Mendel Mentlik sel. A.

Abschied eines Kohens

Abschied eines Kohens

Zum Tode
von
Mendel Mentlik sel. A.

In der ehemaligen Hauptsynagoge an der Reichenbachstraße hat am 19. August ein Abendgebet stattgefunden. Der Anlass war ein trauriger: Die Gemeinde verabschiedete sich von Mendel Eisig Ben Nechemia HaKohen Mentlik, der am selben Tag im Alter von 87 Jahren gestorben war.
Rabbiner Steven Langnas fasste die Stimmung in Worte: »Wir alle sitzen hier in Trauer, die Tora ohne Krone, in Trauer, weil er, Mendel Mentlik, seine Kohen‐Mütze nicht mehr trägt.« Der Gemeinderabbiner ging mit diesem Bild auf die Tora‐Stelle ein, in welcher der Prophet Jecheskiel von der Beziehung zwischen Kohen, König und Volk spricht.
Mendel Mentlik hat der Würde und der Verpflichtung eines Kohen ein Leben lang Rechnung getragen, im Familienleben ebenso wie in der Gemeinde und nicht zuletzt in der Synagogengemeinschaft. Rabbiner Langnas fasste auch dieses lebenslange Engagement in einfühlsame Worte: »In der Gemara steht: Die Kohanim segnen uns. Aber wer benscht sie? Haschem benschte Herrn Mentlik mit einer inneren Ruhe, mit einer vorbildlichen Frau, mit seiner Tochter Marlene und dem Schwiegersohn Abi Mordowitz.«
Dieser ließ in einer sehr persönlichen Ansprache das Leben seines verstorbenen Schwiegervaters, der auch ihn stark geprägt hat, Revue passieren. Die Rede in Jiddisch hatte in ihrem warmherzigen Ton etwas Tröstliches.
Sein Schwiegervater, erzählte Mordowitz, habe nach der Schoa Juden zusammengeführt, die es aus verschiedenen Ländern nach München verschlagen hatte. Ihm persönlich habe Mendel Mentlik seine Liebe und seine Tochter gegeben.
Noch zwei Wochen vor Mentliks Tod schien die Welt in Ordnung. Nach gesundheitsbedingt schweren Monaten war das Ehepaar gerade wieder aus Bad Kissingen nach Hause gekommen: »Wir waren sehr zufrieden. – Jetzt sitzen wir Schiwe«, sagte Schwiegersohn Abi Mordowitz.
Neben der Familie war ein zentraler Punkt in Mendel Mentliks Leben sein jahrzehntelanges Engagement als Gabbai in der Synagoge Reichenbachstraße. In dieser Eigenschaft hat er das religiöse Leben der Gemeinde mitgeprägt. Er war, wie auch Rabbiner Langnas betonte, »eine Säule unserer Kehille«, er genoss den Respekt aller.
Unterstützt wurde er dabei von einer Reihe Mitpalelim, Mitbeter, die wie er die Konzentrationslager überlebt hatten. Mit einem von ihnen, einem Jugendfreund aus dem polnischen Sosnowiec, Wolf Lubelski sel. A., setzte sich der Geschäftsmann auch in der Kultuskommission im IKG‐Vorstand intensiv für die religiösen Belange der Gemeinde ein. Dabei stand Menschlichkeit immer an vorderster Stelle. Für alle hatte er ein Lächeln, ein freundliches Wort. »Wenn einer das größte verfügbare jüdische Kompliment ›Er war ein Mensch‹ verdient, dann trifft das auf Mendel Mentlik absolut zu«, meinte, mit der traurigen Nachricht konfrontiert, eine Frau der zweiten Generation. Sie sprach damit allen aus dem Herzen.
Am 21. August wurde Mendel Mentlik sel. A. in Israel begraben. Möge seine Seele eingebunden sein in den Bund des Ewigen Lebens. gue

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