Traditionspflege

Allzeit bereit fürs Vaterland

von Michael Thomas berger

Seit elf Jahren erinnert die Bundeswehr einmal jährlich mit einer Kranzniederlegung auf dem Friedhof in Berlin-Weißensee an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten jüdischen Glaubens. Die Gedenkveranstaltung, an der stets hochrangige Vertreter aus Militär, Politik, Zentralrat und Jüdischer Gemeinde teilnehmen, wird seit Jahren vom Berliner Standortkommando der Bundeswehr organisiert.
In Weißensee ruhen 395 deutsche jüdische Soldaten, die meisten von ihnen sind an den Fronten des Krieges gefallen. »Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litthauer!« Mit diesen Worten rief König Friedrich Wilhelm III. im März 1813 sein Volk auf, sich gegen die napoleonische Besatzung zu erheben. Den flammenden Aufrufen folgten auch die jüdischen Bürger des preußischen Königrei- ches. Sie reihten sich als gleichberechtigte Bürger in die Gruppe ihrer Kameraden ein, um mit ihnen in den Krieg gegen Napoleon zu ziehen. Dieses Ereignis dokumentiert nicht nur die ersten scheinbar bereits vollzogenen Schritte auf dem Weg zu bürgerlicher Gleichstellung. Es markiert auch den Beginn eines über hundertjährigen Kampfes um Gleichberechtigung im Militär, der zwar immer wieder zu Erfolgen führte, aber doch mit einer grausamen Täuschung endete.
Fast hunderttausend Juden dienten während des Ersten Weltkriegs in Heer und Marine, 12.000 waren gleich zu Kriegsbeginn 1914 als Freiwillige zu den Fahnen geeilt. 77.000 kämpften an der Front. 30.000 wurden mit zum Teil höchsten Auszeichnungen dekoriert und mehr als 20.000 befördert – davon waren 3.000 Offiziere, Sanitätsoffiziere und Militärbeamte im Offiziersrang. 12.000 jüdische Soldaten verloren im Krieg ihr Leben.
Im März 1934 unternahm der Hauptmann der Reserve und Vorsitzende des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten, Leo Löwenstein, einen letzten verzweifelten Versuch, die Entlassung der jüdischen Soldaten aus der Reichswehr abzuwenden. Sein Appell an den Reichspräsidenten und Obersten Befehlshaber der Reichswehr, Paul von Hindenburg, blieb erfolglos. In Anwendung der von Reichswehrminister Werner von Blomberg am 28. Februar 1934 erlassenen Umsetzung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums auf Soldaten mußten außer den Frontkämpfern alle jüdischen Soldaten die Streitkräfte verlassen. Das Gesetz zur Wiedereinführung der Wehrpflicht vom März und das Reichsbürgergesetz vom September 1935 bedeutete den vollständigen Ausschluß der deutschen Juden sowohl vom Wehrdienst als auch von den Rechten als Staatsbürger. Mit den Gesetzen des Jahres 1935, die auch die bis dahin geltenden Ausnahmen für ehemalige Frontkämpfer wegfallen ließen, ging die fast 150jährige Geschichte jüdischer Soldaten in deutschen Armeen zu Ende.
Die jüdischen Frontkämpfer, die im Verlauf der Pogrome vom 9. November 1938 verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt worden waren, wurden wegen ihrer Verdienste als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg wieder freigelassen. Viele von ihnen wurden jedoch später erneut in Vernichtungslager verschleppt und dort ermordet. So endete die Geschichte deutscher jüdischer Soldaten in den Ghettos und Lagern der Nazis. Auch die Erinnerung an ihre soldatischen Leistungen und die Opfer, die sie auf den Schlachtfeldern für ihr deutsches Vaterland erbracht hatten, wurde von den Ehrenmalen entfernt. Die Nationalsozialisten wollten sie für alle Zeiten auslöschen. Tatsächlich schien es fast, als ob die verbrecherische Absicht der Nazis diesen Teil der deutsch-jüdischen Geschichte, die Erinnerung an die Leistungen und den Heldenmut der jüdischen Soldaten für alle Zeiten zu beseitigen, Erfolg gehabt hätte.
Was ist geblieben von diesem Teil der deutsch-jüdischen Geschichte, von der Erinnerung an die jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges und der Kriege des 19. Jahrhunderts? Gibt es heute eine Pflege des Andenkens an das Schicksal der jüdischen Frontsoldaten und ihrer Familien in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft?
Die Bundeswehr ist sich dieses Teils der deutschen Geschichte und der aus ihr resultierenden Verantwortung durchaus bewußt. Neben den Traditionslinien »Preußische Heeresreform«, militärischer Wider- stand gegen Hitler und der eigenen 50jährigen Geschichte hat auch die Geschichte deutscher jüdischer Soldaten einen wichtigen Stellenwert. Diese von der Bundeswehr gepflegte Tradition reicht bis in die Anfänge ihres Bestehens zurück. Das 1935 im Auftrag des »Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten« im Berliner Vortrupp-Verlag erschienene Buch Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden wurde 1961 im Auftrag des damaligen Verteidigungsmini- sters und späteren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß neu aufgelegt und in der Bundeswehr verteilt. Franz Josef Strauß hatte damit den Grundstein gelegt für einen neuen und unverzichtbaren Bestandteil der Traditionspflege in der Bundeswehr: die Geschichte deutscher jüdischer Soldaten, die Würdigung ihrer Leistungen für Deutschland und die Erinnerung an ihren Leidensweg in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Kriegsbriefe erging ein Auftrag des Bundesministers der Verteidigung an das Militärgeschichtliche Forschungsamt, die Geschichte und das Schicksal deutscher Soldaten jüdischen Glaubens zu erforschen und darzustellen. Das Ergebnis dieser Forschungen wurde in zwei Ausstellungen einem breiten Publikum in und außerhalb der Bundeswehr zugänglich gemacht. Die Geschichte deutscher jüdischer Soldaten wurde damit auch zu einem festen Bestandteil der Politischen Bildung in den Streitkräften. In Anerkennung der hervorragenden Leistungen jüdischer Soldaten tragen Bundeswehrkasernen heute die Namen jüdischer Soldaten. Die Bundeswehr gedenkt am Volkstrauertag der jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges und sowohl Reservisten als auch aktive Soldaten pflegen jüdische Friedhöfe. Die Geschichte jüdischer Soldaten in deutschen Armeen ist nicht nur ein Bestandteil der deutsch-jüdischen Geschichte. Sie zeigt auch den fortwährenden Kampf der Juden um Gleichberechtigung und Anerkennung in Staat und Gesellschaft und ist gleichzeitig eindrucksvoller Beweis ihres – trotz zahlreicher Enttäuschungen – ungebrochenen Integrationswillens.

Der Autor ist Berufsoffizier im Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr und Verfasser der Studie:
eisernes kreuz und davidstern.
die geschichte jüdischer soldaten in deutschen armeen
trafo, Berlin, 267 S. 29,80 Euro

Rubrik

Zitat der Woche

Jüdische Allgemeine vom 26. September 2019

 10.10.2019

Grossbritannien

Der Mops, die rechte Pfote und der Hitlergruß

Jüdischer Verband kritisiert BBC: Sender zeigt Film über verurteilten Schotten und dessen umstrittenen Hund Buddha

 05.08.2019

Pferdesport

Israelin Dani G. Waldman siegt vor Ludger Beerbaum

Bei der dritten Auflage des Fünf-Sterne-Reitturniers in Berlin gewinnt die für Israel startende Amerikanerin 

 27.07.2019

Milton Glaser

Er liebt New York

Der US-Designer feierte seinen 90. Geburtstag

von Christina Horsten  26.06.2019

Frankfurt

»Emotionaler Anker«

Die Bildungsabteilung im Zentralrat veranstaltet eine Tagung zur Geschichte der jüdischen Jugendbewegung

von Eugen El  06.06.2019

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019