Dollarkrise

Auf Schrumpfkurs

von Jacob Berkman

Die Kreditkrise, die Immobilienkrise und das hohe Staatsdefizit in den USA haben den Dollar in diesem Jahr schwer ins Straucheln gebracht. Im Januar 2003 waren der Dollar und der Euro noch ungefähr gleich viel wert. Seitdem befindet sich der Dollar auf kontinuierlicher Talfahrt. Anfang November war ein historischer Tiefstand erreicht: Der Wechselkurs gegenüber dem Euro betrug 1,4572 US-Dollar – ein Verfall um mehr als elf Prozent seit Anfang des Jahres. Auch gegenüber dem Schekel ist der Dollar stark abgefallen, von 4,30 NIS im Januar auf 3,93 NIS.
Die Schwäche des Dollars hat auch ernste Konsequenzen für jüdische Wohltätigkeitsorganisationen, die Programme in Übersee unterhalten. Besonders hart traf es das American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) und die Jewish Agency for Israel – beides Unterorganisationen des North American Jewish Federation System. Das JDC vergibt pro Jahr etwa 360 Millionen US-Dollar in 66 Ländern; 90 Prozent der Mittel stammen von amerikanischen Spendern. Hat sich das Budget seit Januar nicht verringert, so ist dessen Wert signifikant gesunken. Dadurch waren die 70 Millionen US-Dollar, die das JDC jedes Jahr in Europa ausgibt, 2007 um 10 Prozent weniger wert als im Vorjahr.
»Letztlich können wir weniger Leistungen anbieten, wenn der Dollar weiter verfällt«, sagt der Finanzleiter des American Jewish Joint Distribution Committee, Eugene Phillips. »Das bedeutet Einschnitte für die Menschen, die wir betreuen.« Besonders ernst sei die Lage in der früheren Sowjetunion, so Phillips. Beispielsweise seien die Kosten für die Versorgung älterer Men- schen von 1,42 Dollar pro Stunde im Jahr 2006 auf 2,43 Dollar gestiegen.
Andere Wohlfahrtsorganisationen stehen ähnlichen Problemen gegenüber. George Ban, der stellvertretende Vorsitzende und Geschäftsführer der Ronald-S.-Lauder-Stiftung, die ein Netz von jüdischen Schulen in Ost- und Mitteleuropa unterhält, sagt, der schrumpfende Dollar sorge »für Spannungen, denn als Finanzverantwortlicher muss man sein Budget in einem bestimmten Rahmen halten«. Für Ban bedeutet das, dass ein Lehrer, der ein Gehalt von 500 Euro

bekommt, im Jahr 2003 noch 500 Dollar gekostet hat, inzwischen aber, bei gleichbleibendem Gehalt, schon 700 Dollar. Dieser Anstieg betrifft jeden einzelnen Posten in seinem Budget, von Verpflegung bis zu Stromrechnungen und Heizkosten. Um mit dem Wertverlust umzugehen, muss die Stiftung alle nicht unbedingt notwendigen

Zuschüsse streichen und flächendeckend Ausgaben reduzieren. Konferenzen, die Ban früher in Luxushotels abhielt, finden nun in wesentlich bescheideneren Unterkünften statt.
Der American Jewish World Service (AJWS) finanziert zivilgesellschaftliche Projekte in 36 Ländern mit etwa 12 Millionen Dollar pro Jahr. Jetzt erwägt der AJWS, die Zuschüsse für diese Projekte mit zusätzlichen Überbrückungskrediten aufzustocken, da die Kosten sonst nicht mehr gedeckt werden könnten, sagt AJWS-Pressesprecher Joshua Berkman. »In Ländern wie Indien und Thailand, wo es den Dollar am stärksten getroffen hat, müssen unsere Projektpartner ihr Budget anpassen, etwa bei Personal-, Material- und medizinischen Kosten«, so Berkman. In Indien stiegen die Kosten für den AJWS von 1,2 Millionen (2006) auf 1,6 Millionen Dollar, in Thailand von 320.000 auf 600.000. Die halb-regierungsamtliche Jewish Agency, die Wohlfahrts- und Bildungsprogramme in Israel und anderen Ländern betreibt, ist in ähnlicher Weise bedroht. Denn 70 Prozent ihrer Einkünfte erhält sie in Dollar, während 80 Prozent ihrer Ausgaben in Schekel ausbezahlt werden, sagt Finanzvorstand Yaron Neudorfer. Das bringt die Jewish Agency in Bedrängnis, zumal die Abwertung des Dollar gegenüber dem Schekel anhält. Die Veränderungen im Verhältnis beider Währungen haben eine Lücke von 11 Millionen Dollar im Budget aufgerissen, heißt es. Sowohl die Jewish Agency als auch das JDC ließen verlauten, sie benötigten höhere Zuwendungen vom Dachverband jüdischer Gemeinden, den United Jewish Communities (UJC), mit dessen Geld beide Organisationen den Löwenanteil ihrer Ausgaben bestreiten. Howard Rieger, Präsident und Vorstand der UJC, sagt, er wisse noch nicht, wie sein Dachverband auf diese Anfrage reagieren wird. Er betont, dass in den Jahren, in denen der Dollar stark war, Rücklagen hätten gebildet werden können.
Kurzfristig versuchen JDC, Jewish Agency und die anderen jüdischen Wohlfahrtsorganisationen zunächst einmal, auf eigene Faust mit der Situation zurechtzukom- men. Das JDC weist seine Partner in Übersee an, mit den vorhandenen Mitteln so sparsam wie möglich umzugehen. Die Jewish Agency konnte die Auswirkungen der Dollarkrise teilweise abmildern, indem sie sich mit einem Hedgegeschäft gegen Kursschwankungen absicherte: Als der Wechselkurs zwischen Dollar und Schekel im Jahr 2006 extrem volatil wurde, kaufte die Agency bei einer israelischen Bank die Option auf ein Geschäft mit fixem Wechselkurs. Das bewahrte die Agency vor einem Verlust von 1,5 Millionen Dollar. 2007 schloß die Agency ein weiteres Termingeschäft über 150 Millionen Dollar mit einem fixen Wechselkurs von 4,10 ab.
Laut Neudorfer erwartet die Jewish Agency von diesem Geschäft für 2007 eine Ersparnis von 2,2 Millionen Dollar. Das würde etwa 20 Prozent der Verluste ausgleichen, die durch den Kursverfall des Dollar entstanden sind. Der genaue Betrag hängt davon ab, wie der Wechselkurs zu dem Zeitpunkt steht, wenn die Jewish Agency von ihrem Recht Gebrauch macht, Schekel zum Kurs von 4,10 zu kaufen. Bis Februar 2008 muss sie das getan haben. »Bis dahin brauchen wir uns keine Sorgen zu machen«, sagt Neudorfer. Danach müsse die Jewish Agency herausfinden, wie sie für 2008 größere Fehlbeträge vermeidet.

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