Gesprächsbedarf

Aneinander vorbei

Der Zustand der Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Israel scheint mir fast dem des Wetters zu ähneln: Alle beschweren sich, aber keiner unternimmt etwas, um es zu ändern. Scherz beiseite. Sowohl Israelis als auch Europäer beschweren sich wechselseitig über das Verhalten des anderen. Die EU beschwert sich über Maßnahmen, die Israel in politischer, völkerrechtlicher und militärischer Hinsicht trifft. Und Israel beschwert sich über häufig einseitige Erklärungen und Strafmaßnahmen der EU, die diese wiederum als Zeichen des Unbehagens über die israelische Politik oder sogar aus Frustration erlässt.
Beispiele für das Verhalten der EU gibt es genug. Zuletzt die Reaktion nach der Militäroperation in Gasa durch das Einfrieren der Aufwertung der Beziehungen und nach den Wahlen in Israel, als EU-Chefdiplomat Javier Solana bereits von einem »Wendepunkt in den europäisch-israelischen Beziehungen« sprach. Dieses Verhaltensmuster bestimmt die Beziehungen seit fast vier Jahrzehnten und ist ein Symptom für ein tiefgreifendes Problem. Ergänzend muss gesagt werden, dass in den Phasen, in denen Israels Verhalten der Vorstellung der EU entspricht, es auch »belohnt« wird – zum Beispiel in wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bereichen.
Ist es eine Zwangsläufigkeit? Müssen die Beziehungen so bleiben? Oder anders gefragt: Was läuft da schief? Nur wenn es uns gelingt, sich ernsthaft mit den Ursachen des, wie mir scheint, gestörten Verhältnisses, auseinanderzusetzen, können wir zumindest die Voraussetzungen schaffen, es zu normalisieren. Müssen wir die Sache angehen? Zweifelsohne. Warum?
Fangen wir damit an, dass die Europäer die Nahostregion als eine Nachbarregion betrachtet. Daraus folgt die Auffassung, dass die Sicherheit und Stabilität der EU von der Lage im Nahen Osten abhängig ist. Die Instabilität, die jedoch im Nahen Osten und im Mittelmeerraum herrscht, zwingt die EU, einen Beitrag zu Frieden, Sicherheit und Stabilität zu leisten. Das in seiner Region isolierte Israel, betrachtet Europa nicht nur als Absatzmarkt, sondern als Hinterland, als Teil des Westens, mit dem Israel sich identifiziert, verbunden fühlt und auf dessen moralische und politische Unterstützung es angewiesen ist.
Aufgrund dieser gegenseitigen Abhängigkeit muss versucht werden, nach den Ursachen der gestörten Beziehungen zu suchen, die im Laufe der Jahrzehnte zu hohen Erwartungen und dementsprechend zu bitteren Enttäuschungen geführt haben, besonders auf israelischer Seite.
Forscht man nach den Ursachen, so stößt man auf tiefgreifende Meinungsunterschiede, die wiederum zu falschen Vorstellungen führen. Die Meinungsunterschiede haben unter anderem kulturell-religiöse Gründe, die im Charakter des jüdischen Staates liegen. Darüber hinaus rüh-
ren sie aus den verschiedenen kollektiven Biografien der Nachkriegszeit und den Schlussfolgerungen, die die EU-Staaten – hauptsächlich die westeuropäischen – und Israel aus dem Zweiten Weltkrieg und der Schoa gezogen haben. Diese Meinungsunterschiede bewirken unterschiedliche Einschätzungen der Ursachen für die Instabilität in der Region. So hält die EU zum Beispiel den israelisch-palästinensischen Konflikt für den Hauptgrund dieser Instabilität. Und es sind unterschiedliche Auffassungen, was in Angriff genommen werden sollte, um die Region langfristig zu stabilisieren. Und dies betrifft nicht zuletzt auch die Frage, wie sich Israel politisch, militärisch und völkerrechtlich verhalten sollte.
Aus diesen Gründen kann man es nicht als Dialog bezeichnen, was zwischen Israel und der Europäischen Union stattfindet. Vielmehr sind es zwei Monologe, die geführt werden. Dieser Zustand mündet, wie wir wissen, in Misstrauen – insbesondere bei den Israelis – und in Frustration – insbesondere in der EU – und in Spannungen, die nur vorübergehend abgebaut werden.
Wir sind aufeinander angewiesen, ha-
ben gemeinsame Interessen. Wir können uns gar nicht trennen. Daher müssen wir, um diese negative Dynamik, die die Beziehungen seit Jahrzehnten belastet, aufzuheben oder zumindest zu lindern, eine grundsätzliche, nicht öffentliche Diskussion führen. Selbst, wenn diese ernsthaft geführt wird, wird sie nicht alle Probleme aus dem Weg räumen. Vielmehr wird sie uns helfen, anders als bisher, Verständnis für gegenseitige Positionen aufzubringen und infolgedessen den Umgang miteinander zu verändern. Wenn wir uns nicht darum kümmern, sind wir verdammt, in einem dauerhaften Zustand von Misstrauen, Enttäuschung und Frustration zu agieren. In Hinblick auf die vor uns liegenden großen Herausforderungen wäre das eine schlechte Nachricht.

Rabbinerausbildung

»Sehr bedeutsamer Schritt«

Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und die Nathan Peter Levinson Stiftung beabsichtigen Kooperation

 19.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

USA

Müssen US-Unis Informationen über jüdische Mitarbeiter herausgeben?

Die Universität Pennsylvania wehrt sich gegen die Forderung, persönliche Daten jüdischer Mitarbeitender auszuhändigen. Der Fall wird vor einem US-Bundesgericht verhandelt.

von Nicole Dreyfus  29.01.2026

Fernsehen

Wie Skandal-Camper Gil Ofarim erste Sympathie-Punkte sammelt

Kompliment und Kloppe für Gil Ofarim

von Aleksandra Bakmaz  29.01.2026

TV

Dschungelcamp: Gil Ofarim will nicht sprechen - oder doch?

Bei Hitze und Hunger schütten die Campteilnehmer sich gegenseitig ihr Herz aus. Am zweiten Tag in Down Under lassen die Dschungelbewohner tief blicken. Doch nicht jeder bekommt Mitleid

von Inga Jahn  02.02.2026 Aktualisiert

Leipzig

Gegensätzliche Nahost-Demos linker Gruppen 

Ein Team des MDR wurde aus der antiisraelischen Demo heraus angegriffen

 17.01.2026

TV-Tipp

Als David Bowie weinte: Arte-Doku beleuchtet die Schattenseiten eines musikalischen Genies

Oft feiern Filmporträts ihre Protagonisten mehr oder weniger unkritisch. Eine Arte-Doku über Popstar David Bowie wählt einen anderen Weg - und ist genau deshalb so gelungen

von Manfred Riepe  14.01.2026

Brandenburg

»Was soll der Scheiß?«: Nach Brandanschlag - Büttner übt scharfe Kritik an Linken-Spitze

Die Hintergründe

 10.01.2026

Antisemitismus

Die kruden Thesen eines AfD-Abgeordneten

Ein AfD-Parlamentarier teilte einen Instagram-Post, in dem die Rothschild-Familie mit dem Untergang der »Titanic« 1912 in Verbindung gebracht wird

 08.01.2026