Berlinale

Auf dem Holocaust-Trip

von Ayala Goldman

„Dummes Geschwätz!“ Der Kommentar eines israelischen Kritikers zu Yoav Shamirs Dokumentarfilm Defamation bei der Berlinale fällt vernichtend aus. „Fantastisch, was für ein großartiger Film!“, jubelt dagegen sein Kollege, ebenfalls Israeli, als die Lichter im CinemaxX 5 wieder angehen.
Schon immer hat das internationale Forum des jungen Films eine Bühne für kontroverse Themen geboten. Auch Defamation, eine Realsatire über den Umgang amerikanisch‐jüdischer Organisationen und des Staates Israel mit dem Antisemitismus von heute, spaltet das Publikum. Einige Zuschauer schütteln sich vor Lachen, als der Regisseur seine über 90‐jährige Großmutter – übrigens die Mutter von Yoram Ben‐Zeev, dem israelischen Botschafter in Berlin – als Expertin für Dias‐porajudentum präsentiert. O‐Ton Oma, sinngemäß: Warum bekämpfen die Juden den Antisemitismus in der Welt, statt nach Israel einzuwandern? Weil man als Jude im Ausland gut leben kann, ohne zu arbeiten … Die Juden in der Diaspora lieben das Geld, verleihen Geld zu hohen Zinsen, betreiben Bordelle … Andere Zuschauer buhen empört, als der US‐Professor Norman Finkelstein auf der Leinwand gegen die „Holocaust‐Industrie“ und den Judenstaat zu Felde zieht. Wobei Finkelstein in dem Film nicht wirklich gut wegkommt. Shamir präsentiert den jüdischen Antizionisten augenrollend und in einem Treppenhaus den Hitlergruß zeigend.
Eines muss man Yoav Shamir lassen: Er hat es geschafft, einen amüsanten Film über den institutionalisierten Kampf gegen Antisemitismus zu drehen. Ob ein Film, der assoziativ von Land zu Land springt, geleitet von der Suche nach guten Pointen, auch eine politische These wagen sollte – etwa die, dass jüdische Organisationen den weltweiten Antisemitismus künstlich aufblähen, um die israelische Besatzungspolitik zu rechtfertigen – ist eine andere Frage. Der Regisseur selbst gibt sich im Interview bescheiden: „Ich richte nicht darüber, ob es Antisemitismus gibt oder nicht, diese Herausforderung ist zu groß für mich. Es geht darum, wie wir uns selbst definieren und wie wir die Welt betrachten.“
Der Film, der in Berlin nicht als israelischer, sondern als österreichischer Beitrag läuft, beginnt in New York, in den Büros der Anti Defamation League (ADL), einer der ältesten jüdischen Lobby‐Organisationen der USA. ADL‐Direktor Foxman, selbst Schoa‐Überlebender, gewährt Shamir bereitwillig Einblick in seine Archive. Doch der Regisseur findet in den Statistiken keinen antisemitischen Vorfall, der sich gut in Szene setzen lässt. Ein Steinwurf auf einen Schulbus von Chabad in Brooklyn gibt für ihn nicht wirklich etwas her – keine Verletzten, kein Drama. Er reist deswegen weiter nach Polen, wo er den „Holocaust‐Trip“ einer israelischen Schulklasse aufs Korn nimmt – eine der vielen offiziell organisierten Reisen israelischer Jugendlicher an die Stätten der Vernichtung. Die 16‐ und 17‐Jährigen werden schon im Vorfeld düster gebrieft („Ihr kommt in eine Gegend, wo man euch hasst“). Folgerichtig wittern sie überall Antisemiten, auch dort, wo es keine gibt. Abends sitzen sie deprimiert auf ihren Zimmern, die sie – weil angeblich gefährliche Neonazis auf den Straßen unterwegs sind – nicht verlassen dürfen. Angesichts dieser Szenen kann man die Selbstzweifel der israelischen Betreuer nachvollziehen, die sich fragen, ob diese Art Erziehung wirklich in eine bessere Zukunft führt.
Dann wechselt Shamir wieder unvermittelt die Szene: Der Zuschauer findet sich in einer Moskauer Synagoge wieder, in der Juden im Januar 2006 Opfer eines antisemitischen Amoklaufs wurden. Ein Skinhead hatte wahllos mit einem Messer auf Besucher des Gotteshauses eingestochen. Paradoxerweise aber bestreiten die Beter, überwiegend ältere Menschen, vor der Kamera entschieden, dass es in Russland überhaupt Antisemitismus gibt. Shamir lässt diese Interviews völlig unkommentiert und kehrt zu Abe Foxman zurück, der um die halbe Welt reist, um bei schicken Empfängen unter illustren Kronleuchtern gegen Judenfeindschaft anzureden. Später sieht man die Autoren des umstrittenen Buchs Die Israel‐Lobby, John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt, bei einer Diskussion in Israel. Foxman, ein entschiedener Gegner des Buchs, erscheint vergleichsweise in denkbar ungünstigstem Licht, als alter Trottel, der die Schlachten von gestern kämpft, während seine Kritiker die Probleme von heute vor Augen haben.
Yoav Shamir ist Israeli. Seine Perspektive ist die eines Sabres, nicht die von Dias‐porajuden. Der Regisseur kann bis heute nicht verstehen, warum ein jüdischer Kritiker in den USA ihn mit Mel Gibson und dessen antijüdischen Film Passion Christi verglich, nachdem er Shamirs Dokumentation Checkpoint über die Situation der Palästinenser in den besetzten Gebieten gesehen hatte. „Viele Juden sehen den Antisemitismus geradezu als Naturgewalt, wie die Schwerkraft. Aber diese Sicht lässt mir keine Option offen. Als Israeli möchte ich mit der Realität, in der ich lebe, auf Augenhöhe fertig werden und nicht denken, dass es völlig egal ist, was ich mit den Palästinensern mache – denn die Welt wird mich sowieso hassen, weil alle Antisemiten sind.“
Dass Israelis den Film Defamation entweder lieben oder hassen – je nach politischer Couleur – , ist da nur logisch. Und Abe Foxman von der Anti Defamation League in New York wird Shamir wahrscheinlich nie wieder ein Interview geben. Aber seine Oma, da ist sich der Regisseur ganz sicher, wird ihren Enkel auch weiterhin lieben.

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