Riwka

Am Brunnen vor dem Tore

von Rabbinerin Gesa Ederberg

Unser Wochenabschnitt beschreibt den Übergang von einer Generation zur nächsten: Das Leben Sarahs und Abrahams geht zu Ende, und das nächste Paar der Vorfahren des Volkes Israel, Rebekka und Isaak, Riwka und Jitzchak, rücken ins Zentrum des Geschehens.
Abraham ist alt geworden und sorgt sich, wie seine gerade eben begonnene Geschichte mit Gott auch in der nächsten Generation weitergehen wird. Deshalb schickt er seinen Knecht Elieser aus, um für Jitzchak eine Frau zu finden, die diese Kontinuität mitträgt. Kurz darauf finden wir Elieser am Brunnen vor den Toren der Stadt Aram-Naharaim, aus der Abrahams Familie kommt. Wenn auch an diesem Brunnen wahrscheinlich kein Lindenbaum stand, und er nicht von Schubert besungen wurde, sehen wir doch eine romantische Szene: Die Sonne geht unter, langsam kommen die Mädchen und Frauen aus der Stadt, um Wasser zu holen – Elieser wird nicht der einzige Mann sein, der hier Ausschau nach den Mädchen hält.
Ihm ist klar, wie schwierig seine Aufgabe ist, und er bittet Gott: »Lass das Mädchen, zu dem ich sage: ›Neige deinen Krug, damit ich trinken kann‹, und das antwortet: ›Trink, und auch deine Kamele will ich tränken‹, lass sie diejenige sein, die du deinem Knecht Jitzchak bestimmt hast.«
Die rabbinischen Kommentatoren sind sich uneins, was sie von diesem Gebet Eliesers halten sollen. Maimonides hält es für verbotene Wahrsagerei, wenn man seine eigenen Handlungen von einem äußerlichen Zeichen abhängig macht: »Wenn das und das passiert, werde ich so und so handeln.« Doch andere Kommentare machen deutlich, dass es Elieser nicht um mechanische Wahrsagerei und auch nicht um ein wunderbares Eingreifen Gottes geht.
Elieser hat hier einen Charaktertest formuliert, und er bittet Gott darum, ihm zu helfen, »die Richtige« zu erkennen. Rabbi Meir Loeb ben Jechiel Michael, ein Kommentator aus dem 19. Jahrhundert, macht deutlich, was für eine Zumutung in Eliesers Frage enthalten ist: Warum nimmt sich Elieser nicht selbst Wasser? Warum fragt er nicht eines der anderen Mädchen, die im Unterschied zu Riwka den schweren Krug noch nicht wieder auf die Schulter gestemmt haben? Warum erwartet er auch noch, dass sie seine Kamele tränkt?
Riwka versteht Eliesers Zumutung als Hinweis darauf, dass er behindert sei und nicht selbst für sich und seine Kamele Wasser schöpfen könne, und damit zeigt sich, dass sie aufmerksam, gastfreundlich und bescheiden ist.
Für heutige Leser ist es schwer, Riwkas Verhalten richtig zu verstehen. Man könnte meinen, sie lasse sich als Angehörige des unterdrückten Geschlechts zur Dienerin eines dahergelaufenen Fremden machen und lasse es passiv geschehen, von ihrer Familie in die Fremde verheiratet zu werden, an einen Mann, den sie nie gesehen hat. Doch schon die rabbinische Interpretation lehnt solch ein Verständnis ab: Riwka ist Herrin ihres Geschickes. Ihre Reaktion auf Eliesers Bitte ist eine eigenständige Entscheidung, mit diesem fremden Mann in Kontakt zu treten, ohne dass ein männlicher Beschützer anwesend wäre. Sie lädt ihn auf eigene Verantwortung ein, im Haus ihrer Familie zu übernachten. Und sie selbst entscheidet, dass sie mit Elieser mitgehen möchte.
Mit Riwkas Entscheidung ist der Generationenübergang schon geschehen. Abraham hat Elieser losgeschickt, aber Jitzchak ist es, der sie in Empfang nimmt. Jitzchak bringt sie ins Zelt seiner Mutter und findet Trost bei ihr, er liebt sie. Zusammen bekommen sie Kinder, die die besondere Geschichte Abrahams und Saras mit Gott fortsetzen werden.
Abraham lebt noch 35 Jahre und gründet eine neue Familie, heiratet Ketura, und sie haben sechs Kinder. Es hat den Anschein, als habe Abraham seine Pflicht als Träger großer Verheißungen erfüllt und gönne sich jetzt ein ganz normales Familienleben abseits aller göttlichen Aufträge und Pläne. Jitzchak ist sein Erbe, und er ist es auch zusammen mit Jischmael, der Abraham in der Höhle Machpela beerdigt.
Es drängt sich die Frage auf, wie das Verhältnis Jitzchaks zu seinen Eltern war. Wenn nicht Gott explizit zu Abraham gesagt hätte: »Nimm deinen Sohn Jitzchak, den du liebst«, könnte man Zweifel haben. Sein Vater war allem Anschein nach bereit gewesen, ihn zu töten. Seine Mutter brachte seinen Vater dazu, seinen großen Bruder Jischmael und seine Tante Hagar zu verstoßen und sie Todesgefahr auszusetzen. Ganz im Gegensatz zu seinem eigenen Sohn Jakob durfte sich Jitzchak nicht selber eine Frau suchen. Sein Vater sorgte dafür, und es war Jitzchaks (und Riwkas) Glück, dass diese Ehe mit Liebe gesegnet war …
Nicht der Tod Abrahams, sondern der Tod Saras und der Einstieg Riwkas in die Geschichte markieren den ersten Schritt von Abrahams persönlicher Beziehung zu Gott hin zur Beziehung zwischen Gott und seinem Volk Israel. Vielleicht zeigen die drei Generationen der Erzeltern uns auch eine andere Wahrheit. Erst nach mindestens drei Generationen wird sichtbar, ob aus der Entscheidung eines Einzelnen eine Tradition geworden ist, die die Gemeinschaft als Ganzes verpflichtet und sie als Auftrag zusammenhält.

Die Autorin ist Rabbinerin der Synagoge Oranienburger Straße der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

USA

Machanot trotz Corona

In Neuengland öffnet ein Sommercamp mit besonderen Schutzmaßnahmen

 19.05.2020

Corona-Krise

Fortschritte im Dialog der Religionen

Europäische Rabbinerkonferenz: Gemeinsame Herausforderungen lösen neue Dynamik aus

 14.05.2020

Extremismus

Zentralrat der Juden warnt vor Zunahme von Verschwörungstheorien

Proteste gegen Corona-Beschränkungen locken auch Hassprediger an. Viele sehen darin eine Gefahr

 10.05.2020

Israel

Maskenpflicht verhängt

Coronavirus: Gesundheitsministerium verschärft Vorschriften. Jerusalemer Stadtviertel abgeriegelt

 12.04.2020

London

Kandidaten für den Labour-Vorsitz stellen sich vor

Bewerber beantworten Fragen zu Antisemitismus und zur Ausrichtung der Partei

von Daniel Zylbersztajn  14.02.2020

Thüringen

»Definitiv ein Dammbruch«

Zentralratspräsident Schuster zur Ministerpräsidentenwahl: »Diese Einfallstore müssen wir wieder schließen«

 11.02.2020

Diplomatie

Knatsch zwischen Brüssel und Jerusalem

Israel wirft Belgien systematische Kampagne im UN-Sicherheitsrat gegen den jüdischen Staat vor

von Michael Thaidigsmann  07.02.2020

»Markus Lanz«

Atze Schröder bittet um Verzeihung

Komiker entschuldigt sich bei Schoa-Überlebender Eva Szepesi für Nazi-Verbrechen seines Vaters

 07.02.2020

Rubrik

Zitat der Woche

Jüdische Allgemeine vom 26. September 2019

 10.10.2019