thesen

… allein, mir fehlt der Glaube

Assimilation sei seit der Schoa –und nebst gemischt konfessionellen Ehen oder der Pluralisierung der Glaubensrichtungen – die größte Gefahr für den Fortbestand des Judentums, warnen Funktionäre, orthodoxe Pädagogen, verunsicherte oder indoktrinierte Eltern. Die Säkularisierung in den westlichen Gesellschaften werde vollenden, was alle Antisemiten zusammen bisher nicht geschafft haben: den Untergang des Volkes Israel. Als Gegenmittel wird die Ideologie der jüdischen Identität gepredigt. Nationalisten, die das Judentum verstaatlichen wollen, Institutionen mit ihren Funktionären und die jüdische Identitätslobby zelebrieren einen regelrechten Judenkarneval: Jeder muss ein vorgegebenes Judenkostüm anziehen. Statt einer Erziehung zur Freiheit, Selbstverantwortung und Mündigkeit sind Indoktrination, Ideologisierung und Klerikalisierung an der Tagesordnung. Kindern werden in jüdischen Schulen, im Religionsunterricht oder in Jugendverbänden Gott, Religion und Nationalismus derart früh dogmatisch, einseitig und vehement eingepaukt, dass sie sich als vermeintlich absolute Wahrheit tief in die Kinderseele einbohren. Die positive Konfrontation mit der die Juden umgebenden Gesellschaft wird tunlichst unterlassen – geistige Abschottung statt offenem Selbstbewusstein, abgehobener Provinzialismus statt bodenständigem Universalismus. Davon kommen viele als Erwachsene unter schmerzlicher Selbstreflexion zwar intellektuell los, emotional aber kaum mehr. Die Folgen sind schlechtes Gewissen, Ängste, der Verlust an jüdischem Selbstbewusstsein sowie die Last der Geschichte und deren falsche oder bewusst instrumentalisierte Interpretation.

ausgrenzung Die Einheitsgemeinden orientieren sich derweil seit Jahrzehnten immer mehr an der Orthodoxie. Ihre Rabbinate übernehmen ohne Not Positionen des israelischen Oberrabbinats in Sachen Kaschrut, Übertritt oder Familienpolitik. Die Masse der Mitglieder, die nicht dem‐ gemäß lebt, hat sich unterzuordnen oder wird stigmatisiert. Die Folgen sind Selbst‐ghettoisierung nach außen und Ausgrenzung nach innen. Anschließend wundern die Verantwortlichen sich, dass ach so viele Jüdinnen und Juden in den Gemeinden nicht aktiv oder längst nicht mehr Mitglied sind. Dabei ist Fakt, dass die große Mehrheit der Juden in den westlichen Ländern säkular lebt. Ihr Judentum ist nicht religiös definiert, halachische Gesetze werden nicht oder allenfalls als Orientierung im Rahmen einer Tradition bedingt eingehalten. Juden essen unkoscheres Fleisch, gehen gemischt‐konfessionelle Partnerschaften ein, manche sind nicht einmal Mitglie‐ der jüdischer Gemeinden.
assimilation? Jüdinnen und Juden sind Teil der säkularen, aufgeklärten Gesellschaft. Das bedeutet aber nicht, dass sie deshalb zwangsläufig in der Assimilation auf‐, beziehungsweise untergehen müssen. Assimilation bedeutet Unterwerfung, die Aufgabe seiner eigenen Kultur, Geschichte, Her‐kunft zugunsten der umgebenden Mehrheit. Säkulare Juden jedoch sind nicht assimiliert, sondern emanzipiert. Emanzipation heißt nicht Selbstaufgabe oder -verleugnung, sondern Selbstverwirklichung in der Gesellschaft. Denn Judentum ist mehr als bloßer Glaube oder dogmatische Doktrin, mehr als buchstabengetreue Interpretation der Quellen. Judentum ist Zivilisation, Kultur, Ethik, Geschichte – ein universeller Kosmos, hervorgegangen aus der Jüdischen Idee. Säkularisation ist, so gesehen, eine Möglichkeit, das Judentum zu leben, vielleicht sogar die authentischste überhaupt, denn sie schließt den Glauben weder aus noch ein. Sie privatisiert ihn. Wer sein Judentum ethnisch versteht, wird vielleicht Schweinefleisch essen, aber keine gemischt‐konfessionelle Beziehung eingehen. Wer sein Judentum kulturell begreift, orientiert sich vielleicht an Spinoza, Kafka, Ibn Esra, aber hat möglicherweise einen nichtjüdischen Ehepartner. Solche weltlichen Juden haben sich nicht assimiliert, sondern nur von der Religion gelöst und das Judentum so für sich verständlich und lebbar gemacht.

selbstbestimmt Die traumatische Schoa‐Erfahrung hat in Europa dazu geführt, dass nicht geistig freie jüdische Denker das Judentum definieren, sondern Politiker, Funktionäre, Philosemiten und Rab‐ biner. Statt das Judentum weiterzuentwi‐ckeln und pluralistisch zu leben, wird es klerikalisiert und hinter die Moderne zurückgeführt. Denn die negative Wertung des säkularen Judentums ist letztlich auch ein Angriff auf die Aufklärung. Dabei war die ein Meilenstein auch in der jüdischen Geschichte. Die mit der Aufklärung verbundene Emanzipation, die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden, die Trennung von Staat und Religion, die Rechte auf freie Rede, freien Glauben und dessen Ausübung waren und sind wesentlich für die geschützte Freiheit jüdischer Individuen in der Gesellschaft. Doch Fundamentalisten stellen Gott und die religiöse Schrift über Verfassung und Staat. Damit berauben sie Jüdinnen und Juden dessen, wofür Generationen lange und schmerzhaft gekämpft haben: der Freiheit. Freiheit – Freiheit des Denkens, des Glaubens, des Fühlens und Verstehens – aber ist das innerste Wesen des Judentums. Judentum und moderne Gesellschaften, Judentum und Fortschritt, Judentum und Individualisierung, Judentum und persönliche Autonomie sind deshalb keine Widersprüche, sondern das eine bedingt und fördert das andere geradezu. Jüdische Identität ist kein uniformes Label, keine Judenblutinfusion oder dogmatische Doktrin. Nicht die Fundamentalisten bewahren das Judentum, sondern gerade die säkularen und anderen Juden, die von ihnen ausgegrenzt werden. Fundamentalisten frieren das Judentum ein, Individualisten entwi‐ckeln es weiter. Das Judentum wird sich weiter wandeln. Diejenigen, die das verhindern wollen, retten es nicht, sondern ersticken es. Das Judentum wird nie an der Freiheit scheitern, sondern allenfalls an der Flucht vor ihr.

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