Beduinen

Am Ende des Weges

von Sabine Brandes

Unaufhörlich zerrt der heiße Wüstenwind an den schwarzen Zeltplanen, Sand kriecht durch alle Ritzen. Hinter einem dürftig zu‐
sammengehämmerten Zaun kauen ein paar Kamele an den kärglichen Grashalmen. Kinder mit ungekämmten Haaren in verschlissenen Kleidern rennen mit Ziegen um die Wette. Rundherum dominieren Sanddünen das Bild, tauchen alles in ein endloses Gelb. Die Negev‐Wüste ist mit ihren mehr als 13.000 Quadratkilometern der größte Teil Israels. Und der am wenigsten besiedelte. Zu jenen, die sich hier niedergelassen haben, gehören seit Jahrhunderten die Beduinenclans. 170.000 Mitglieder des wandernden Volkes leben heute in der Negev.
Das Wort Beduine bezeichnet die Nomadenstämme des Nahen Ostens, deren Realität in Literatur und Film oft übertrieben romantisiert ist: Charmante Scheichs, die auf galoppierenden Pferden den Wüstensand aufpeitschen und mit ihren stahlblauen Augen tief in die Hollywood‐Kamera schauen, sind ein verkitschtes Traum‐
bild, das mit der Wirklichkeit nichts ge‐
mein hat. Der Alltag der meisten ist hart und von Armut geprägt. 45 Prozent leben in nicht anerkannten Siedlungen, die kaum als Dörfer bezeichnet werden können. Meist bestehen sie aus einer Handvoll Wellblechhütten, Holzverschlägen und Zelten. Sie sind über die ganze Negev verstreut, doch in keiner Landkarte zu finden. Die Bewohner sind allesamt Israelis, tragen den blauen Personalausweis bei sich, nicht wenige Söhne dienen als versierte Spurensucher in der Armee. Ihre wilden Siedlungen indes werden vom Staat nicht anerkannt.
Einige liegen nur Autominuten von der Negev‐Hauptstadt Beer Schewa entfernt, an supermodernen Schnellstraßen. Über die Dörfer ziehen endlose Stromkabel hinweg, doch gibt es dort weder fließendes Wasser oder Abwassereinrichtungen, keine Schulen, Kindergärten und ärztliche Versorgung vor Ort. Elektrizität liefern ausschließlich die ohrenbetäubenden Ge‐
neratoren neben den Behausungen. Der Mann hat noch immer das Sagen, Frauen bleiben gänzlich unter sich, vielen ist un‐
tersagt, das Dorf zu verlassen. Eine dieser Frauen ist Hinia. Sie ist 27, hat vier Kinder, kaum Schulbildung und wenig Aussicht, dass sich ihr Leben jemals ändern wird. Ihr Traum wäre Rahat. Das Wort allein klingt in ihren Ohren wie eine Verheißung.
Tatsächlich taucht die Stadt Rahat wie eine Fata Morgana aus dem Nichts am Ho‐
rizont auf. Ihr typisch orientalischer Charakter zeigt sich in den flachen, schlicht verputzten Häusern, aus deren Mitte lediglich die schneeweißen Minarette ragen. Rahat, gegründet 1972, ist die größte Be‐
duinengemeinde der Welt und gleichzeitig anerkannte Stadt mit 52.000 Einwohnern. Stolz merkt Pressesprecher Raanani Ba‐
zouk an, dass sie zudem nach Beer Schewa zweitgrößte Stadt des Negev und nach Na‐
zareth zweitgrößte arabische Ansiedlung in ganz Israel ist. Neben Rahat gibt es sechs weitere kleine Beduinenstädte, darunter Tel Schewa, die einst als Pilotprojekt startete, um die Nomaden zu einem sesshaften Leben zu bewegen.
Gründe, stolz zu sein, gibt es viele: Ein kleines Zentrum mit Geschäften, einem Wochenmarkt und einem nagelneuen Ge‐
meindehaus laden zum Bummeln ein. Frauen und Männer sitzen entspannt unter Palmen und halten einen Plausch. An allen Ecken werden Steine für Bürgersteige verlegt, Häuser gebaut, Straßen erweitert. Wasser‐ und Abwassersysteme sind auf dem neuesten Stand. Rahat ist eine junge Ge‐
meinde: 62 Prozent der Bevölkerung sind unter 18, die Geburtenrate von 5,6 gehört zu einer der höchsten der Welt. Vom Kindergarten bis zum Gymnasium gibt es sämtliche Schulen, fast alle sind öffentliche Einrichtungen. Im Rahmen der Entwick‐lung der Negevwüste hat die Regierung den Bewohnern jüngst zusätzliches Land zugesprochen. Nun wird sich ihre Stadt nicht mehr auf 8.000, sondern auf 24.000 Quadratmetern Fläche ausdehnen.
Doch zusätzliche Bewohner wie Hinia sind in Rahat nicht unbedingt erwünscht. »Viele wollen wegen der guten Dienstleis‐tungen herziehen«, weiß Bazouk, »doch die Stadt ist für unsere Bürger gemacht, wir wollen uns in erster Linie um sie kümmern.« Rahats erster Mann, Talal Al‐Karnawi, ist ein pragmatischer Mensch, der auf Modernität und Integration setzt: »Un‐
sere Stadt funktioniert nur deshalb so gut, weil zu Beginn der kulturelle Hintergrund der Menschen gewahrt wurde. Rahat entstand aus Flecken der verschiedenen Clans, jetzt geht es darum, sie als eine Gemeinde zu vereinen.« Al‐Karnawi meint, dass es Aufgabe des Staates Israel sei, sich um die Menschen in den nicht anerkannten Siedlungen zu kümmern. »Es kann nicht sein, dass dies unser Problem wird.«
Trotz des Erfolges von Rahat gibt es genug Schwierigkeiten. Mehr als zehn Prozent der Männer heiraten heutzutage noch immer mehrere Frauen. »Das Phänomen der Polygamie ist eine Epidemie, deren emotionale, wirtschaftliche und soziale Auswirkungen für die Frauen und Kinder unerträglich sind«, sagte Sozialminister Isaac Herzog vergangene Woche auf einer Pressekonferenz. In einem Projekt in Zu‐
sammenarbeit mit führenden Beduinenpersönlichkeiten will das Ministerium das Bewusstsein auf dieses Problem lenken und Abhilfe schaffen.
Auch Geld fehlt in Rahat an allen Ecken und Enden, die Arbeitslosigkeit ist recht hoch, wie viele genau ohne Beschäftigung sind, mag niemand sagen. Viele Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Der Haushalt von 40 Millionen Dollar liegt 30 Prozent unter dem anderer Entwicklungsstädte wie Dimona oder Arad. »Allzu große Sprünge sind damit nicht möglich«, so Al‐Karnawi.
Dennoch ist der Bürgermeister voll des Lobes für den Staat. Vor allem ehemalige Premiers hätten in Rahat wahre Wunder bewirkt. Allen voran Yitzhak Rabin. »Er kam Anfang der 90er Jahre und sagte, dass er sich schäme, derartige Zustände zu se‐hen«, erinnert sich Al‐Karnawi, »und schon kurz nach seinem Besuch kam fließendes Wasser, wurden Sport‐ und Gemeindezentren gebaut.«
Die Stimmung im Städtchen ist gut. »Wir bewegen uns in einem Trend immer nach oben«, frohlockt der Bürgermeister. Vorhaben hat er viele: das Industriegebiet erweitern, neue Servicezentren bauen, die Schulen verschönern, die Landwirtschaft modernisieren. Einwohnerin Assiya Mahmoud fühlt sich wohl hier, den Umzug vor 20 Jahren vom Zelt in ein Haus bereut sie nicht: Es sei angenehm, immer Wasser und Strom zu haben, wenn man es braucht. Auch die festen Wände seien den Zeltplanen auf jeden Fall vorzuziehen. »Richtig glücklich aber macht mich, dass meine Enkel in eine echte Schule gehen und wichtige Dinge für das Leben lernen können.«

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