Kulturzentrum

Altes Haus, neue Töne

von Dirk Hempel

Es ist ein ungewöhnliches Ambiente, in dem Albert Ben‐David arbeitet. Er sitzt an einem langen Besprechungstisch aus hellem Holz. Die klobigen Stühle rund um den Tisch sind mit beigem Stoff bezogen. Eine Zeitung liegt herum, das Neue Deutschland. „Guter Start durch exakte Bilanzen und neue Technologien“, heißt es auf der Titelseite. An den Wänden hängen Portraits von Erich Honecker, Willi Stoph, Ernst Thälmann und Felix Dscherdschinski, dem Gründer des sowjetischen Geheimdienstes Tscheka. Das Bücherregal in der Ecke wird von Stalin‐Bänden dominiert, daneben steht Lenin, zweimal Wilhelm Pieck und eine Ausgabe des Kommunistischen Manifests. Selbst die Reden von Winston Churchill gibt es. Ben‐David präsentiert den Band amüsiert: Er enthält kein einziges Wort. Das Buch ist eine Attrappe, verwendet für Filmproduktionen der DDR.
Film, Fernsehen und Radio – darum dreht sich fast alles im Büro Ben‐Davids. Eine alte Bandmaschine steht in der Ecke, Fernseh‐ und Radiogeräte der Marken Kuba, Blaupunkt, Telefunken und Robotron sind aufgereiht. Alles wie vor rund 35 Jahren, auch das Exemplar des Neuen Deutschland ist auf den 30. Januar 1968 datiert. „Das ist mein kleines Museum“, sagt Ben‐David. „Alle Ausstellungsstücke sind original.“ Nur das kleine blitzende Trabbi‐Modell auf dem Schreibtisch nicht. Das hat Ben‐David erst vor wenigen Tagen gekauft.
Der 62‐jährige ist kein Anhänger der DDR, der vergangenen Zeiten nachtrauert. Aber er arbeitet an einem historischen Ort im früheren Ostteil Berlins. Sein Arbeitsplatz ist Zimmer A510 im ehemaligen Haus des Rundfunks. Hier, hinter der mittlerweile denkmalgeschützten Fassade des dunkelroten Klinkerbaus, saß einst die Chefetage des DDR‐Rundfunks. Wo damals im Auftrag der SED an „Erziehung und Beeinflussung der Massen“ gearbeitet wurde, wirkt nun ein Investor: Albert Ben‐David, Bauingenieur und Unternehmer aus Tel Aviv.
Dem größtenteils leerstehenden Gebäudekomplex in Berlin‐Oberschöneweide will er neues Leben einhauchen. Ein „Zentrum für Medien, Kultur und Entertainment“ ist hier geplant. Großflächige Ideenskizzen und Baupläne hat er in den vergangenen Monaten entwickelt: ein Nutzungskonzept für das Ensemble aus vier zusammenhängenden Bauten, insgesamt mehr als 46.000 Quadratmeter Gebäudefläche, darunter Studio‐ und Aufnahmeräume, die für ihre gute Akustik bekannt sind. Arbeiten und Wohnen, Studieren und Freizeitgestaltung sollen hier künftig kombiniert werden. Für Charity‐Events will Ben‐David sogar kostenlos Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.
Auf einem Teil des Geländes könnte die Schauspielschule „Ernst Busch“ untergebracht werden. Die sucht einen neuen Standort, und Ben‐David hat sich mit seiner neuen Immobilie beworben. Die Infrastruktur der Studios könnte die Schule sogar mitnutzen. Auch Lofts, ein Studenten‐ wohnheim sowie Restaurants und Cafés am Spreeufer finden in den Skizzen Ben‐Davids ihren Platz. Pläne, die im Bezirk großen Anklang finden: Die Berliner Wirtschaftsverwaltung, Bezirksbürgermeisterin Gabriele Schöttler (SPD) und eine örtliche Bürgerinitiative unterstützen das Entwicklungskonzept.
Es ist bereits die zweite Umwidmung des Komplexes: Vor dem Zweiten Weltkrieg war hier eine Furnierfabrik untergebracht. Doch mit der Teilung der Stadt brauchte auch der Ostteil ein Rundfunkzentrum. Was damals als „modernstes Funkhaus Europas“ galt, wirkt heute eher trostlos. So manche Fensterscheibe ist zerborsten, viele Räume sind sanierungsbedürftig. Schon zu DDR‐Zeiten wurde nur das Nötigste zum Erhalt unternommen. Und nachdem der frühere DDR‐Staatsrundfunk Ende 1991 komplett in westdeutsche Sendeanstalten eingegliedert worden war, kümmerte sich niemand um das große Areal. Mit Ausnahme der Studios wurde es kaum genutzt. „Größtenteils leerstehend, wurde das Gelände zum Anziehungspunkt für Kriminelle“, so die wenigen Mieter.
Mittlerweile sind Autowracks und sonstiger Müll entsorgt, die Grünanlagen gepflegt, und es gibt einen Hausverwalter. Für Jean‐Boris Szymczak vom Studio P4 „geht es endlich voran“. Seit 1997 ist der Tonmeister Mieter in dem historischen Objekt. Oft hat er ans Wegziehen gedacht, „doch die Möglichkeiten dieser Studios sind einzigartig“. Unter dem neuen Eigentümer hat er endlich weitere Räume mieten können. „Vorher wurden die Flächen offenbar freigehalten, wahrscheinlich, um die Anlage besser verkaufen zu können.“
Im Herbst letzten Jahres hat Ben‐David das Gebäude erworben – nach einer Auktion, bei der er mit 3,9 Millionen Euro nur das zweithöchste Gebot abgab. Weil der Höchstbietende nicht zahlte, kam der Verkäufer dennoch auf den israelischen Investor zu. „Abends um 18 Uhr setzten wir uns zusammen, zwölf Stunden später waren wir uns einig“, erinnert sich Ben‐David. Auch Rechtssicherheit war dabei ein wichtiges Thema. Denn um das Gelände wird politisch gestritten. Es gehörte bis 2005 den neuen Bundesländern und war dann für nicht mal ein Zehntel des jetzigen Kaufpreises veräußert worden. Mittlerweile wird die damalige Transaktion von Rechnungshöfen geprüft.
Der Verkauf an Ben‐David steht dabei nicht zur Disposition, und so hat der neue Besitzer bereits einen höheren sechsstelligen Betrag in den Komplex investiert. Zunächst interessierte sich der Immobilienexperte nur allgemein für den Standort Berlin – wegen der mittel‐ und langfristigen Wirtschaftsentwicklung: „Alle Indikatoren sprechen für die Stadt.“ Das Rundfunkzentrum ist daher „das erste, aber nicht das letzte Objekt“ in Berlin, so Ben‐David.
Ständig pendelt er nun zwischen Berlin und Tel Aviv, das Deutsch‐Wörterbuch stets im Handgepäck. Ben‐David will sich selbst vom Fortgang der Arbeiten überzeugen. Außerdem ist er sichtlich von der Geschichte des Gebäudes fasziniert. Bei seinen Streifzügen findet er immer wieder Neues: Eine Überwachungszentrale unter dem Dach, hinter Wanduhren versteckte Mikrofone, ein Sendestudio mit verstecktem Zugang und jede Menge authentischen DDR‐Materials. Seine kleine Privatausstellung soll schon bald öffentlich zugänglich sein: In das neu gestaltete Foyer wird ein kleines Museum integriert – einige Originale aus Ben‐Davids Büro bekommen dann einen neuen Platz. Nur das weiße blitzende Trabbi‐Modell auf dem Schreibtisch nicht. In der frisch renovierten Eingangshalle wird dann ein echter Trabant aufgestellt.

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