Bildung

Zwischen Angst und Hilfsbereitschaft

Die Gefühle vieler Juden in Deutschland schwanken, wenn es um Flüchtlinge aus Syrien und anderen Krisenherden im Nahen Osten und Afrika geht. Die Angst vor Antisemitismus streitet mit dem Gefühl, helfen zu wollen, weil gerade Juden wissen, was Verfolgung und Flucht bedeuten, wie es Sabine Reisin sagt. Die ZWST-Mitarbeiterin begrüßte gemeinsam mit ihrem Kollegen Ilya Daboosh am Freitagnachmittag 38 junge jüdische Erwachsene aus ganz Deutschland zum Seminar »Refugees welcome?! Flüchtlinge und die jüdische Gemeinschaft heute« in Berlin.

Für ein ganzes Wochenende mit hochrangigen Referenten kamen junge Juden aus ganz Deutschland in die Bundeshauptstadt: unter ihnen beispielsweise ein Musikwissenschaftler aus Weimar, ein Informatiker aus Essen, eine Kölner VWL-Studentin oder ein Orientalist aus Halle, sowie Mitarbeiter im Bundesfreiwilligendienst aus Dortmund, um sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

integrationsstrategien Neben der Frage des Nahost-Experten Samuel Schidem nach aktuellen Sicherheitsfragen durch die Zuwanderung aus arabischen Staaten und einem damit verbundenen Antisemitismus beschäftigte sich die ehemalige Ausländerbeauftragte Barbara John mit Integrationsstrategien. Über das jüdische Engagement und von den Erfahrungen mit Flüchtlingen im Rahmen des vergangenen Mitzvah Day berichtete die Kulturreferentin beim Zentralrat und Mitzvah-Day-Organisatorin Hannah Dannel.

Am Samstagabend trafen sich die Teilnehmer zu einem Kamingespräch mit Pressesprecher Matthias Nowak und dem Mitarbeiter Flüchtlingshilfe des Malteser-Hilfsdienstes, Ashiqullah Safi, zum Thema »Flüchtlingshilfe in Berlin – wir brauchen einen langen Atem«. Ursachen von Flucht in den Westen ging Simon Jacob, Friedensbotschafter des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland, nach. Einem möglichen Zusammenhang zwischen Nahostflüchtlingen und Judenhass widmet sich am Sonntag der Politikwissenschaftler und Experte für die arabische Welt, Bassam Tibi.

Der europäischen Flüchtlingspolitik stellte der junge Politikwissenschaftler Ingmar Zielke von der Konrad-Adenauer-Stiftung in seinem Eröffnungsreferat ein schlechtes Zeugnis aus. Sie drohe seiner Meinung nach an der Heterogenität der Staaten in Europa zu scheitern. In den vergangenen 25 Jahren habe keine gemeinsame Asylpolitik in Europa wirklich funktioniert. Dafür sei das Konstrukt zu unterschiedlich: Europa sei kein Nationalstaat, der EU fehle es an Autorität, die kulturellen Werte seien zu verschieden und die wirtschaftliche Kraft zu unterschiedlich, resümiert Zielke.

Rechtspopulismus Den Krisenländern sei nur durch eine Entwicklungszusammenarbeit der europäischen Staaten mit den Staaten in der Region zu helfen. Erschwert werde die Flüchtlingsfrage innerhalb der einzelnen EU-Länder durch den Rechtspopulismus erstarkender rechter Parteien, die ihren Einfluss aus dem Gefühl des vermeintlichen Verlustes kultureller Identität und der staatlichen Kontrolle ziehen.

Thesen, die die teilnehmenden 20 bis 35-Jährigen zu vielerlei Fragen provozierten. Warum seien Deutschland und Schweden derart attraktiv, dass so viele Flüchtlinge in diese Länder kommen? Warum muss ein syrischer Arzt mit hervorragenden Englischkenntnissen einen Integrationskurs besuchen und erst Deutsch lernen, bevor er hier arbeiten kann? Und warum vollstrecken manche Bundesländer die Abschiebung nicht anerkannter Asylsuchender schneller und manche gar nicht?

Die Teilnehmer diskutierten aber auch ganz praktische Fragen, beispielsweise wie man Gemeindemitglieder zu ehrenamtlichen Tätigkeiten wie beim Mitzvah Day motiviert, oder wie man sich verhält, wenn in unmittelbarer Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft für muslimische Jugendliche und Männer errichtet wird. Ein Wochenende also, das ganz und gar der Flüchtlingsfrage gewidmet war. Selbst Rabbiner Yitshak Ehrenberg hatte einen Schabbat-Schiur zum Thema »Fremde waren wir in Ägypten« angeboten.

Lesen Sie mehr in der kommenden Ausgabe am Donnerstag.

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