Militärzensur

Alles unter Kontrolle

von Ulrich Sahm

Neulich bei einem Besuch im Presseamt der israelischen Regierung packte mich die Nostalgie. Ganz hinten im Flur stand eine schwere Panzertür offen, darauf ein Schild: »Zensur«. »Kommt euch überhaupt noch jemand besuchen?«, fragte ich die beiden Herren in Zivil. Ich jedenfalls sei schon 20 Jahre lang nicht mehr in diesem Raum gewesen. Die Militärzensoren lachten und schauten von arabischen Druckfahnen auf. Offenbar müssen in Jerusalem erscheinende palästinensische Zeitungen bis heute ihre Artikel, auf Papier gedruckt, vorbeibringen, um einen Stempel zur Freigabe zu erhalten. Das musste ich früher auch tun, als es noch keine Computer und keine E-Mail gab und jeder Artikel bei der Hauptpost per Telex verschickt wurde. Ohne Stempel der Zensur nahm die Post keine Journalistentexte an. Und bis heute gilt: »Wenn Sie Videos oder Filmmaterial im Flugzeug mitnehmen wollen, sollten Sie das Material vorher von uns abstempeln lassen. So erspart man sich Ärger mit den Sicherheitsbehörden«, sagte freundlich einer der beiden Zensoren.
Im Internet kommt man bei der Kombination »Israel Zensur« in Deutsch auf über 200.000 Treffer, auf Englisch sind es sogar mehr als 600.000. Das pikante Thema wird in Foren intensiv diskutiert. Bis vor einem Jahr war nirgendwo im weltweiten Netz der Text der israelischen Militärzensurbestimmungen zu finden, den jeder Journalist beim Empfang seines Presseausweises unterzeichnen muss. Alle Polemik gegen diese Zensur beruhte auf Gerüchten und Hörensagen. Doch ein Anruf genügte, und schon schickte mir die Zensurbehörde das kurze Dokument. Ich habe sie auf meiner Homepage veröffentlicht, nun steht sie erstmals im Internet.
Die Regeln klingen drakonisch, doch werden sie von niemandem wirklich eingehalten. Bei einer Live-Schaltung im Fernsehen oder Hörfunk kann der Korrespondent nach einer Frage des Moderators doch nicht sagen: »Moment bitte, ich muss mal eben beim Zensor nachfragen.«
Auch die Zensurbehörde weiß, dass sie sich im elektronischen Zeitalter überlebt hat. Dennoch gibt es drei kritische Themen, bei denen man sich als Korrespondent an die bestehenden Regeln halten sollte. Denn auch wenn eine Veröffentlichung nicht zu verhindern war, so kann die Militärzensur im Nachhinein doch hart zugreifen: Sie kann den Korrespondenten verwarnen, seinen Presseausweis sperren und ihn schlimmstenfalls des Landes verweisen.
In Kriegszeiten ist es der Presse streng verboten, den exakten Einschlagsort einer feindlichen Rakete mitzuteilen. Das wurde allen Journalisten erstmals während des Irakkriegs 1991, dann während des Libanonkriegs 2006 und im Falle der Kassam-Raketen aus dem Gasastreifen klar und deutlich mitgeteilt. So soll vermieden werden, dass die Medien dem Feind Schützenhilfe leisten. Muss der Hörer, Leser oder Zuschauer in Deutschland wirklich wissen, dass ein Wohnhaus in der Allenbystraße 22 in Tel Aviv einen Volltreffer erhalten hat, oder reicht nicht auch die Angabe: »im Großraum Tel Aviv«?
Sehr allergisch reagieren die israelischen Behörden, wenn man genaue Zahlen von gefallenen Soldaten oder gar den Ort ihres Todes veröffentlicht, noch ehe deren Angehörige informiert wurden. Korrespondenten wissen oft Bescheid, manchmal haben sie ihre Information sogar von offiziellen Stellen bekommen, dürfen ihre Quelle aber nicht zitieren. Manches verraten uns diese Stellen, damit wir nicht übertriebene Angaben des Feindes, also der Hamas oder der Hisbollah, zitieren.
Das delikateste Thema ist freilich die ominöse israelische Atombombe. Ob tatsächlich Journalisten Genaues über das bestgehütete Staatsgeheimnis Israels wissen, lässt sich nicht ermitteln. Es könnte ja sein, dass Israel irgendwo im Keller nur eine Attrappe aus Pappmaché versteckt hält. Um dennoch über dieses und ein paar andere geheimnisvolle Themen berichten zu dürfen, akzeptiert die Zensur die lapidare Formulierung: »wie aus ausländischen Quellen bekannt wurde ...«
Es gab freilich auch einen extremen Fall der totalen Geheimhaltung, der völlig ohne Zensur funktionierte. Das war im Mai 1991, als an einem Wochenende die gesamte EL-AL-Flotte mitsamt Herkules-Transportmaschinen nach Addis Abeba geschickt wurde, um fast 14.000 äthiopische Juden nach Israel zu bringen, während in Äthiopien der Bürgerkrieg tobte und Diktator Mengistu Haile Mariam gestürzt wurde. Der Presseamtchef Jossi Olmert, ein Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten, hatte vor der Aktion jeden einzelnen Korres- pondenten zu einem persönlichen Gespräch eingeladen, um Vertrauen zu schaffen. An dem Freitagnachmittag, als die Aktion startete, rief er nur noch kurz an und sagte, dass schon die kleinste Andeutung zur Katastrophe führen und tausende Menschenleben kosten könnte. Tatsächlich hielten alle in Israel akkreditierten Journalisten dicht, während ein BBC-Korrespondent in Addis Abeba etwas ratlos von einer Flotte blau angemalter Flugzeuge ohne Hoheitszeichen berichtete, die gelandet seien. Seine Quelle waren Gepäckträger.

Der Autor ist seit mehr als 30 Jahren Nahost-Korrespondent für deutsche Medien. Er lebt in Jerusalem.

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