele junge Israelis, die zu Hause wenig finden, das sie stimuliert und inspi- riert, nicht widerstehen.
Unseren ersten Schabbat in Indien verbringen wir an den Ufern des Ganges. Wir haben die Genehmigung erhalten, unsere Kerzen im Hotelfenster anzuzünden und machen es uns bequem. Tausende Meilen von zu Hause entfernt genießen wir eine Freitagabendmahlzeit. Unser Hotel liegt in einer belebten Straße, viele Menschen gehen vorüber, und innerhalb einer Stunde sitzen sechs Israelis mit uns am Tisch.
Ein Mädchen im hochgeschlossenen Sari erwidert auf die Frage, wo sie wohne: »Ich lebe nicht«. Sie ist erhaben über solch kleinliche Dinge, wie an einen bestimmten Ort gebunden zu sein. Sie ist eine Israelin in Indien. Sie kann kommen und gehen, wie es ihr gefällt, ohne sich einem Ort verpflichtet fühlen zu müssen. Wie dieses Mädchen sind viele Israelis hier in Indien. Doch trotz ihres neu gefundenen Selbstbewusstseins zieht unser Freitagabendessen die jungen Leute an.
Die folgende Woche verbringen wir in einem Dorf am Rande des Himalaya. Am Freitagabend sitzen wir gemeinsam mit etwa 80 Israelis auf einem offenen Balkon mit Blick auf schneebedeckte Gipfel und fangen an, »Schalom Aleichem« zu singen. Ein Israeli mit langem Haar namens Adam gesellt sich zu mir und spricht davon, wie toll die Atmosphäre sei. Ob ich mir vorstellen könne, fragt er, dass er »Schalom Aleichem« zum ersten Mal hier in Indien gehört habe? In den Monaten, in denen er Kabbalat Schabbat an verschiedenen jüdischen Tischen im ganzen Land verbrachte, habe er das Lied zu schätzen gelernt als »etwas, das Juden in der ganzen Welt verbindet ... wie eine große Familie«.
In Adam zeigt sich die ganze Widersprüchlichkeit von Israelis in Indien. Wenn sie ankommen, haben sie wenig, worauf sie bewusst stolz sein könnten; Religion ist für sie schlicht ein Synonym für lästigen Zwang. Bevor er nach Indien kam, wäre es Adam nicht eingefallen, an einem Kiddusch teilzunehmen. Judentum hieß für ihn, dass einem der Rabbiner eine Sache nach der anderen verbot – eine wenig überraschende Einstellung in einem Land mit korrupten Politikern, einer katastrophalen Sicherheitslage und eklatanten gesellschaftlichen Ungleichheiten. Kurzum, Adam und tausende andere sind nur deshalb Israelis, weil sie dort geboren sind. Und nicht weil etwas Positives ihnen Grund gibt, sich selbst als Israelis zu definieren.
All das wird anders in Indien. Konfrontiert mit einer völlig fremden Kultur, müssen sie aktiv etwas tun, wenn sie irgendeine Art Verbindung mit Israel und dem Judentum bewahren wollen. In dieses Vakuum treten Gruppen wie Chabad und Lev Yehudi, die den ehemaligen Zahal-Rekruten nur allzu gern einen ersten Geschmack von traditionellem Judentum geben.
Adam hat Einblick bekommen in ein gelebtes sinnvolles Judentum, und der Sog ist zu stark, um wegzulaufen. Zwar könne er sich, sagt er, nicht vorstellen, dass seine Kinder Kippot tragen werden, doch würde er ihnen ungern die Chance nehmen zu wissen, was ein traditioneller Freitagabend ist.
Die Antwort auf das Dilemma, vor dem Adam und all die anderen stehen, ist von höchster Relevanz für die Identität des Staates Israel und den Charakter des jüdischen Volkes. Der säkulare Zionismus kann einer Generation, die nicht länger die Briten bekämpfen oder Sümpfe trocken legen muss, keine positive Identität mehr geben. Und das bedeutet, dass die heutige israelische Jugend, die tausende Meilen reist, um die Geheimnisse des Orients zu entdecken, paradoxerweise feststellt, dass das, was sie suchen, ihr eigenes Erbe, ihre eigene, Tausende Jahre alte Tradition ist.

Der Autor ist Jugendleiter bei der religiös-zionistischen Bewegung Bnei Akiva.

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