Siemens

Ärger mit der Tochter

von Wladimir Struminski

Ferien sind eine gute Sache, vor allem für gestresste Topmanager. Allerdings kann sich Oren Ahronson über seinen Urlaub nicht freuen. Die Arbeitspause des Generaldirektors von Siemens Israel ist nämlich nicht freiwillig. Vielmehr wurde er vom Mutterhaus wegen mutmaßlicher Verwicklung in eine fünf Jahre zurückliegende Bestechungsaffäre zwangsbeurlaubt. Damit gerät nicht nur Ahronson persönlich in Not. Auch die israelische Tochter des Siemens-Konzerns insgesamt, bisher als das Flaggschiff der deutschen Wirtschaft im Land bejubelt, gerät in Schieflage.
Ihren Lauf nahm die Affäre bei Ermittlungen der israelischen Wertpapierbehörde gegen den Rechtsanwalt und pensionierten Richter Dan Cohen. Zu Beginn des Jahrzehnts diente Cohen als Vorsitzender der Ausschreibungskommission des Strommonopolisten Israel Electric Corporation (IEC). Damit war er eine Schlüsselfigur bei der Vergabe von Aufträgen im Wert von Hunderten Millionen Dollar. Vor fünf Jahren setzte er die Beschaffung von zwei Turbinen ohne das übliche Ausschreibungs-
verfahren durch. Die Begründung: Wegen des dringenden Bedarfs an zusätzlichen Ka-
pazitäten könne der Elektrizitätsversorger nicht so lange warten. Das sah das Direktorium ein und billigte die Auftragsvergabe, und zwar an Siemens. Dem Verdacht zu-
folge hat Cohen Bestechungsgelder kassiert. Medienberichten zufolge sollen Beträge in Millionenhöhe über ausländische Ge-
heimkonten an den korrupten Einkäufer geflossen sein. Auch die Dringlichkeit des Erwerbs war wohl nicht so groß: Die Turbinen liegen noch immer auf Lager.
Cohen selbst, gegen den auch wegen des Verdachts auf andere Straftaten er-
mittelt wird, kann nicht belangt werden. Er hat sich bereits vor einigen Jahren ins Ausland abgesetzt und hält sich, so die Wertpapierbehörde gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, wahrscheinlich in Südamerika auf. Bei Siemens aber wird der Zeigefinger auf Ahronson gerichtet. Ahronson wurde in der Turbinenaffäre in der Tat vernommen, doch sieht er sich selbst als Opfer einer Intrige. Nach seiner Zwangsbeurlaubung reichte er beim Tel-Aviver Arbeitsgericht eine Klage gegen eine etwaige Entlassung ein und trug vor, von Siemens zum Sündenbock gemacht worden zu sein. Damit wolle der Konzern der Öffentlichkeit und der IEC einen Schuldigen vorführen, um sich selbst zu entlasten. Zudem würde seine Entlassung in den nach Ahronsons Meinung von Siemens verfolgten Plan zur Schwächung der israelischen Tochter passen. Siemens Is-
rael verweigerte jegliche Stellungnahme zu der Affäre und bestätigte gegenüber dieser Zeitung lediglich, Ahronson befinde sich »in Urlaub«.
Ahronsons Zukunft ist nicht der einzige Konfliktherd, mit dem es Siemens zu tun hat. Der Konzern will Siemens Israel von der Teilnahme am Bau der ersten Tel Aviver S-Bahn-Strecke entbinden. Siemens ist Teil des internationalen MTS-Konsortiums, das vor 16 Monaten aus der Ausschreibung als Sieger hervorgegangen ist und die Bahn bis 2013 bauen soll. Das Projekt, mit einem Investitionsaufwand von 1,3 Milliarden Euro, ist das größte Infrastrukturvorhaben des Landes und gilt als die wichtigste Aufgabe von Siemens Israel für die kommenden Jahre. Dass die Konzernzentrale den Bahnbau nunmehr einer anderen Tochterfirma, STTS, übertragen will, sieht man in Israel nicht gern.
Der eskalierende Konflikt wirft einen Schatten auf die Beziehungen der deutschen Konzernzentrale zur israelischen Firma Ziegler Electric, der 24,9 Prozent der Anteile von Siemens Israel gehören. Dass die Familie Ahronson an Ziegler beteiligt ist, macht die Sache noch komplizierter: Nachwuchsmanager Oren ist nämlich nicht nur leitender Angestellter, son-
dern Mitinhaber. Dabei reicht die überaus erfolgreiche Partnerschaft von Siemens und Ziegler weit in die Geschichte zurück. Bereits in den 60er-Jahren wurde Ziegler als Siemens-Vertreter in Israel tätig. 2000 wurde Ziegler Electric der Juniorpartner der damals gegründeten Siemens Israel Ltd. Drei Jahre später durfte erstmals ein Israeli Direktor der bis dahin von deutschen Managern gelenkten Tochtergesellschaft werden. Es war kein anderer als Oren Ahronson.
Dem Modell – eine deutsche Dependance unter israelischer Leitung – wurde schnell Beispielcharakter zuerkannt. Als Einheimischer, erklärte Ahronson seinerzeit, sei er besser in der Lage, die Interessen des Stammhauses in Israel zu vertreten. Schließlich kenne er Land und Leute und könne sich mehr herausnehmen, als es einem deutschen Kollegen möglich wäre.
Welche Konsequenzen der Streit haben wird, ist offen. In der israelischen Ge-
schäftswelt gilt als sicher, dass Siemens sein Engagement, zu dem neben Infrastrukturvorhaben auch zahlreiche High-tech-Investitionen gehören, nicht aufgeben will. Ahronson selbst glaubt eher, dass die israelischen Partner ausgebootet werden. In seiner Stellungnahme vor dem Ar-
beitsgericht äußerte er die Vermutung, die deutsche Siemens AG wolle den Ziegler-Anteil an der gemeinsamen Tochter möglichst preiswert erwerben.

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