Satoraljaujhely

50 Dollar bis zum Rebbe

von Baruch Rabinowitz

Es ist Freitag, sechs Uhr morgens. Vor dem koscheren »King’s Hotel« in Budapest steht ein alter Minibus bereit, der Motor läuft. Der Fahrer, Schmuel S., Ende dreißig, gekleidet in dem traditionellen chassidischen Kaftan, mit langem Vollbart und um seine Ohren gewickelten Schläfenlocken, wartet auf seine Fahrgäste. Sie sind erst gestern Abend aus New York angekommen und hier, um das Grab ihres Rebben zu besuchen. In zwei Tagen werden sie schon wieder im Flugzeug sitzen.
Ein chassidischer Patriarch, mit lebendigen, strahlenden Augen und festlich glänzendem Gewand, steigt in Begleitung von acht anderen Chassidim in den Bus. Die Reise geht nach Satoraljaujhely, eine kleine Stadt an der Grenze zur Slowakei. Hier war der berühmte Tzaddik Mosche Teitelbaum (1751–1841), der Gründer der Satmare‐Dynastie, zu Hause. Auf dem kleinen jüdischen Friedhof, in der Nähe des Stadtzentrums, hat er seine letzte Ruhestätte gefunden. Die Anhänger seiner Lehre haben sein Grab in ein echtes Mausoleum verwandelt.
Knapp zwei Stunden später sind wir vor Ort. Eine ältere Frau, die neben dem Friedhof wohnt, schließt uns die Pforte auf. Am Grabstein brennen immer noch Kerzen, die die vorherigen Besucher angezündet haben. Überall liegen kleine Zettel – Kvittel, wie sie auf Jiddisch heißen – mit Gebeten und Bitten. Aus der ganzen Welt kommen die Anhänger der größten chassidischen Bewegung ans Grab ihres Rebben, um dort zu beten, eine Kerze anzuzünden und die Tehilim, die Psalmen, zu rezitieren.
»Meine Frau war unfruchtbar«, erzählt ein 23‐jähriger Mann. Vor einem Jahr ist er hierher gekommen, um den Rebben um Hilfe zu bitten. Nun habe sie einen Sohn zur Welt gebracht. »Jetzt bin ich zurück, um meiner Dankbarkeit Ausdruck zu geben.« Immer mehr Menschen versammeln sich, immer neue Kerzen werden im dunklen, etwas feuchten Mausoleum angezündet, die Chassidim benutzen jedes Stück Papier – Bus‐ und Flugtickets, Zigarettenschachteln, Taschentücher und die Reste einer Zeitung –, um ihre innersten Wünsche niederzuschreiben. Sie werden auf und rund um den Grabstein gelegt. Der Psalm 119, dessen Verse alphabetisch geordnet sind, wird rezitiert in der Reihenfolge des Rebbe‐Namens. So werden zunächst alle Verse beginnend mit »M« ge‐ sprochen, dann mit »S«, dann mit »H« und immer so weiter. Mit diesem Ritual verbindet sich der feste Glaube daran, dass alle geäußerten und gedachten Wünsche in Erfüllung gehen sollen. Dann wird es laut und lebendig. Die Körper schwingen vor und zurück im Gebet, die Schläfenlo‐ cken fliegen in alle Himmelsrichtungen. Menschen kommen und gehen. »Ich würde am liebsten den ganzen Tag hier verbringen«, sagt ein Chassid, »aber heute muss man sich beeilen, bald ist Schabbat.«
Zwei Stunden später geht die Reise nach Budapest zurück, man will noch rechtzeitig vor Schabbat in der Stadt ankommen. Auf dem Rückweg hält der Wagen an einer Hutfabrik. Jeder kauft sich zwei, drei neue Samthüte – in Ungarn sind sie bis zu 60 Prozent billiger als die, die vom selben Produzenten in New York oder Israel verkauft werden. Eine Flasche hausgemachter Sliwowitz wird aufgemacht, alle, bis auf den Fahrer, stoßen aufs Leben an. Nach dem Gebet auf dem Rebbes‐Grab kann nun nichts mehr schief gehen.
Für Schmuel, den ungarischen Juden, der vor etwa 17 Jahren den Weg zum Judentum gefunden hat und seitdem nach strenger chassidischer Vorschrift lebt, ist der »Grab‐Tourismus« ein wahrer Glücksfall. Damit verdient er so gut wie den gesamten Unterhalt für die sechsköpfige Familie. Im Durchschnitt bekommt er 50 Dol‐ lar pro Passagier. Manchmal auch mehr. Besonders gut bezahlen diejenigen, die auch Gräber ihrer Vorfahren besuchen wollen, die oft auf alten, verwüsteten und weit von der Hauptstadt entfernt gelegenen Friedhöfen begraben sind. Dann muss er gelegentlich ein Quorum von zehn Männern organisieren. Das alles kostet extra.
Für Montag hat er schon einen neuen Auftrag bekommen. Diesmal wird er seinen blauen Minibus über die Grenze nach Bratislava fahren. Seine Fahrgäste sehen diesmal völlig anders aus. Keine Kaftane und Schläfenlocken, sondern schlichte Jacken, und statt Jiddisch wird Hebräisch gesprochen. Die Gruppe kommt aus Israel und will das Grab von Hatam Sofer (1762–1839), einem wichtigen Theologen und eifrigen Gegner des Reformjudentums, besuchen.
Die Reise endet auf einem Friedhof in der Nähe des Stadtringes. Auch hier ist es dunkel und feucht, nur wenige Kerzen brennen. Die Rabbiner vertiefen sich in stiller Meditation. Es wird kein Kvittel geschrieben. Aber sie sind überzeugt davon, dass Gott ihr Gebet erhören wird.

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