Polen

Umgepflügte Friedhöfe

Wenn niemand hilft, verschwinden die letzten Spuren der deutsch-jüdischen Gemeinden

20.09.2017 – von Gabriele LesserGabriele Lesser

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Zerstörte Grabsteine, ein zerborstener Schädel, Oberschenkelknochen und Rippen liegen auf dem tief umgepflügten jüdischen Friedhof von Maszewo bei Stettin in Nordwestpolen. »Wir sind entsetzt!«, regt sich Wojciech Janda auf, der Vorsitzende der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte in Goleniowo (Gollnow).

Im vergangenen Jahr wurde der deutsch-jüdische Friedhof von Massow, wie der Ort früher hieß, ins Denkmalverzeichnis eingetragen. »Wir hatten uns gefreut. Wir wollten den Friedhof vor dem weiteren Verfall retten.« Janda zuckt die Schultern. »Wir haben sofort Alarm geschlagen, die Medien informiert und die Bilder von der Zerstörung veröffentlicht.« Es gebe hier in Hinterpommern ja noch mehr deutsch-jüdische Friedhöfe. »Es wäre schön, wenn deutsche Juden mal nach Polen kämen, um mit uns über ihre Friedhöfe zu sprechen.«

Die polnische Eigentümerin des Friedhofs behauptet, sie habe im Juni ein Stück Land in Maszewo gekauft, um darauf einen Autohandel zu betreiben. Sie habe weder gewusst, dass dort ein alter deutsch-jüdischer Friedhof war, noch dass dieser unter Denkmalschutz stand. Vor Baubeginn habe sie das Gelände »in Ordnung bringen« wollen. Als sie dann auf der umgepflügten Erde die Knochen und Grabsteine entdeckte, habe sie sofort die Polizei benachrichtigt.

Zerstörung »Wir ermitteln wegen Störung der Totenruhe und der Zerstörung eines geschützten Denkmals«, sagt eine Polizeisprecherin in der Kreisstadt Goleniowo. »Wir haben die Staatsanwaltschaft und den Denkmalschutz bereits informiert.«

Wojciech Janda zufolge wussten alle Einwohner von Maszewo, dass sich auf dem Areal ein alter Friedhof befand. »Wir durften natürlich nie dorthin, weil das Gelände seit Jahrzehnten in Privatbesitz war«, erläutert der 49-jährige Ortshistoriker. »Aber an der einen Seite waren noch Reste der roten Friedhofsmauer zu sehen und zwischen dem Gestrüpp fünf aufrecht stehende Grabsteine. Jetzt sind noch mehr Grabsteine aufgetaucht, die unter der Erde lagen.«

Krzysztof Bielawski, ein Mitarbeiter des jüdischen Geschichtsmuseums POLIN in Warschau, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit jüdischen Friedhöfen in Polen und managt die mehrsprachige Webseite Virtuelles Schtetl (www.sztetl.org.pl/de). »268 der insgesamt 1200 jüdischen Friedhöfe im heutigen Polen sind deutsch-jüdische Friedhöfe, sagt Bielawski. »Die meisten sind in keinem besonders guten Zustand, viele wurden von den Nazis zerstört und danach, in der kommunistischen Zeit Polens, vernachlässigt oder weiter zerstört.«

Geschichte Die ersten Juden kamen Anfang des 19. Jahrhunderts nach Massow. Für das Jahr 1812 ist das erste Begräbnis nachgewiesen, das letzte für das Jahr 1933. »Kurz nach der Pogromnacht 1938 wanderten die letzten zwei jüdischen Familien des Orts in die USA aus. Da haben wir noch Dokumente. Dann verliert sich für uns ihre Spur.« Das liege auch daran, dass sich kaum jemand für die jüdische Geschichte in den ehemaligen deutschen Ostgebieten interessiere. »Für die größeren Städte gilt das nicht, aber die Landgemeinden in Schlesien, Pommern, der Kaschubei und Ostpreußen geraten allmählich in Vergessenheit.«

Monika Krawczyk, die langjährige Chefin der »Stiftung für die Bewahrung des jüdischen Erbes« (FODZ), kümmert sich in ganz Polen um jüdische Friedhöfe, ehemalige Synagogen, jüdische Schulen, Krankenhäuser und Altersheime überall dort, wo es heute keine jüdischen Gemeinden mehr gibt. »Die Zerstörung des jüdischen Friedhofs in Maszewo ist kein Einzelfall«, sagt sie. »Ohne die passionierten Lokalhistoriker hätten wir gar nicht davon erfahren.«

Die FODZ und die neun jüdischen Gemeinden in Polen könnten es nicht leisten, ständig alle 1200 Friedhöfe im Auge zu haben und zu betreuen, sagt Krawczyk. »Besonders gefährdet sind die deutsch-jüdischen Friedhöfe.«

partner Vor wenigen Jahren hatte Krawczyk eine Idee: Sie wollte einen »Pfad der niederschlesischen Juden« schaffen. Etwas Ähnliches existiert bereits in Ostpolen mit dem »Chassidischen Pfad«. »Aber in Schlesien und Pommern gibt es zu wenige Partner vor Ort, mit denen wir zusammenarbeiten könnten«, bedauert Krawczyk.

Es sei auch ein Sprachproblem. »Wer in Polen liest schon Grabinschriften in hebräischer und deutscher Sprache, noch dazu in Frakturschrift?«, fragt Krawczyk. Sie ist überzeugt, dass es ohne die aktive Unterstützung aus Deutschland in wenigen Jahren kaum noch Spuren deutsch-jüdischen Lebens in Polen geben wird. »Ich bin offen für jede Form der Zusammenarbeit und Partnerschaft.«

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