palästinensische Unternehmen

Anschluss gesucht

von Ralf Balke

Paltel heißt ausgeschrieben Palestinian Telecommunications Company und ist beinah der palästinensische Monopolist für alles rund ums Telefon. Doch das wohl größte palästinensische Unternehmen hat derzeit einige Probleme, zum Beispiel in Gasa. »Im Moment sind 90 Prozent unseres mobilen Netzes in Gasa nicht funktionsfähig. Aufgrund von Beschädigungen und Stromausfällen ist im Moment auch ein Großteil der Festnetzverbindungen außer Betrieb«, heißt es in einem Statement von Paltel. »Wir haben drei unserer Techniker bei den Angriffen verloren. Zahlreiche weitere sind verletzt worden, als sie versuchten, Beschädigungen an Mobilfunkmasten oder Schaltzentralen zu reparieren.«
Was in den Verlautbarungen natürlich nicht erwähnt wird: Aufgrund dieser technischen Ausfälle hat die Hamas ein großes Kommunikationsproblem. Die Kader der islamistischen Terrororganisation können nicht mehr über ihre Mobiltelefone in Verbindung bleiben, sondern sind gezwungen, auf alte Walkie-Talkies zurückzugreifen. Ohnehin war die Benutzung von Mobiltelefonen für die Hamas-Kader eher ein Risiko. Denn Israels Technikspezialisten schafften es oft, via Handy-Ortung den Aufenthaltsort von so manchem Hamas-Anführer ausfindig zu machen.
Es gibt aber noch andere Gründe, die zeigen, dass selbst der Betrieb eines Mobilfunkunternehmens in den Palästinensischen Autonomiegebieten ein Politikum ist. Zum einen muss man sich mit Israel in Verbindung setzen, um das Netz funktionsfähig zu bekommen. Zum anderen muss sich eine solche Firma mit der Hamas und der PLO arrangieren. Das gilt auch für Paltel, deren Mobilfunktochter Jawwal heißt, und ihren Gründer Munib al-Masri. Der erhielt 1997 von der Palästinensischen Autonomiebehörde den Auftrag zum Aufbau des Telekomsektors. Al-Masri, mittlerweile Mitte siebzig, ist so etwas wie der Tycoon des Westjordanlands und unbestritten die prominenteste Figur unter den palästinensischen Geschäftsleuten. Er steht noch hinter der Palestine Development & Investment Company (Padico), der wiederum 65 Prozent der palästinensischen Wertpapierbörse in Nablus sowie ein Großteil der Paltel-Aktien gehören. Munib al-Masri war immer ein enger Vertrauter Arafats und hat nach eigenen Angaben dreimal das Angebot abgelehnt, palästinensischer Premierminister zu werden.
Angesichts der Geschäftspraktiken in der Autonomiebehörde darf angenommen werden, dass damals reichlich Geld in die schwarzen Kassen Arafats geflossen ist, damit al-Masri und seiner Firma die Lizenz zum Telefonieren erteilt wurde. Von sieben Prozent des jährlichen Umsatzes und einer Einmalzahlung von 34 Millionen Dollar ist die Rede.
Dank bester Verbindungen wurde Paltel dann so etwas wie der Platzhirsch unter allen palästinensischen Unternehmen. Mit knapp 4.000 Mitarbeitern ist die Telekommunikationsfirma das größte palästinensische Unternehmen überhaupt. Allein im zweiten Quartal 2008 verzeichnete man 59,9 Millionen Dollar Gewinn, ein Plus von satten 53 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Der Umsatz stieg für denselben Zeitraum um 32 Prozent auf 197,3 Millionen Dollar. Rund zwölf Prozent des palästinensischen Bruttoinlandsproduktes werden laut Washington Post von Paltel erwirtschaftet, andere Quellen sprechen gar von 20 Prozent. Und weil Paltel keine Konkurrenz kennt, kann es auch munter die Preise diktieren. »Nur 27,5 Prozent aller Palästinenser verfügten Ende des Jahres 2007 über ein Mobiltelefon, und weniger als zehn Prozent haben einen Festnetzanschluss«, berichtete kürzlich der Informationsdienst Business Monitor International. Der Grund dafür ist die Quasimonopolstellung von Paltel. Dabei lassen die Zahlen außer Acht, dass nicht wenige Palästinenser die israelischen Anbieter benutzen, die ebenfalls in den Gebieten zu empfangen sind. Das sei eine illegale Praxis, behauptet Paltels Mobilfunkanbieter Jawwal und verklagte 2003 zwei israelische Netzbetreiber.
Dabei steht ein anderer Anbieter längst in den Startlöchern: Wataniya Palestine Mobile Telecommunications, eine Tochter der Kuwaitischen National Mobile Telecommunications, die wiederum von Qtel aus Katar kontrolliert wird. 2006 gab die Autonomiebehörde grünes Licht für den Aufbau eines zweiten Mobilfunknetzes, Wataniya plante Investitionen in Höhe von 650 Millionen Dollar und versprach die Schaffung von 2.500 Arbeitsplätzen. 354 Millionen Dollar forderte die Autonomiebehörde für die entsprechenden Lizenzen. Vorab überwies man auf Bitten von Ministerpräsident Salam Fayyad 78 Millionen Dollar, damit dieser in der Lage war, die Gehälter seiner Beamten für den Monat August zahlen zu können. Geschehen ist sonst bis dato jedoch gar nichts. Die Palästinenser behaupten, Israel blockiere die Freigabe der notwendigen Frequenzen. Die Tatsache, dass Paltel ebenfalls ein Interesse an Verzögerungen hat, wird eher hinter vorgehaltener Hand erwähnt.
Ärger droht Paltel von anderer Seite. Ihre Nähe zur PLO macht sie in den Augen der Hamas verdächtig. Dann lassen die radikalen Islamisten auch mal die Muskeln spielen: Im Mai 2008 zwang die Hamas das Unternehmen, ein Abkommen »zum Schutz der Söhne des palästinensischen Volkes« zu unterzeichnen. Das hieß: Paltels Internetdienst musste den Zugang zu pornografischen Webseiten blockieren. Danach gab es Chaos, weil die dazu erforderliche Technik das Internet fast lahmlegte. Mangels Alternativen unternahm die Hamas aber wenig, um Paltels Macht zu beschränken. »In Krisenzeiten wie diesen ist das Mobiltelefon eine Art Werkzeug zum Überleben«, sagt ein Paltel-Berater. Vom Krieg in Gasa können die Mobilfunkanbieter noch nicht profitieren.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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