Zirkus

Akrobat schön

von elke Wittich

Im bunten Zirkuszelt am Berliner Ostbahnhof wird an diesem Morgen hauptsächlich ums Gleichgewicht gerungen. Wie das halt so ist, wenn Seiltänzerinnen ihre Show einüben.
Auf den Trainingsseilen – eines ungefähr kniehoch, ein weiteres in rund ein Meter Höhe gespannt – versuchen sich deutsche und israelische Mädchen im Rückwärtslaufen, in Sprüngen und sicheren Landungen, immer wieder unterbrochen durch gemeinsame Beratungen.
Die Artistinnen gehören zum Berliner Projekt „Circolibre“, bei dem seit 2004 Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen zusammen Zirkus machen. Zwei Wochen lang sind – nun schon zum dritten Mal – 14 israelische Kids von der „Israel Circus School“ (ICS) und vom aus der ICS hervorgegangenen „Maghar Circus“ zu Gast. Zusammen mit deutschen Nachwuchsartisten üben und trainieren die Juden und Araber im „shake!“ Jonglieren, Seiltanzen, Artistik und Clownereien.
Nach dem Ende der täglichen Proben ist dabei nicht Schluss mit der Gemeinsamkeit, die Jugendlichen wohnen für die Dauer des Projekts zusammen in einer Schule in der Nähe und verbringen ihre Freizeit miteinander.
„Zirkus ist für Kids etwas ganz Wichtiges“, sagt David Berry, Gründer der „Israel Circus School.“ Nicht, um mit verkitschten Erwachsenen‐Vorstellungen vom Zirkusleben die Kindheit zu verlängern, „sondern weil der Zirkus den Kindern so viel fürs Leben beibringt. Körperbeherrschung, Selbstvertrauen, soziale Fähigkeiten, Vertrauen, Toleranz, Verlässlichkeit, so vieles wird geübt – ich habe sogar schon erlebt, dass hyperaktive Kinder dank des Zirkusses plötzlich kein Ritalin mehr brauchten.“
Aufgewachsen in Tasmanien, „also so weit von Israel entfernt wie nur möglich“, lernte der Australier Berry Anfang der 90er‐Jahre eine Israelin kennen. „Wie das immer so ist, Israelis können nicht lange weit weg von zu Hause sein, und weil ich nichts zu verlieren hatte, bin ich mit ihr in ihre Heimat gezogen.“ Dort fiel dem heute 50‐Jährigen ein großer Unterschied zu Australien auf: „Bei uns gab es an jeder Ecke einen Zirkus oder Zirkusgruppen. Dort nicht.“ 1992 gründete Berry zusammen mit seiner Frau Hanit in Kiryat Tivon zunächst eine Schule für Straßentheater. Aus der im Jahr 2000 die Circus School hervorging, in der nach Schulschluss Kinder und Jugendliche Akrobatik, Jonglieren, Tanzen und Clownereien lernen können.
Einer, der fast von Anfang an dabei war, ist der 19‐jährige Bashar Tarboush. „Zirkus kannte ich vorher nur aus dem Fernsehen“, sagt der Wirtschaftsstudent, „ich bin dann gleich hingegangen und habe mitgemacht.“ Der stämmige Junge begann zunächst mit Jonglieren, wechselte dann aber zur Akrobatik, „ich mag gefährliche Sachen wie Feuerspucken und eben das Trampolin.“ Bashar unterbricht sich, „ich muss kurz Hilfestellung geben“ sagt er, und assistiert einem der Jungen, die in den Räumen hinter dem Zelt trainieren, bei einem riskant aussehenden Überschlag.
Mit den Jungs trainiert auch ein Mädchen akrobatische Schrauben und Saltos auf dem Trampolin. Noam ist 15 und hat kein Problem mit den Nachwuchsmachos, die sich gegenseitig mit waghalsigen Sprüngen zu übertreffen versuchen und verpatzte Übungen mit viel Frotzeleien quittieren. „Natürlich hat sie keine Probleme“, lacht Bashar„ „sie ist ja nicht nur Zirkusartistin, sondern auch Judo‐Kämpferin.“ Und will auch genau das später be‐ ruflich machen. Judo oder Zirkus. Eigentlich sogar eher Zirkus, „beim Cirque du Soleil zu arbeiten, wäre ein Traum“. Bashar nickt, er hat die Lizenz als Akrobatik‐Trainer gemacht und hofft, nach dem Studium Akrobatik und Wirtschaft beruflich vereinen zu können.
Im Nebenraum kracht gerade die Pyramide zusammen, die mühsam von deutschen und israelischen Mädchen gebildet worden war. Kichernd liegen die Artistinnen auf der dicken Matte, um dann umgehend eine Lösung für das Stabilitätsproblem zu suchen. Und zu finden: Einer der Trampolin‐Springer muss als Fundament herhalten, Berry schaut den Diskussionen zwischen den Jugendlichen zufrieden zu. „So muss es sein“, freut er sich, „die Kids sind nun alt und erfahren genug und sollen nach Möglichkeit alles allein regeln, erst wenn sie nicht weiterkommen oder Rat und Anleitung brauchen, greifen die Trainer ein.“
Ein bisschen abseits stehend beobachten zwei junge Frauen das Training. Bedül und Aysegül arbeiten in einer berufsvorbereitenden Maßnahme im Zirkus, sie sind mit für „Kostüme und Kosmetik“ zuständig. Zwangsgeschminkt werde allerdings niemand, erklärt Bedül, „die Jungen wollen das meist nicht, weil sie das affig finden.“
Draußen wundert sich derweil einer der Mitarbeiter, ein junger türkischstämmiger Mann, über die Gruppe aus Israel: „Die israelischen Araber sind auch Juden?“, fragt er. Und ist überrascht, als ihm einer der deutschen Jugendlichen erklärt, dass in Israel auch Nichtjuden leben: „Echt? Das hab ich ja noch nie gehört. Na, wieder was gelernt.“
Drinnen hat in der Zwischenzeit die Pyramide geklappt. Jedenfalls fast. „Das wird schon“, versichern sich die Mädchen gegenseitig auf Englisch und beginnen von vorn. Stören sie das harte Training und die unweigerlich damit einhergehenden blauen Flecken und Blessuren nicht? „Nein“, wundern sie sich über die blöde Frage, „das ist bei der Vorstellung dann alles vergessen.“
Bis es soweit ist, müssen auch die Seiltänzerinnen noch eine Menge trainieren. „Und lernen, wir können uns so viel gegenseitig beibringen“, sagt die 16‐jährige Jael. Später möchte sie nämlich in einem Zirkus arbeiten, „ich mag alles daran, ganz allgemein die Atmosphäre, das Gefühl, vor Publikum aufzutreten, aber auch, dass man so viele ganz unterschiedliche Menschen trifft. Und die harte Arbeit.“ Besonders wichtig sei ihr aber, „dass wir, also Juden, Araber und Deutsche, hier gemeinsam etwas schaffen. Das ist etwas ganz Besonderes für mich.“
Wer Jael, Noam, Bashar und die anderen Zirkus‐Kids live erleben möchte, hat gleich zweimal Gelegenheit dazu: Am 25. Juli um 10:30 Uhr hat ihre Show im shake!, dem Zirkus‐ und Theaterzelt am Ostbahnhof, Première. Eine weitere Vorstellung: 26. Juli, 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Spenden sind erwünscht.

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