lesung

Am Anfang war Arak

In Israel hat der Autor und Schriftsteller Najem Wali Menschen getroffen, die jenseits der Propaganda die gemeinsame Hoffnung auf Frieden verbindet. Von dieser Erfahrung berichtet er in seinem Buch Reise in das Herz des Feindes, das er auf Einladung der Literaturhandlung in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde und der B‘nai B‘rith im Rahmen der Vortragsreihe »Im Wissen um den Anderen« im Jüdischen Zentrum am Münchner Jakobsplatz vorstellte.
Rachel Salamander von der Literaturhandlung führte den in Basra geborenen Autor, der heute in Deutschland lebt, ein. Er studierte unter anderem deutsche Literatur, verließ nach Haft und Folter als Regimegegner seine Heimat Irak. Bei seiner Reise nach Israel hat ihn das Miteinander beeindruckt. Haifa, die Stadt im Norden Israels, ist für ihn ein »Modell für das Zusammenleben«, der er ein umfangreiches Kapitel in seinem Buch widmet. Nach Haft und Folter als Regierungsgegner emigrierte er nach Deutschland, wo er als Schriftsteller und Kulturkorrespondent arbeitet. War es nur die Neugier auf das in weiten Bereichen der arabischen Welt als Feindesland eingeschätzte Israel, das ihn zu dieser Reise aufbrechen ließ? Diese Frage von Rachel Salamander führte zurück in einen Irak, in dem vor Jahrzehnten noch viele Juden lebten.
Wali erzählte, wie er als Kind seine älteren männlichen Familienmitglieder beobachtete, wie sie Arak tranken. Die augenscheinlich positive Wirkung dieses alko- holischen Getränks faszinierte den kleinen Najem. So machte er sich eines Abends über einen Kanister mit solch einer klaren Flüssigkeit her. Wer jetzt unter den Zuhörern eine Alkoholvergiftung befürchtete, war noch auf der positiven Seite, denn in dem Kanister befand sich Kerosin. Als der damals Sechsjährige wieder aus dem Koma erwachte, sah er sich von Arzt Dawud Gabbay gerettet. Die Dankbarkeit gegenüber dem jüdischen Mediziner sollte lebenslang anhalten. Ihm hat Wali auch dieses Buch gewidmet. Lange noch blieb der Arzt im Irak, bevor er nach Israel auswanderte. Er habe seine Patienten dort nicht im Stich lassen wollen. Dann aber brach der Kontakt ab. Als Najem Wali seinen deutschen Pass erhalten hatte, beschloss er, nach Israel zu fahren und seinen Lebensretter aufzusuchen. Doch nur acht Tage vor dem lange erwarteten Wiedersehen starb Dawud Gabbay.
Nicht gestorben dagegen sind die Erinnerungen Walis an seine Heimat und seine Träume von einem Frieden. Auf einem seiner Buchcover sind beeindruckende Palmen zu sehen. Sie verbinden sich mit seiner Kindheit in Basra. Samen und Sprösslinge von diesem Bäumen kamen von Basra nach Israel. Die alten Bäume im Irak fielen, so erzählte Wali, dem Iran-Irak-Krieg zum Opfer. Und so hat er eine Vision: Könnten nicht die Palmen aus Israel – im Tausch vielleicht gegen Öl – neue und friedliche Beziehungen zwischen den beiden Ländern auslösen? Das müsse keine Utopie sein, schloss Wali seinen Vortrag. Sein Buch, so Rachel Salamander, zeige, wie man von verschiedenen Kulturen und Menschen lernen und auf diese Weise Vorurteile abbauen könne. Miryam Gümbel

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