Mittelmeerstrände

Auf Sand gebaut

von Wladimir Struminski

In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wußte ein zeitgenössischer Geograph folgendes über Israels mediterrane Strandlandschaft zu berichten: »In der Nähe der Küste bedecken überall Dünen und auch flachlagernder Sand den Boden.« Damals war der Küstenstreifen nur hie und da von menschlicher Ansiedlung unterbrochen. Heute ist das Gleichgewicht der einstmals unberührten Natur schwer gestört. Geht die Entwicklung weiter, droht es unter der Last des immerwährenden Baubooms ganz zu kippen.
Durch die Expansion des Menschen wurde ein Großteil der 180 Küstenkilometer von rapide expandierenden Städten in Beschlag genommen, darunter Haifa, Netanja, Tel Aviv, Bat Yam und Aschdod. Ein weiteres Drittel der Küste ist nach Angaben der Umweltschutzorganisation »Adam Tewa weDin« durch Häfen, Kraftwerke und Militärbasen belegt. Mehr als das: Knapp zwei Drittel aller Israelis leben in einer Entfernung von bis zu 15 Kilometern von der Küste. Das erzeugt weiteren Druck auf den schmalen Küstenstreifen. Die Menschen wollen ihren Freizeit-
spaß und suchen ihn am liebsten am Meer. So schießen Restaurants, Cafés, Kinos und andere Vergnügungsstätten aus dem Boden.
Insgesamt ist die Hälfte der ursprünglichen Sandflächen von 366 Quadratkilometern unter Beton und Asphalt verschwunden. Ein weiteres Sechstel hat un-
ter menschlichen Eingriffen mehr oder weniger schwer gelitten. Laut bereits genehmigten Bauplänen dürfen weitere 86 Quadratkilometer zugebaut werden. Danach schrumpft die unberührte Natur auf nur noch 51 Quadratkilometer – gerade mal ein Siebtel des Urzustands.
So wollen Umweltschützer wenigstens den noch verbliebenen Rest der Küste vor anhaltender Zerstörung bewahren. Ein wichtiges Instrument dabei ist das vor zwei Jahren verabschiedete Küstenschutzgesetz, das der Bautätigkeit in unmittelbarer Strandnähe einen Riegel vorschiebt. Auch ein neuer staatlicher Rahmenplan verfolgt das gleiche Ziel. So soll künftig ein Küstenstreifen von 100 bis 300 Metern bebauungsfrei bleiben. Ferner müssen Investoren ihre Baupläne einem besonderen Aufsichtsausschuß zur Genehmigung vorlegen. Damit soll verhindert werden, daß Bauherren die kostbarsten Böden des Landes mit Betonklötzen verschandeln und, wie in der Vergangenheit oft geschehen, auch ohne die erforderlichen behördlichen Genehmigungen vollendete Tatsachen schaffen. Das Gesetz, so »Adam, Tewa weDin«, sei eine wichtige Errungenschaft, weise aber auch Lücken auf. Beispielsweise befänden sich Umweltschützer und Vertreter des Umweltministeriums im Aufsichtsgremium in der Minderheit. Zudem seien die gesetzgeberischen Bestimmungen zu vage.
Dennoch: In den vergangenen Jahren konnten die Umweltschützer einige Erfolge verbuchen. 2005 gelang es ihnen zum Beispeil, den in Haifa geplanten Bau eines Jachthafens zu verhindern. In Tel Aviv wiederum mußte ein Bauunternehmen einen rechtswidrig für private Zwecke genutzten Strandabschnitt wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen. Allerdings stehen den Küsten-Wächtern noch viele weitere Kämpfe gegen Baulöwen und auf einträgliche Entwicklung erpichte Stadtväter bevor.
Zudem ist eine Verhinderung von Bauprojekten nicht immer möglich. »Schließlich gibt es durchaus legitimen Entwicklungsbedarf«, meint die israelische Land-
schaftsarchitektin Alisa Braudo. Auch be-
reits bestehende Bausubstanz läßt sich nicht dem Naturschutz opfern. Da gilt es, den Schaden zu begrenzen.
Wie das geht, macht Tel Aviv vor. Plänen zufolge soll die Strandpromenade der Mittelmeermetropole von Herzlija im Norden bis Bat-Yam im Süden künftig durchgehend verlaufen. Mit einer Gesamtlänge von rund fünfzehn Kilometern wird sie die längste Flaniermeile des Landes sein, Fuß- und Radweg inklusive. »Auf diese Weise«, so Braudo, »steigt der Nutzwert des Strandes für die Bürger«.
Die Beispiele ließen sich mehren. So muß der Einsturz mehrerer gefährdeter Klippen verhindert werden. Die Beseitigung von Umweltbelastungen ist eine weitere Aufgabe. Wie das geht, zeigt das Beispiel der alten, südlich des Hafens von Jaffa gelegenen Baumülldeponie. Nachdem Baufirmen ihre Abfälle jahrzehntelang ins Meer gekippt hatten, entstand an der Küste ein fünfzehn Meter hoher Müllberg, der nicht nur gegen alle Regeln der Ästhetik verstößt, sondern auch den Küstenverlauf verändert hat. Die nach langen Kämpfen beschlossene Lösung: Der Öko-Greuel weicht künftig einem Park.

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