Glosse

Auch Schuppi will leben

Darf im Kinderzimmer neben dem Bett schlafen: Lieblingsfisch Foto: Fotolia

Die Bank hat uns wieder mal den Geldhahn zugedreht und sämtliche Kreditkarten eingezogen. Alle sind jetzt sehr böse auf mich. Denn wäre ich nicht in den Ausverkauf bei Gucci geraten und hätte uns dort in Grund und Boden geshoppt, dann hätten wir die Hohen Feiertage wie geplant in einem mondänen Schweizer Hotel verbringen können, glatt koscher, mit Kinderbetreuung, Maniküre‐Salon und allem Drum und Dran.

Stinksauer Stattdessen werden wir nun die Feiertage völlig pleite in unserer popeligen Wohnung fristen, und ich muss von irgendwoher ein Festtagsmenü ranschaffen und Leute einladen. Vor allem meine älteste Tochter Emma ist stinksauer, dass der Nobel‐Urlaub ausfällt. Sie spricht nicht mehr mit mir und lässt mir ausrichten, dass sie mir nur unter einer Bedingung je vergeben wird: Gefilte Fisch zu den Feiertagen. Natürlich selbstgemacht. Morgens, mittags und abends. Mit Kren und Möhrchen.

In meiner Verzweiflung stimme ich zu und sehe mich jetzt gezwungen, von irgendeiner Chabadnitza das Rezept zu erbitten und außerdem irgendwoher Fisch zu besorgen. Dabei hasse ich nichts so sehr wie Fischläden. Allein schon der Geruch! Also rufe ich den En‐Gros‐Fischmarkt an, und man verspricht mir, am nächsten Tag den Fisch nach Hause zu liefern, allerdings werden die Fische nur dreidutzendweise verkauft. Was soll’s – wozu gibt es Tiefkühltruhen? Außerdem kann ich die Fische dann vielleicht an Freunde verschenken oder bei eBay verkaufen.

Am nächsten Morgen klingelt es an der Tür. Unten steht ein Typ in blauem Arbeits‐Overall, neben ihm ein Karren mit einer riesigen Plastiktüte voll Wasser. Drei Dutzend Fische haben sich in einer Ecke zusammengedrängt und starren mich an. Ich schlucke einmal trocken. »Ich hatte eigentlich … tote Fische erwartet, wissen Sie? Tiefgekühlt? In Scheiben geschnitten?«, sage ich mit zitternder Stimme. Der Fischmann grunzt etwas auf Polnisch, drückt mir die Rechnung in die Hand und verschwindet mit seinem Lastauto.

Drecksarbeit Mit letzter Kraft trage ich die Fische in die Badewanne und fülle diese bis zum Rand mit Wasser. Immer muss ich die Drecksarbeit alleine erledigen, während mein Gatte auf Dienstreisen umhergondelt. Schließlich schleppe ich mich ins Bett, ziehe mir die Decke über den Kopf und falle in einen tiefen Schlaf.

Mitten in der Nacht werde ich von einem fröhlichen Juchzen und Plätschern aufgeweckt. Schlaftrunken taumele ich ins Bad und treffe dort meine Tochter Emma an. Sie trägt einen rosa Badeanzug, Taucherbrillle und Schnorchel und hat sich zu den Fischen in die Wanne gesellt. »Schau mal, Mama, das sind meine neuen Freunde!«, kräht sie vergnügt. »Der hübsche kleine hier heißt Schuppi, und der große, kluge ist Schnappi. Darf ich sie füttern? Darf ich sie mit ins Bett nehmen? Darf ich?!?«

Ich versuche, Emma vorsichtig zu erläutern, was ich mit Schuppi und Schnappi schon in naher Zukunft vorhabe. »Neiiiiin!«, heult Emma und trommelt mit ihren kleinen harten Fäusten auf mich ein. »Das kannst du nicht machen! Mörderin! Lass die Finger von Schnappi und Schuppi!«

Ich muss hoch und heilig versprechen, Emmas neuen Freunden keine Schuppe zu krümmen. Sie darf den ganzen nächsten Nachmittag mit ihnen spielen und bringt ihnen Tricks bei. Und abends stelle ich sogar eine Wasserschüssel mit Emmas Lieblingsfisch neben ihr Bett, damit er ihr nachts Gesellschaft leisten kann.

Whiskey Ich selbst schlafe in dieser Nacht sehr unruhig und träume von riesigen Monsterfischen, die mich fressen wollen. Ein markerschütternder Schrei aus dem Badezimmer nachts um elf verrät mir, dass mein Göttergatte inzwischen den Weg nach Hause und direkt ins Badezimmer gefunden hat. Das Licht im Bad ist wieder mal kaputt, und als ich ihm mit einer Taschenlampe zu Hilfe eile, sehe ich ihn nackt in der Badewanne stehen, in einer Hand das Duschgel, in der anderen ein Bündel zappelnder Fische. Ich helfe ihm aus der Wanne und gieße ihm zur Beruhigung einen Whiskey ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück, während Schuppi‐Fisch uns in seiner Plastiktüte auf dem Tisch Gesellschaft leistet, fällt mir die Lösung unseres Problems ein: Circus Pauwels, Brüssels einziger jüdischer Zirkus! Samuel Pauwels ist zu pleite, um sich Tiger und Elefanten anzuschaffen, deshalb treten bei ihm hochbegabte Ziegen und musikalische Gänse auf. Warum nicht auch ein paar fliegende Fische? Emma hat den Tierchen nämlich inzwischen beigebracht, durch einen Hula‐Hoop‐Reifen zu springen. Gesagt, getan.

Bald zieren bunte Poster die ganze Stadt: »Samuel Pauwels and his singing, swinging Fish Combo« – und wir kriegen Freikarten für die ganze Saison. Emma ist stolz wie Oskar. Und was das Rosch‐Haschana‐Essen betrifft, so musste ich schließlich vom Caterer ein Spezial‐Menü bestellen, denn Emma isst seit Neuestem aus Liebe zu den Fischen nur noch streng vegan.

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