27. Januar

„Aber nun war ich frei“

marburg: „Gerson und Selma Isenberg, Hedwig Jahnow, Dina Lucas …“ 98 Namen stehen auf den Kieselsteinen, die auf den Holzbänken in der Universitätskirche in Marburg liegen. Es sind Namen von Ermordeten aus Marburg. Die Künstlerin Gabi Erne hat die Steine vom Ufer der Lahn gesammelt, sie gewaschen und beschriftet. Sie sind Teil der „Installation“, zu der auch die 136 „Goldfahnen“ aus Metallblech gehören, die im Kirchenmittelschiff in luftiger Höhe angebracht sind. Die Wärme, die von den Besuchern aufsteigt, versetzt sie in sachtes Schwingen.
Die Künstlerin fordert die Anwesenden auf, einen Stein in die Hand zu nehmen und die Erinnerung auf diese Weise „greifbar“ zu machen. Die Namen der Opfer werden verlesen, und die Teilnehmer der Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus sollen den Namen „ihres“ Steins laut wiederholen, sobald er genannt wird. Ein gebetsartiges Gemurmel sollte so entstehen – eine schöne Idee, die jedoch am Einzelnen scheitert. Die meisten zeigen eine Scheu, sich in der Öffentlichkeit so „hervorzuwagen“ und laut zu sprechen.
Die Gedenkveranstaltung ist eine Kooperation der Stadt Marburg, der Gesellschaft für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit, der Jüdischen Gemeinde Marburg und Pfarrer Dietrich Hannes Eibach von der Universitätskirche. Oberbürgermeister Egon Vaupel sprach von der Erinnerung als Verantwortung für das Jetzt und die Zukunft. Die verlesenen Texte gedenken aller Opfer, unter anderem auch der Sinti und Roma, Schwulen und Lesben und der Kommunisten. Gemahnt wird aber auch an die Verantwortung für heutiges Unrecht. Amnon Orbach, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, zitiert die Prophezeiungen Hesekiels vom Tal der verdorrten Ge‐ beine, in dem es heißt, dass Gottesglaube neues Leben ermöglicht. Barbara Wagner

stuttgart:Die hohen politischen Wogen, die Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger im Vorjahr mit seiner sogenannten Filbingerrede nicht nur in Stuttgart produziert hatte, sind geglättet. Und statt diplomatischer Hintergrundgespräche gibt es am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in Stuttgart einen ersten offiziellen Besuch: In herzlicher Atmosphäre darf sich der baden‐württembergische Landeschef bei der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) als Gast gut aufgenommen fühlen. Er wolle auch, so Oettinger, „alles tun, um die schwierige Aufbauarbeit in der Gemeinde zu erleichtern“. Auschwitz, sagt der Ministerpräsident im Beisein von Überlebenden des ehemaligen Konzentrationslagers, sei „wie kein zweiter Ort“ für Unrecht ohne Grenzen bekannt. Nur objektive Darlegungen helfen gegen eine Geschichtsklitterung. Großeltern und Eltern müssten ihren Kindern die Erinnerungen weitergeben. „Auch in der ehemaligen Sowjetunion waren die Gräuel von Auschwitz ein Begriff“, sagt Alexandre Katsnelson. Heute stehen vor allem junge Einwanderer in der Pflicht, die Verantwortung für das Erinnern und Gedenken fortzuschreiben, fordert das Vorstandsmitglied der IRGW.
„Der Rassenwahn des Nationalsozialismus hat das Leben einer Million Kinder zerstört und Wunden hinterlassen, die nie mehr heilen“, sagte Landesrabbiner Netanel Wurmser. Wunden, die die Seele beschweren, sind äußerlich nicht erkennbar. Auch ihre Häftlingsnummer des Konzentrationslagers Auschwitz trägt Ruth W. niemals unbedeckt. „Ich habe immer noch Angst“, sagt die 87‐jährige Überlebende und möchte nicht, dass ihr Nachname bekannt wird. 23 Jahre alt war sie und vom KZ Auschwitz aus schon eine Woche auf einem der berüchtigten Todesmärsche unterwegs, als die Rote Armee Auschwitz befreite. Am 28. April 1945 auf einem Schiff Richtung Malmö kam die Nachricht vom Kampf um Berlin. „Ich hatte noch Häftlingskleidung an, aber nun war ich frei“, erinnert sich Ruth W. Brigitte Jähnigen

wiesbaden: Sonntagmittag, halb zwölf in der Wiesbadener Spiegelgasse. Das Aktive Museum erinnert mit der Ausstellung „Ein Visum fürs Leben“ an Retter der Nazi‐Opfer. Neun Diplomaten stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, die das israelische Außenministerium zusammen mit der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem seit 2003 an verschiedenen Orten weltweit zeigt. Vier dieser Diplomaten haben in Ungarn gewirkt: der Italiener Giorgio Perlasca, die Schweden Per Anger und Raoul Wallenberg sowie der Schweizer Carl Lutz. Sie trugen unter anderem dazu bei, dass in Budapest Juden „Schutzpässe“ ausgestellt wurden – Dokumente, die ihren Besitzern den Schutz des jeweiligen Staates garantierten. Die Situation in Budapest war in den letzten Kriegsmonaten besonders dramatisch. Die deutschen Besatzer wussten, dass die Rote Armee vorrückte und dass ihnen nicht mehr viel Zeit blieb. „Dieser Tag steht für neue Hoffnung, neues Leben“, sagt Karlheinz Schneider 63 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz in Wiesbaden. Er ist Vorsitzender des „Aktiven Museums Spiegelgasse“. Fabian Wallmeier

dresden:Die Dresdner finden unterschiedliche Formen des Gedenkens. Sie legen Kränze an Mahnmalen nieder, organisieren Ausstellungen und eine Gedenkfeier im Landtag, bei der der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, im Namen der unzähligen Opfer des Nationalsozialismus spricht. Die Jüdische Gemeinde Dresden gedenkt ihrer Opfer namentlich, indem sie die Biografien von Auschwitz‐Opfern vortragen lässt. Ralf Hübner

kassel:„Vergessen verdammt zur Wiederholung, denn es schließt Vergebung und Verarbeitung aus“, mahnt Esther Haß, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel zur Eröffnung eines Gedenkkonzerts am 27. Januar. Seit sieben Jahren organisiert die Kasseler Gemeinde gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit, der Deutsch‐Israelischen Gesellschaft und dem Evangelischen Forum solche Konzerte zur Erinnerung an den Holocaust. Bei einem Konzert könne man innehalten und darüber nachdenken, „was Menschen anderen Menschen antun können“. Sie sollen daran erinnern, „was einst an musikalischer Kultur vorhanden war und was nicht untergehen darf“, sagt Esther Haß. Der Komponist Gideon Klein kam 1945 im Auschwitz‐Außenlager Fürstengrube ums Leben.
Erinnern müsse „in das Gewebe des menschlichen Körpers und der Seele eingehen“, sagt die Vorsitzende der christlich‐jüdischen Gesellschaft, Eva Schulz‐Jander. Musik bewege Kopf und Herz, sie sei eine Sprache, die alle Menschen verstehen, und deshalb für einen solchen Gedenktag ein sehr geeignetes Mittel. „Mit Reden hat man nur begrenzte Möglichkeiten, die Menschen zu erreichen, die Musik hingegen bietet die Chance, dass sich jeder mit seiner persönlichen Geschichte auseinandersetzen kann.“ Sie spreche auch Menschen an, die sich kaum oder gar nicht mit jüdischer Religion und Kultur beschäftigen. Ralf Pasch

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