Jakow Zelewitsch

»Am Schabbat arbeite ich«

Eigentlich habe ich Ferien. Ich verbringe sie mit meiner Frau Kira, meiner Tochter Julia und meinem zweijährigen Enkel Dan an der Ostsee. »Eigentlich« sage ich, weil ich zwar im Strandkorb sitze, aber auf meinem Schoß liegt der russisch‐hebräische Machsor. Ich bereite die Hohen Feiertage vor, ich versuche, meine Erinnerung an die Melodien aufzufrischen, während die Frauen mit dem kleinen Dan baden und Sandburgen bauen. Mein Enkel wächst zweieinhalbsprachig auf: Meine Tochter und meine Frau sprechen Deutsch mit ihm. Das können sie besser als ich. Kira ist Deutschlehrerin. Ich dagegen unterhalte mich mit dem Jungen in der Sprache, die ich nach wie vor am besten beherrsche, nämlich Russisch. Obwohl ich mich nach unserer Auswanderung 1991 mit einem einjährigen Sprachkurs herumgeplagt habe, ist mein Deutsch auch 15 Jahre später noch immer nicht perfekt. Ärgerlich ist das, doch ich habe die Hoffnung, dass ich auch mit meinen 60 Jahren noch dazulerne. Dan jedenfalls hat mit den beiden Sprachen keine Probleme. Zusätzlich lernt er von mir noch ein paar Brocken Hebräisch. Das Aleph‐Bet und einige Zahlen kennt er bereits, und sogar Begriffe wie »Schabbat« und »Lichtzünden« sagen ihm schon etwas, denn wenn er uns besucht, erkläre ich ihm immer einige unserer Traditionen, natürlich mit ganz einfachen Wörtern.
Mir ist es aber auch wichtig, dass er Russisch lernt. Denn obwohl wir uns in Deutschland schon längst zu Hause fühlen, ist es doch die Sprache unserer alten Heimat. Im Unterrichten habe ich übrigens einige Übung, denn ich gebe auch Kindern in meinen Gemeinden Unterricht im Hebräischen. Meist geht es dabei nur um ganz einfache Worte und kurze Gespräche. Zurzeit habe ich aber nur in Minden ein paar Schüler. Die Paderborner unterrichten ihre Kinder selbst, und in Herford‐Detmold gibt es keine Anmeldungen zum Unterricht. Meine Gemeinden bestehen eher aus älteren Leuten. Eine Barmizwa‐Feier, wie wir sie neulich bei uns hatten, ist etwas ganz Besonderes.
Der hiesige Ostseestrand ist schön, aber in Riga, wo wir früher lebten, ist der Sand viel feiner, es ist nicht so viel Betrieb, und die Temperaturen sind auch nie so hoch wie hier. Oft sind wir im Sommer dort. Kira hat noch einige Verwandte in Riga. Ihre Familie lebt dort schon in der fünften Generation. Ich muss schon sagen: Der Strand dort ist einfach besser.
Wir haben unseren Urlaub aber auch schon in Italien und Spanien verbracht. In Israel allerdings war ich bisher nur ein einziges Mal – für drei Tage, kurz vor Pessach 2001. Leider hatte ich nicht mehr Zeit, doch Jerusalem wollte ich auf jeden Fall sehen. Und weil das Singen immer schon meine Leidenschaft war, hat man mir erlaubt, an der Klagemauer das Gebet »Sim Schalom« zu intonieren. Plötzlich war ich umringt von vielen Menschen, die mir andächtig zuhörten. An diesem heiligen Ort bei der permanenten Bedrohung durch Anschläge für den Frieden zu beten, das hat mich innerlich sehr bewegt und berührt. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.
In Herford lebe ich mit meiner Frau in einer geräumigen Wohnung im jüdischen Gemeindehaus. Im Erdgeschoss ist der kleine Kiddusch‐Raum und daneben unsere Synagoge. Auch sie ist klein. Gerade einmal 30 Personen finden dort Platz. Eine koschere Küche haben wir nicht in der Gemeinde. Deshalb müssen wir uns das Essen zum Kiddusch von einer Firma liefern lassen. Oft gibt es Salate und Fisch und natürlich Challot. In unserer privaten Küche haben wir zwar zwei Kühlschränke, einen für Milchiges und einen für Fleischiges, doch ansonsten essen wir notgedrungen eher »kosher‐style« und kaufen nach der Kaschrutliste ein, weil es bei uns keine zertifizierten Geschäfte gibt. Die Einkäufe erledigt meistens meine Frau. Wenn schwere Sachen zu transportieren sind, helfe ich ihr. Manchmal gehe ich ihr auch beim Kochen zur Hand. Eine große Schwäche habe ich für Blini, am liebsten mit saurer Sahne, und Borschtsch nach ukrainischer Art. In letzter Zeit verzichten wir aber meist auf die Fleischeinlage – aber nicht wegen der Kaschrut, sondern wegen der Figur.
Außer meiner Morgengymnastik treibe ich schon seit Längerem keinen Sport mehr, und das macht sich auf die Dauer leider doch bemerkbar. Mir fehlt im Augenblick einfach die Zeit dafür. Früher habe ich Tennis und Tischtennis gespielt, in meiner Jugend in der Ukraine auch Fußball. Und einmal habe ich als junger Mann sogar geboxt – bis mich, das vielversprechende Nachwuchstalent, mein Gegner bereits in der zweiten Runde K.O. schlug. So war der Anfang meiner Boxkarriere auch gleich ihr Ende.
Außer uns lebt im Gemeindehaus noch eine christliche Familie, die für die Sauberkeit des Treppenhauses sorgt. Ungefähr ein halbes Jahr nach unserem Einzug musste ich mit unseren Nachbarn einmal ein ernstes Gespräch über unsere religiösen Bestimmungen führen, denn sie haben im Kiddusch‐Raum einfach so eine Feier veranstaltet und ihren Gästen dort nicht‐koscheres Essen serviert. Seit ich ihnen die Bedeutung dieses Raumes für uns klar gemacht habe, kommen wir aber gut miteinander aus. Auch im Gemeindeleben fungiere ich oft als Vermittler »zwischen den Welten«. Ich habe das Gefühl, die Menschen vertrauen mir, Zuwanderer ebenso wie Alteingesessene. Man fragt mich oft um Rat, auch bei sehr persönlichen Dingen. Als mich zum Beispiel der Vorsitzende der Paderborner Gemeinde bat, einer Frau im Krankenhaus vor einer größeren Operation ein wenig Mut zu machen, habe ich sie dort angerufen, meine Gitarre genommen und ihr am Telefon die alte russische Romanze »Chrysanthemen« vorgesungen. Das sei ihr eine große seelische Unterstützung bei der Vorbereitung auf den Eingriff gewesen, erzählte sie mir hinterher.
Zu Herfordern außerhalb der jüdischen Gemeinde habe ich kaum Kontakte, die über meine Arbeit hinausgehen. In Münster, wo wir nach unserer Ankunft in Deutschland über zehn Jahre lebten, war das anders. Heute noch bin ich mit einigen ehemaligen Arbeitskollegen befreundet. Ich habe dort lange in einer EDV‐Firma gearbeitet und Netzteile in Computer eingebaut. Dieses technische Wissen kommt mir heute noch zugute – im Gegensatz zu meinen Ingenieurkenntnissen, die mittlerweile ganz veraltet sind. Und auch meine Schlosserlehre, die ich nach der Schule in der Ukraine gemacht habe, ist mir heute immer noch nützlich. Kleinere Reparaturen in der Küche und im Haus zum Beispiel erledige ich alle selbst.
Wenn ich wie jetzt im Urlaub bin, gibt es für mich als Kantor keine Vertretung, und dann müssen die Gottesdienste in meinen drei Gemeinden leider ausfallen. Deshalb finde ich zwei Wochen Ferien auch ausreichend. Nur eine einzige längere Reise würde ich gern noch machen. Ich wünsche mir, endlich wieder einmal in die Ost‐Ukraine zu fahren, dorthin, wo ich geboren wurde. 17 lange Jahre war ich nicht mehr da. Ich wüsste so gern, wie es in meinem kleinen Heimatstädtchen heute aussieht. Viele meiner Verwandten sind dort auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Meinem ukrainischen Cousin habe ich einmal Geld geschickt, dass er dort Steine setzen lässt. Leider kann ich mir das Ergebnis nicht mit eigenen Augen ansehen, denn es gibt immer wieder Probleme bei der Visabeschaffung. Die alte Heimat so lange nicht besucht zu haben, das bereitet mir wirklich großen Kummer.
Wenn morgen unser Schwiegersohn kommt, dann ist die Familie komplett und unsere kleine Ferienwohnung voll. Und es gibt etwas zu feiern: Meine Frau Kira hat Geburtstag. Wie alt sie wird, darf ich nicht verraten. Für mich – und wahrscheinlich auch für die Kinder – heißt ein solches Ereignis, den Kampf gegen Figurprobleme mal wieder um einige Zeit zu vertagen. Sonntag fahren wir dann alle wieder nach Haus, denn am nächsten Schabbat muss ich wieder in der Gemeinde sein.

Aufgezeichnet von Frank Lachmann.

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