ukraine

Als Zivi in Kiew

Sie hängen an seinen Lippen. Als Philipp Seifert von seinen Reisen nach Aserbaidschan, in den Iran und nach Georgien erzählt, sind die etwa 20 betagten Damen und Herren ganz Ohr. In einfachem, aber gut verständlichem Russisch schildert der 20‐Jährige seine Eindrücke vom Ölboom in Baku und der Millionenmetropole Teheran. Die meisten seiner Zuhörer haben sich fein gemacht. An den Wänden des Aufenthaltsraums sorgen selbst gebastelte jüdische Symbole für Wohnzimmeratmosphäre. Interessiert betrachten die alten Leute die Fotos, die Philipp herumreicht.
Doch was von außen betrachtet wie ein Kaffeekränzchen für Senioren ausieht, ist eine höchst ungewöhnliche Veranstaltung: Nicht nur, dass der Referent der Urenkel vieler Zuhörer sein könnte. Philipp Seifert absolviert noch bis Ende August seinen Zivildienst in der Ukraine: Im jüdischen Tageszentrum »Hesed Nachalat Avot Azriel« in Kiew werden betagte NS‐Opfer mit finanzieller Hilfe der Claims Conference versorgt und betreut. Es gibt eine Kantine und einen Friseur, einen Chor und medizinische Hilfe. Jedes Jahr vermittelt die »Aktion Sühnezeichen Friedensdienste« deutsche Zivildienstleistende für die Arbeit mit den Überlebenden.

Aufgabe Der gebürtige Bremer Philipp Seifert wollte nach dem Abitur unbedingt in die Ukraine. Seine Stiefmutter stammt von dort, ihre Eltern leben sogar in Kiew. Doch oft hat er die Verwandten in seinem Kiew‐Jahr nicht gesehen. Seine Tage sind ausgefüllt: Regelmäßig hilft Philipp vier ehemaligen Zwangsarbeitern im Haushalt. »Ich kaufe für sie ein, putze und wasche, grabe den Garten um, mache Spaziergänge mit ihnen. Aber das Wichtigste ist, dass ich Zeit für sie habe. Die meisten sind krank. Und einsam.« Nicht alle reden gerne darüber, wie sie verschleppt wurden. Viele litten in der Sowjetunion wegen ihrer Arbeit in Deutschland unter Repressionen. Aber alle freuen sich über den Kontakt zu dem jungen Deutschen. Die Verständigung funktioniert auf Russisch. Vor seinem Zivildienst hat Philipp Seifert einen einmonatigen Intensivkurs absolviert, den Rest im Alltag dazugelernt. »Da kommt ja mein Enkel«, begrüßt die 83‐jährige Tamara Wasiliewna »ihren« Zivi Philipp inzwischen. Auch nach bald zwölf Monaten ist der immer noch ein wenig überrascht über den warmherzigen Empfang, den ihm die alten Juden und ehemaligen Zwangsarbeiter bereiten. »Hass auf die Deutschen habe ich nie erlebt. Nur einmal hat jemand den Raum verlassen, als ich mich vorstellte. Ansonsten bin ich immer mit offenen Armen empfangen worden«, meint er zurückblickend. Fast beschämend sei, wie sehr ihn die alten Menschen verwöhnten: Trotz ihrer Minirenten gebe es immer reichlich zu essen. »Nur bei Kohlsuppe mit Schweinehirn habe ich kapituliert«, erzählt Philipp grinsend.

geschichte Doch die Betreuung ehemaliger Zwangsarbeiter ist nur ein Teil seiner Arbeit: Einmal die Woche gestaltet Philipp das Nachmittagsprogramm im jüdischen Sozialzentrum mit. Keine ganz leichte Aufgabe, schließlich kommt der 20‐Jährige in dem blauweiß gestreiften Poloshirt aus dem Land der Täter. Einer der wenigen männlichen Besucher an diesem Nachmittag ist der 78 Jahre alte Igor. Seine Großeltern wurden zusammen mit über 33.000 Kiewer Juden im September 1941 in Babi Jar, einer Schlucht am Rand der ukrainischen Hauptstadt, erschossen. Auch seine Eltern, zwei Brüder und drei Onkel starben im Krieg. »Wir werden nie vergessen, was geschah«, sagt der kräftige Mann mit den tätowierten Armen und wischt sich schnell über die feuchten Augen. Aber Philipps Engagement zollt er Respekt: »Die junge Generation – das sind doch ganz andere Deutsche. Wir hegen keinen Groll. Aber die Jungen sollten die Geschichte kennen.«
Die 80‐jährige Nadjeschda Grigorjewna strahlt und hakt sich bei dem neben ihr sitzenden jungen Mann aus Deutschland liebevoll unter. »Philipp ist ein Prachtkerl.« Aber auch Nadeschda fällt es nicht leicht, über die Vergangenheit zu sprechen. Sie habe »sehr unter dem Krieg gelitten«, sagt sie kurz. »Die Faschisten waren Faschisten. Aber bei Philipp merkt man, dass er ein guter Mensch ist. Wir sind dankbar für die Hilfe aus Deutschland.«
Nachdem Philipp seinen Vortrag beendet hat, steht er Rede und Antwort: Wie lange die Schulzeit in Deutschland dauert. Wie es in seiner Heimatstadt Bremen aussieht. Aber auch politischere Themen kommen zur Sprache: Wie denken die Leute in Deutschland heute über Hitler? Wie steht es mit dem Antisemitismus? Philipp antwortet persönlich, weicht nicht aus. Die Offenheit kommt an, bald diskutieren die Besucher des Zentrums miteinander: »Antisemitismus gibt es auch bei uns: Im Bus habe ich erst neulich wieder Schmierereien gesehen«, empört sich eine alte Dame. Zustimmendes Gemurmel. Nach einer Stunde verabschieden die alten Leute ihren Gast mit Applaus.

gemeinschaft Philipp will noch in einem »Tjopli Dom« (Warmes Haus) vorbeischauen: Kleine Gruppen Älterer treffen sich regelmäßig in der Wohnung von Freiwilligen, erhalten gesunde Mahlzeiten, hier finden sie soziale Kontakte gegen die Einsamkeit. Zu den jüdischen Feiertagen schaffen Veranstaltungen Gemeinschaftsgefühl.
Philipp ist dankbar für die Arbeit mit den NS‐Opfern. »Sie hat mich reicher gemacht, mein geschichtliches Wissen vertieft«, sagt er. Auch persönlich sei er gereift, selbstständiger geworden. »Ich schaue jetzt gelassener auf das Leben«, resümiert Philipp. Demnächst will er in Luxemburg Geschichte und Französisch studieren, doch ein Stück seines Herzen wird in Kiew bleiben. Das ist übrigens ganz wörtlich zu verstehen: Seit Kurzem hat er eine Freundin: Melina, ebenfalls Freiwillige im Kiewer Hesed, ist amerikanische Jüdin.

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