Jugend-Aliyah

75 Jahre Liebe

von Miryam Gümbel

Am 30. Januar 1933 hat Recha Freier, die Frau eines Berliner Rabbiners, die Kinder- und Jugend-Aliyah ins Leben gerufen. Sie hatte schon seit längerem die Zeichen der Zeit erkannt und gesehen, dass es damals für jüdische Kinder keine Zukunft mehr in Deutschland gab.
Für den Rechtsanwalt und Journalisten Michel Friedman, ist dies ein klarer Beweis, dass zu diesem Zeitpunkt bereits die Entwicklung in Deutschland abzusehen war – und zwar für alle. Friedman sprach bei der Festveranstaltung anlässlich des 75. Geburtstages des größten jüdischen Kindeshilfswerkes im Münchner Jüdischen Zentrum. Mit einer »Liebeserklärung« an den Staat Israel appellierte er an die Anwesenden im Hubert-Burda-Saal, die auch heute noch notwendige Arbeit zu unterstützen. Die Entwicklung Israels in den sechs Jahrzehnten seines Bestehens nannte er vorbildhaft in vielerlei Hinsicht. Die harten Fakten diesbezüglich beginnen bei einem Wirtschaftswachstum von fünf Prozent, und das trotz des hohen Verteidigungsaufwandes. Israel ist, so Friedman weiter, führend im Bereich der neuen Technologien. Als weitere Beispiele nannte er Wissenschaft und Forschung, aber auch den Kulturbereich.
Als Beispiel für die vielfältige und lebendige Kultur des Landes traten bei dem Jubiläumsabend das Kammerensemble der Kinder- und Jugend-Aliyah mit Werken aus den Einwandererländern und Gründungsepochen Israels unter der musikalischen Leitung von Lev Arstein auf.
In den mehr als 120 Einrichtungen der Aliyah wird heute, so Friedman, jedes neunte Kind betreut. Dabei gehe es jetzt nicht mehr um die physische Rettung. Der Vater eines kleines Sohnes weiß, wie sensibel die Seelen der Kinder sind, wie wichtig Zuwendung, Liebe und die Fähigkeit zu Vertrauen sind. Genau das gibt die nun 75-jährige Institution – unter dem Motto »Kinder haben Träume – Lasst sie nach den Sternen greifen!«
Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch erinnerte in ihrem Grußwort daran, dass mit der Kinder- und Jugend-Aliyah etwa 10.000 Kinder aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschecheslowakei vor dem Zugriff der Nazis gerettet werden konnten, viele davon buchstäblich in letzter Minute. Für sie bedeutet die Arbeit der Institution deshalb einen »jüdischen Sieg über Hass, Gewalt und Rassenwahn«. In dem Engagement werde ein Wert umgesetzt, der das Judentum in seinem innersten Kern ausmache: den Nächsten zu lieben wie sich selbst.
So nannte sie den 75. Geburtstag der Kinder- und Jugend-Aliyah einen Tag der Freude, denn bis heute haben insgesamt über 400.000 Kinder und Jugendliche durch die Aliyah ein Zuhause und eine fundierte Erziehung gefunden. Heute leben rund 14.500 junge Menschen in knapp 125 Jugenddörfern, die in ganz Erez Israel zu finden sind. Dass diese gute Bilanz auch in München gefeiert werden konnte, dafür dankte Charlotte Knobloch in ihrer Begrüßungsrede allen daran Beteiligten, einschließlich der aktiven Jugendlichen aus der Münchner Gemeinde. Mit einem Zitat von E.T.A Hoffmann leitete sie zum musikalischen Teil über: »Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.« Mit einem vielseitigen Programm begeisterten dann zwölf junge Musiker das Publikum.
Auf die Geschichte der Kinder- und Jugend-Aliyah ging der Gesandte der Botschaft des Staates Israel in Berlin, Ilan Mor, ein. Nicht wenige der Kinder, die während der Schoa aus Europa gerettet worden waren, wurden zu wichtigen Persönlichkeiten im jungen Staat Israel. Das Ziel der Aliyah, den Kindern wieder das Träumen zu ermöglichen, sei zum einen unerlässlich, um die persönliche Vergangenheit zu bewältigen, aber auch, um mit diesem Traum das Heute und das Morgen zu leben.
Einen ergreifenden Beitrag hatte die Geschäftsführerin der Kinder- und Jugend-Aliyah Pava Rainstein vorbereitet, bei dem die Anwesenden die Ankündigung »mit allen Sinnen erleben« tatsächlich nachvollziehen konnten. Musikalisch mit großer Zurückhaltung begleitete das Ensemble diese projektierten Bilder und die Worte, die 75 Jahre Kinder- und Jugend-Aliyah ins Bewusstsein riefen.
Sie zeigten auch auf, wie notwendig diese Arbeit heute noch ist. Nach der Rettung vor der Schoa waren es Kinder aus den arabischen Ländern wie Irak oder Iran, aus Äthiopien, die auf Rettung und Hilfe angewiesen sind. Heute sind es auch Kinder aus Israel selbst, die in den Einrichtungen der Aliyah Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein und die notwendigen Voraussetzungen für eine positive Zukunft finden. Zwei beeindruckende Beispiele israelischer Jugendlicher lasen Tom Jäger und Nelly Rajber vor.
Diese beiden jungen Menschen sind Mitglieder der Münchner Zionistischen Jugend Deutschlands (ZJD). Gerade in der Konfrontation des eigenen Schicksals mit dem der israelischen Jugendlichen, deren Leben nicht so unkompliziert verlaufen ist, machte die Zuhörer nachdenklich und ergriffen. Toms und Nellys Leben startete unter glücklichen Voraussetzungen. Die Jugendlichen auf dem Foto mussten ihren Weg mit Hilfe der Aliyah finden und ihn sich erarbeiten. Und so konnten zum Abschluss die Jugendlichen vom Münchner Jugendzentrum Neshama, die sich auch im Hintergrund bereits für einen erfolgreichen Auftritt des Orchesters engagiert hatten, in ihren orangenen Sweatshirts entsprechende Spenden einsammeln, damit die Arbeit des Geburtskindes erfolgreich fortgeführt werden kann.
Die gemeinsam gesungene Hatikwa am Ende der Veranstaltung war so auch emotional für viele Anwesende ein Zeichen der Solidarität mit Israel und der Aliyah.

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