Gila Lustiger

» Andeutung, Überraschung, Witz«

Frau Lustiger, Ihr neuer Roman »Herr Grinberg & Co.« handelt vom Glück, vom Sinn des Lebens, von Verständnis und Offenheit (vgl. Beilage, S. 11). Ist das jüdische Literatur?
lustiger: Die Suche nach dem Glück ist universell. Dennoch würde ich sagen: »Herr Grinberg« ist mein jüdischstes Buch. Wenn Sie so wollen, meine Flitterwochen mit der jüdischen Tradition.

Inwiefern ist es Ihr jüdischstes Buch?
lustiger: Andeutung, Aussparung, Überraschungseffekte, Sprachwitz. Weil ich mich der Erzählform und der Erzählstrategien bediene, die man in chassidischen Geschichten und jüdischen Parabeln findet. Nicht inhaltlich, sondern vom Stil her ist dieses Buch jüdisch.

Ist Ihr 2005 erschienener Familienroman »So sind wir« nicht auch ein jüdisches Buch?
lustiger: »So sind wir« ist ein Buch über meine Generation, die sich plötzlich – jüdisch oder nicht – mit der Vergangenheit ihrer Eltern auseinandersetzt, die ja in Deutschland verschwiegen wurde.

Was zeichnet also jüdische Literatur aus?
lustiger: Jüdische Literatur ist vor allem eine Auseinandersetzung mit jüdischen Themen. Doch selbst für diejenigen, die der religiösen Tradition fernstehen, bleibt, als eine Art Annäherung oder Trost, die literarische Form. Die Form bleibt, selbst ihres religiösen Inhalts entleert, wie eine ausgehöhlte Schale, die man wieder füllen kann. Es gibt eine schöne Anekdote über den Regisseur Billy Wilder. Der hat einmal auf die Frage »Was ist eine gelungene Komödie?« geantwortet: Gute Regisseure sagen in ihren Filmen »eins plus eins«, und der Zuschauer ergänzt »zwei«. Bei Ernst Lubitsch sei das natürlich noch ausgeklügelter gewesen, denn da hätten die Zuschauer immerzu »Aha, zwei!« gesagt. Auch ein Schriftsteller muss seine Leser für schlau genug halten, seine Pointen, Sätze und Gedanken fortzuführen. Und wenn er es auch noch schafft, dass der Leser »Aha!« ausruft oder »Asoj!«, umso besser.

Jüdische Literatur macht klug?
lustiger: Ganz sicher.

Können auch Nichtjuden jüdische Literatur machen?
lustiger: Sich jüdischer Erzählstrukturen bedienen wie in guten chassidischen Geschichten? Lassen Sie mich wie ein Jude antworten: Warum nicht?

Mit der in Paris lebenden Schriftstellerin sprach Christian Böhme.

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026