bewegung

Alter schützt vor Ballspiel nicht

Cilla Wolf ist mit einem Ruck konzentriert bei der Sache. Wenige Sekunden zuvor hatte sie etwas müde auf ihrem Stuhl gesessen. »Aufpassen, Frau Wolf!«, ruft ihr Eva Nickel, Sozialarbeiterin im Seniorenzentrum der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, zu. »Sie sind dran!« Nun streckt Frau Wolf ihre Arme aus, fängt den Ball mit einem Lächeln und wirft ihn zurück. Aufmerksam verfolgt sie Eva Nickel, die in diesem Moment einem anderen Bewohner des Hermann‐Strauss‐Pflegeheims den Ball zuspielt. Sie sei ja kein »junges Mädchen« mehr, sagt Cilla Wolf, die vor 91 Jahren auf die Welt kam. Sie sei nicht mehr so beweglich wie früher, und es kommt schon mal vor, dass sie neben den Ball greift. Früher war sie bei der WIZO Berlin aktiv und hat sich ehrenamtlich um Menschen gekümmert, die es nötig hatten.
Seit einigen Jahren lebt sie im Hermann‐Strauss‐Heim und freut sich immer auf die Dienstage und Donnerstage – denn dann kommen Eva Nickel und ihre Mitarbeiterin Petra Martini, und gemeinsam überlegen sich alle, was sie in den zwei Stunden machen wollen. Rund 15 Bewohner beteiligen sich regelmäßig, sagt Nickel, die immer eine Runde durchs Heim macht, um alle abzuholen. Heute scheint die Sonne, und so kann im Garten gebastelt und gespielt werden. Die meisten haben Schwierigkeiten mit dem Laufen und müssen im Rollstuhl rausgeschoben werden. Etliche haben einen Schlaganfall gehabt und sind infolge dessen halbseitig gelähmt, einige sind wegen ihres hohen Alters in den Bewegungen eingeschränkt – aber bei der Sache sind heute alle.
Vor dem Sport haben sie bereits einen anderen Wettkampf bestritten: Sie mussten einen dicken Faden aufwickeln. »Solche Spiele mögen unsere Bewohner sehr gern, und es ist auch gut für die Feinmotorik«, sagt Eva Nickel. Die sportliche Betätigung, das Ballwerfen, sei das Lieblingsspiel der Bewohner, das wünschen sie sich immer wieder. »Die Bewegungen tun ihnen einfach gut.« Und sie amüsieren sich, wenn sie Nickel scheuchen, indem sie den Ball weit wegwerfen.
Seit sechs Jahren ist Eva Nickel, die in der Sozialabteilung der Gemeinde ihren Arbeitsplatz hat, im Seniorenzentrum im Einsatz. Damals wurde ein neues Gesetz eingeführt, nach dem alle Heime einen Sozialarbeiter vor Ort haben müssen. Seitdem ist Nickel regelmäßig für mehrere Stunden in der Woche im Alterssitz in der Dernburgstraße.
Sie überlegte sich, was sie anbieten könnte. Ihr fiel auf, wie lang und unausgefüllt die Tage der Bewohner sind – vor allem, wenn sie kaum noch Besuch bekommen. Daraufhin beschloss sie, mehrere Stunden in der Woche mit ihnen zusammen etwas zu unternehmen. »Wir machen auch gerne Ausflüge«, sagt sie. Bei solchen Aktionen ist sie auf ehrenamtliche Helfer angewiesen, denn für jeden Rollstuhlfahrer braucht sie jemanden, der ihn schiebt.
Jeden Donnerstag lädt sie ins Erzählcafé ein. Diese Woche ging es um das Wort Synagoge. »Da musste ich mich vorher schlau machen«, sagt Nickel. Jüngst haben sie über jüdische Komponisten und Dichter gesprochen. Aber es stehen auch immer wieder eigene Erlebnisse im Mittelpunkt. Allerdings müsse sie dabei aufpassen, dass es nicht um die Schoa geht. »Denn wir sind keine Therapeuten«, sagt Nickel.
Wie viel Uhr ist es, fragt eine ältere Dame. 11.50 Uhr heißt die Antwort. Wenige Minuten noch bis zum Essen. Die Sozialarbeiterin schiebt Cilla Wolf in den Aufenthaltsraum, der mit einem bunten Ge‐ burtstagskalender geschmückt ist. An einer weiteren Wand hängen eingerahmte gepresste Laubblätter. »Das haben wir zusammen gebastelt«, sagt Nickel, und holt einen Ordner mit Blättern. »Diese Bilder haben unsere Bewohner gemalt.«
»Ich freu mich schon aufs nächste Mal«, sagt Cilla Wolf. Der Mensch lebe ja nicht ewig, meint sie. Und: »Deshalb soll man auch etwas machen, was einem Spaß bringt« Christine Schmitt

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