Gasa

Abu Khaleds Traum

von Gil Yaron

Dicke, schwarze Rauchschwaden steigen auf, Bewaffnete krabbeln unter Stacheldraht hindurch, während in Gasas Vorort Schadschaiyah scharfe Munition den staubigen Sandboden aufwirbelt. Es ist kein Krieg, schließlich herrscht seit zweieinhalb Monaten Waffenruhe mit Israel. Nein, es ist im Gasastreifen der islamistischen Hamas, wo es weder Kinos noch Vergnügungsparks gibt, eher so etwas wie ein beliebter Zeitvertreib. Schon Stunden vorher kommen die Großfamilien zu den unbebauten Sandplätzen zwischen den heruntergekommenen Häusern, um einen guten Platz auf einem der schmutzig-weißen Plastikstühle zu ergattern. Mehrmals in der Woche richtet eine der zwölf be-
waffneten palästinensischen Organisationen in Gasa eine »Abschlusszeremonie« aus, auf denen vermummte Kadetten ihre kriegerischen Fähigkeiten zur Schau stellen. Anhängern, politischen Rivalen, Be-
wohnern und vor allem Israelis soll die Macht und Wehrhaftigkeit demonstriert werden. Gasa traut der Ruhe nicht, man erwartet den nächsten Schlagabtausch mit Israel – und bereitet sich aktiv darauf vor.
Abu Khaled tut die Ruhe gut. Wenn kein Waffenstillstand herrscht, muss der Kommandant des bewaffneten Armes des islamischen Dschihad sich ständig vor is-
raelischen Drohnen verstecken, die wie überdimensionierte Moskitos im Himmel summen und tödliche Raketen dirigieren. In diesen Tagen hingegen kann der 32-jährige Vater von vier Kindern unbehelligt durch die Straßen gehen und sich ganz der Ausbildung der rund 400 Kämpfer der Al-Quds-Brigaden widmen. »Schon als Kind war es mein Traum, Soldat zu werden«, sagt der von Israel gesuchte Terrorist. Abu Khaled hat den Gasastreifen nie verlassen. Ob er Israelis persönlich kennt? »Natürlich, sogar gut!«, erwidert er. »Als Kind ging ich nach der Schule auf die Straße und warf Steine und Brandsätze auf sie. Sie haben auf mich geschossen und mich verhaftet.«
Abu Jussef ist der Sprecher der Saladinbrigaden, des bewaffneten Arms der Volkswiderstandskomitees. Er hat seine streng geheime Raketenfabrik unserer Zeitung geöffnet. Eine Irrfahrt mit verbundenen Augen auf dem Rücksitz eines Geländewagens führt in ein kleines Haus in irgend einem armen Vorort Gasas. Fünf vermummte Kämpfer rühren hier gerade ein weißes Pulver über einer Gasflamme. Später wird hieraus der Treibstoff der selbstgemachten Raketen werden, den sie in die herumstehenden Metallrohre schütten. Überall liegen Landminen und Raketen in verschiedenen Stadien der Herstellung. »Das ist die Nasser IV«, sagt Abu Jussef stolz. Er zeigt auf ein mannshohes Rohr mit rotem Sprengkopf und erklärt: »Damit können wir die Stadt Aschkelon erreichen.« Mehr als 250.000 Israelis befinden sich inzwischen in der Reichweite palästinensischer Raketen. Trotz der Waffenruhe haben Palästinenser im vergangenen Monat 36 Mal auf israelisches Staatsgebiet geschossen. »Das ist eine normale Reaktion auf israelische Verbrechen«, sagt Abu Jussef.
Abu Khaled und Abu Jussef sind trotz der militärischen Übermacht Israels siegessicher: »Wir werden kämpfen bis wir ganz Palästina vom zionistischen Projekt befreit haben«, sagt Abu Jussef. »Dank unserer glorreichen arabischen Geschichte sind wir stärker. Mit Hilfe des Koran und Gottes werden wir siegen«, sagt Abu Khaled. »Dieser Krieg ist nicht bloß eine Sache der Palästinenser, sondern Teil eines weltweiten Kampfes zwischen den Zionisten, den USA, und dem Islam«, sagt er. Dabei sind beide blind für die Schäden, die ihre Raketenangriffe anrichten. In Gasa kritisieren inzwischen viele den Beschuss Israels – nicht, weil sie auf israelische Zivilisten gerichtet sind, sondern vor allem, weil rund die Hälfte der Raketen auf eigenem Gebiet niedergehen und Palästinenser töten. »Die Menschen begrüßen unsere Aktionen«, widerspricht Abu Jussef.
Der Kommandant des Dschihad kann sich Frieden mit Israel nicht vorstellen:
»Wir wollen ein Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. Israel ist ein Geschwür inmitten der arabischen Welt, das wir ausmerzen müssen.« Ein judenreines Palästina ist ein Traum. Was er später in so einem Land machen möchte, kann Abu Khaled sich nicht einmal vorstellen. Jeder Kompromiss mit Israel ist in den Augen von Männern wie Abu Khaled oder Abu Jussef Verrat. »Verhandlungen mit Israel haben uns keinen Deut weiter gebracht«, sagt er. Was den Palästinensern denn ihr Kampf gegen die größte Militärmacht des Nahen Ostens gebracht hat, ist ihm hingegen klar: »Wir haben uns entwickelt. Früher warf ich Steine, heute schießen wir Raketen.« Auch für seine Kinder hat er nur einen Traum: »Ich hoffe, dass meine Kinder Kämpfer werden. Wir würden un-
ser Ziel zwar am liebsten ohne Opfer erreichen, aber wenn Allah das so will, dann wird mir das Opfer meiner Kinder nicht leid tun«, sagt Abu Khaled, bevor in den Gassen Gasas verschwindet.

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