Hugo Chavéz

Achtung, Revolution

von Harald Neuber

Als sich der venezolanische Präsident Hugo Chávez am vergangenen Sonntag zum zweiten Mal zur Wahl stellte, war das für einige seiner Landsleute eine Schicksalsentscheidung. Vergeblich hatte die Opposition um den Sozialdemokraten Manuel Rosales in einem aggressiv geführten Wahlkampf vor der »Gefahr des Castro-Kommunismus« und dem »Ende der Demokratie« gewarnt: Chávez setzte sich wie erwartet mit 61 Prozent der Stimmen gegen seinen Herausforderer durch, der mit knapp 38 Prozent ausschied. Der Amtsinhaber wurde damit für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt.
Grund für die Polarisierung in dem südamerikanischen Land ist nicht nur die Nähe des Präsidenten zu Havanna. In den vergangenen Jahren hatte die Regierung in Caracas auch im eigenen Land die Debatte um einen »Sozialismus des XXI. Jahrhunderts« forciert, der sozialistische Charakter des Staates soll nun in der Verfassung verankert werden. Venezuela stützt sich damit auf einen allgemeinen Trend in Lateinamerika. In den vergangenen Wochen erst hatten sich in Nicaragua und Ecuador mit Daniel Ortega und Rafael Correa zwei Kandidaten durchgesetzt, die Caracas nahestehen.
Aber auch außenpolitisch hat Hugo Chávez in den vergangenen Jahren deutliche Akzente gesetzt. Neben entschiedener Kritik an der amtierenden US-Regierung setzte er sich für die regionale Integration der südamerikanischen Staaten ein. Vor allem aber hat Venezuela seine Verbindungen zu Regierungen im Mittleren und Nahen Osten gestärkt – darunter auch zu Syrien und Iran, was kurz vor der Wahl er- neut die Kritik jüdischer Organisationen provoziert hat.
»Präsident Chávez, seine Regierung und seine Institutionen haben die antiisraelische Rhetorik gefährlich zugespitzt«, erklärte die Anti-Difamation League in New York rund einen Monat vor dem Urnengang. Neben den demonstrativ zur Schau gestellten Kontakten zu Iran hatte der südamerikanische Staatschef vor allem mit seiner Reaktion auf die israelische Offensive in Libanon Aufsehen erregt, als er Anfang August aus Protest gegen die »terroristische Invasion« den Botschafter aus Tel Aviv zurückbeorderte.
Im Wahlkampf hat das Thema eine entscheidende Rolle gespielt. Ende Oktober besuchte der Oppositionskandidat Rosales den »Verbund Israelitischer Vereine Venezuelas« (CAIV) in Caracas. »Ich bitte Sie und das Volks Israels um Entschuldigung für die Angriffe des Präsidenten«, sagte der 54jährige. Die Gemeinde lud er ein, eine »aktive Rolle« in seiner Kampagne einzunehmen. CAIV-Chef Freddy Pressner begegnete dem Angebot mit zurückhaltender Höflichkeit. Sein Interesse sei »das Wohl der Gemeinde«.
Es war nicht der erste Versuch, das Thema innenpolitisch zu nutzen. Im vergangenen Dezember hatte das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Buenos Aires Chávez nach einer Ansprache Antisemitismus vorgeworfen. Während das Amerikanisch-Jüdische Komitee in New York die Kritik damals als substanzlos zurückwies und Pressner gegen die »Einmischung in die Angelegenheiten der Gemeinde« protestierte, griffen einzelne Mitglieder der jüdischen Gemeinde die Position auf. Was nicht verwunderte: Sie waren in den Oppositionsparteien aktiv.
Nach der Wiederwahl Chávez’ wird die Debatte um die Israel-Politik seiner Regierung verstärkt geführt werden – und beiden Seiten ist dabei mehr Sachlichkeit zu wünschen. Denn indem Chávez’ Gegner die Kritik an der Politik des jüdischen Staates vorschnell mit Antisemitismus gleichsetzen, droht die Ablehnung der israelischen Politik im politischen Diskurs in Venezuela mitunter antijüdische Züge anzunehmen. Israel wird hier rasch mit den Juden gleichgesetzt.
Eine offene Debatte ist auf beiden Seiten auch notwendig, weil die »bolivarische Revolution« in Venezuela keine vorübergehende Erscheinung, sondern Teil eines Linkstrends in ganz Lateinamerika ist, der sich auf die Haltung der Region gegenüber Israel auswirken wird. Die jüdische Gemeinde Venezuelas ist politisch motivierten Angriffen auf ihre Regierung in der Vergangenheit gerade deswegen entgegengetreten: Jede weitere Zuspitzung droht zu ihren Lasten zu gehen.

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026