Alija

Auf dem Weg nach Hause

von Michael Freund

Die Zahlen liegen vor, und sie sehen nicht gut aus. Wie in der vergangenen Woche bekannt wurde, wird Israel 2007 zum ersten Mal in über zwanzig Jahren unterm Strich eine negative Einwanderungsquote haben. Anders gesagt: Es wird geschätzt, dass in diesem Jahr mehr Juden Israel verlassen als hereinkommen – was seit 1984 nicht mehr vorgekommen ist.
Laut den Zahlen, die vom israelischen Amt für Statistik erstellt wurden, wird für 2007 eine Gesamtzahl von lediglich 14.400 Zuwanderern erwartet. Damit wird mit 5.000 Neuankömmlingen weniger gerechnet, als Menschen auswandern.
Gewiss ist die Demografie alles andere als eine exakte Wissenschaft. Und es gibt viele unvorhersehbare oder unerwartete Ereignisse, die sich auf die endgültigen Zahlen auswirken können. Israelische Entscheidungsträger jedoch wären schlecht beraten, solche Warnungen in den Wind zu schlagen.
Für ein auf Einwanderung gegründetes Land, das mit einer einzigartigen Häufung von demografischen, politischen und sicherheitspolitischen Herausforderungen konfrontiert ist, verheißt das für die Zukunft nichts Gutes.
Tatsächlich ist es nicht abwegig zu behaupten, neben der Gefahr, die von den nuklearen Ambitionen unserer Nachbarn ausgeht, stelle das Versiegen der Alija das größte Problem dar, wenn es um Israels Zukunft als jüdischer Staat geht. Wir brauchen schlicht und einfach mehr Juden.
Doch das Reservoir an potenziellen Einwanderern aus Russland und den ehemaligen Sowjetstaaten schmilzt rapide. Und eine Alija in größerem Maßstab aus dem Westen zeichnet sich nicht ab, weshalb die Aussichten, das diese Forderungen erfüllt werden, bestenfalls marginal sind.
Leider hat es die jüdische Weltgemeinde nicht besonders eilig damit, hierher umzusiedeln. Zwar heißt das nicht, dass Israel seine Bemühungen aufgeben sollte, zur Alija zu ermuntern, vielleicht aber ist es an der Zeit, aus diesem Kästchendenken herauszukommen und das Problem kreativer als in der Vergangenheit anzugehen.
Es ist eine Tatsache, dass es ein großes, nicht einmal ansatzweise ausgeschöpftes Reservoir von Menschen gibt, die nichts so sehr wollen, als sich der israelischen Na‐
tion anzuschließen oder wieder anzuschließen.
Von Polen bis Peru und an vielen, weit auseinanderliegenden Orten – in Russland, China, Portugal, Spanien und Brasilien – erleben wir eine einzigartige Aufbruchsbewegung von monumentalen Aus‐
maßen. Die unterschiedlichsten Gemeinschaften mit historischen Bindungen an das jüdische Volk suchen nach ihren Wurzeln und wünschen sich, zu unserem Volk zurückzukehren.
In vielen Fällen wurden die Vorfahren dieser Menschen durch die Unterdrückung und Verfolgung, denen das jüdische Volk all die Jahrhunderte im Exil ausgesetzt war, gegen ihren Willen von uns gerissen.
Jetzt klopfen diese Gemeinschaften an unsere Tür und flehen, wieder eingelassen zu werden, sei es durch Konversion, sei es durch Rückkehr. Ich weiß das, denn ich habe diese Menschen oft besucht. Ich habe mir ihre Geschichten angehört und ihre Geschichte studiert.
Eine dieser Gruppen sind die „Bnei Me‐
nasche“ im Nordosten Indiens mit 7.000 Mitgliedern, die behaupten, sie stammten von einem der verlorenen Stämme Israels ab. Eine weitere Gruppe stellen die hunderttausenden „Bnei Anousim“ (die von Historikern mit dem abfälligen Wort „Marranen“ belegt werden) aus Spanien, Portugal und Südamerika dar. Ihre Vorfahren waren zur Zeit der Inquisition gezwungen worden, zum Katholizismus zu konvertieren.
In Polen gibt es zehntausende „ver‐
steckte Juden“ aus der Zeit des Holocaust, von denen viele erst jetzt beginnen, ihr Judentum wieder zu entdecken und anzunehmen. In Russland leben 20.000 Subbotnik‐Juden, deren bäuerliche Vorfahren vor zwei Jahrhunderten unter den Zaren zum Judentum übergetreten waren. Sie warten voller Ungeduld auf die Chance, nach Israel auszuwandern.
Voller Staunen erlebte ich, wie die Nachfahren der Jüdischen Gemeinde von Kaifeng in China in einer abgelegenen Ecke dieses riesigen Landes mit ihrem Erbe klarzukommen versuchen. Tief bewegt war ich bei meinen Begegnungen mit den Juden im Dschungel des peruanischen Amazonasbeckens, die darum kämpfen, die religiösen Traditionen ihrer marokkanisch‐jüdischen Vorfahren wiederzubeleben, die vor mehr als einem Jahrhundert in diesem Gebiet siedelten.
So unterschiedlich diese disparaten Gruppen sind, eins haben sie gemeinsam – sie stehen vor einer langen und schwierigen Rückkehr. Die Barrieren sind weiterhin hoch. Israels sture Bürokratie und die Gleichgültigkeit der jüdischen Weltgemeinschaft errichten scheinbar unüberwindbare Hindernisse. Doch trotz dieser Hindernisse konnte Shavei Israel in den vergangenen Jahren Erfolge erzielen. Über 1.200 Mitglieder der Bnei Menashe sowie mehrere hunderte Bnai Anousim und hunderte Juden aus Peru konnten nach Israel geholt werden. Das viel geschmähte Oberrabbinat Israels unterstützte unsere Bemühungen und stand uns mit Rat und Zuspruch zur Seite. Würde auch die israeli‐
sche Regierung die zahllosen Beschränkungen für Zuwanderer abschaffen, könnten wir sehr, sehr viel mehr unserer verlorenen Brüder zurückholen.
Denn letzten Endes liegt es in unser aller Interesse, als Nation und als Volk, mit diesen Gemeinschaften Kontakt aufzunehmen und ihnen die Rückkehr zu erleichtern. Ihre Zahlen werden uns demografisch festigen. Und mit ihrer Leidenschaft und ihrem Engagement für Judentum und Jüdischsein werden sie uns auch spirituell stärken.
Das Überleben des „Pintele Yid“ – des tief im Inneren verborgenen Funkens – in weit entfernten Ländern sollte auch eine Quelle der Inspiration für uns alle sein. Denn in ihm zeigt sich die Macht nicht nur der jüdischen Erinnerung, sondern auch der jüdischen Bestimmung.
Und noch einmal wird die Tatsache bekräftigt, dass es ganz gleich ist, wie weit die jüdische Seele wandert, und sei es in die entferntesten Ecken der Welt, sie kann – und sie wird schließlich – ihren Weg nach Hause finden.
Doch es obliegt der Regierung, schnell zu handeln und die überflüssigen bürokratischen Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die abertausende „verlorene Ju‐
den“ an einer Rückkehr nach Zion hindert. Jetzt, da die Alija einen Tiefpunkt erreicht hat, ist es dringender als jemals zuvor geboten, die Tür zu öffnen und die Rücckehrer zu begrüßen. Ihretwegen – und unseretwegen.

Der Autor ist Direktor von Shavei Israel (www.shavei.org), einer Organisation, die sich um das Schicksal „verlorener Juden“ in aller Welt kümmert. Foto:israelimages

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