Gemeindegeschichte

Achthundert Jahre jüdisches Leben

von Miryam Gümbel

Gerade zum richtigen Zeitpunkt, eine Woche vor der Eröffnung der neuen Synagoge Ohel Jakob am Jakobsplatz, wurde das Buch Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, herausgegeben von Richard Bauer und Michael Brenner, im Künstlerhaus vorgestellt. Saal und Galerie waren komplett gefüllt – eine Tatsache, die Verleger Wolfgang Beck freudig als äußerst ungewöhnlich für eine Buchpräsentation bezeichnete. Selbst in einem weiteren Veranstaltungssaal drängten sich noch Gäste, die zumindest per Übertragung nicht nur mitbekommen wollten, was in dem Buch steht, sondern auch, was Moderatorin Amelie Fried den Zeitzeugen und Historikern in der begleitenden Podiumsdiskussion zu diesem Thema entlockte.
Zwangsläufig waren Vergangenheit und Gegenwart nahe beisammen, auch wenn das Buch selbst, wie Professor Michael Brenner vom Münchener Lehrstuhl für jüdische Geschichte aufzeigte, bereits mit den ersten Juden in der Stadt im Jahr 1229 beginnt. Von da an führen die verschiedenen Autoren den Leser in neun Kapiteln bis zum Werden einer großstädtischen Gemeinde im 19. Jahrhundert. Wie zerbrechlich dieser Erfolg war, zeigt Heike Specht ihn ihrem Beitrag über die Zeit von 1918 bis 1933. Brenner selbst widmete sich in diesem Buch den vergangenen Jahrzehnten bis zur Grundsteinlegung für das neue Gemeindezentrum am 9. November 2003. Er schließt sein Kapitel mit der Aussage von Charlotte Knobloch damals: »Heute, nach genau 65 Jahren, bin ich wieder ganz in meiner Heimat angekommen.«
Bald wird die IKG- und Zentralratspräsidentin in ihrer Heimatstadt, die nun auch wieder ihr Zuhause geworden ist, ihr Büro im neuen Gemeindehaus beziehen können. Am heutigen Donnerstag werden die Torarollen in einem feierlichen Zug aus der Reichenbach-Synagoge in die Ohel-Jakob-Synagoge getragen.
Wie wichtig Charlotte Knobloch dieser Standort ist, fragte Amelie Fried die IKG-Präsidentin. Charlotte Knobloch erzählte, daß, nachdem sie zum ersten Mal den Wunsch nach dem Bau einer neuen Hauptsynagoge geäußert hatte, eine Vielzahl von Grundstücken ins Gespräch kamen. In Perlach zum Beispiel, oder in Neuaubing, nicht aber im Herzen der Stadt, wie sie sich das – entsprechend auch der Lage der vormaligen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße in nächster Nähe des Doms – immer gewünscht hatte. Erst als Oberbürgermeister Christian Ude die Angelegenheit zur Chefsache gemacht hatte, so Charlotte Knobloch, sei es vorangegangen.
Christian Ude selbst nennt die Eröffnung des neuen Jüdischen Zentrums »eine Zeitenwende, was das Verhältnis zwischen nichtjüdischer Mehrheit und jüdischer Minderheit« betreffe. »Die Bedeutung dieser Zäsur ist nicht hoch genug einzuschätzen«, betonte er. Denn auf allen Seiten sei Geschichte verdrängt worden. Erst allmählich hätten sich jüdische und nichtjüdische Münchner einander angenähert.
Ude nannte Rachel Salamanders Literaturhandlung und das kleine Jüdische Museum von Richard Grimm als Beispiele für diese Anfänge. Der Historiker Andreas Heusler ergänzte diese Aufzählung mit dem Engagement von Simon Snopkowski sel. A. und seiner Frau Ilse Ruth mit den Jüdischen Kulturtagen und dem Einsatz von Ellen Presser für eine offene Kulturarbeit der IKG.
Das Buch Jüdisches München markiere zusammen mit der Eröffnung von Synagoge und Gemeindezentrum den Abschluß dieser Epoche, sagte Ude. Denn Dank des Projekts »Jüdisches Zentrum am Jakobsplatz« sei nun jüdisches Leben fest in der Gegenwart und in der Zukunft des Lebens verankert. Er mahnte jedoch auch an, nicht nur gegenüber offenem Antisemitismus wachsam zu sein, sondern auch versteckte Äußerungen nicht zu überhören. Auch was die neue Synagoge betreffe: »Es geht mir um die Unterstellung, daß man – etwa über die Architektur der neuen Synagoge – nichts Kritisches sagen dürfe, weil es ein jüdisches Projekt sei.« Damit werde unterschwellig jüdische Meinungshoheit behauptet und ein Grundmuster des Antisemitismus bedient.
Ein großer Teil des Abends widmete sich der Zeit unmittelbar vor und nach 1945. Zeitzeuge Uri Siegel war als Elfjähriger mit seinen Eltern nach Palästina ausgewandert – damals für ihn eher Abenteuer als Heimatverlust, wie er auf Amelie Frieds Nachfrage sagte. Der heute 84jährige pensionierte Rechtsanwalt war nach dem Krieg mehrfach beruflich nach München gekommen und schließlich hier geblieben. Er erzählte von seinem Weg, von den Erinnerungen an München und von seinem Onkel Kurt Landauer.
Die Jahre 1933 bis 1945 sprach auch Heusler an, besonders die »Arisierungen«: »Es stockt einem auch nach jahrelangem Aktenstudium der Atem, mit welcher Schamlosigkeit sich große Teile der Stadtgesellschaft bei ihren früheren jüdischen Freunden und Nachbarn ‚bedient‘ haben!«
Zeitzeuge auf dem Podium war auch Münchens Altoberbürgermeister Hans-Jochen Vogel. Er mahnte an, nicht von »aufarbeiten« zu sprechen. Denn »Aufarbeitung« klinge nach Abhaken. »Diese Arbeit aber geht immer weiter.«

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