Meinung

Zusammen!

Dresden 2018: Damals lautete das Jewrovision-Motto »The Circle of Life«. Foto: Piero Chiussi

Zusammen ist man stark, alleine schwach. Judentum kann nur in Gemeinschaft existieren, die jüdische Religion kann man nicht allein ausüben. In der Synagoge braucht man einen Minjan, und um eine Familie zu gründen, braucht man einen Ehemann und eine Ehefrau.

Am Wochenende, an dem auch der Jom Jeruschalajim, der Tag der Befreiung Jerusalems während des Sechstagekrieges 1967, begangen wird, feiern wir hier in Berlin die Jewrovision. Zusammen! Seit Tausenden von Jahren beten wir alle, Jerusalem wieder besuchen und dort beten zu können, »eine Stadt, die alle zu Freunden macht«. Jerusalem hat eine innere Kraft, die uns verbindet.

instagram-follower Junge Leute sind heutzutage ohnehin alle miteinander verbunden – im Internet. Es ist cool, viele Instagram-Follower zu haben. Doch jeder weiß, dass das nur oberflächlich ist. Man will doch Freunde wieder richtig treffen, einander umarmen, miteinander sprechen, lachen und gemeinsam etwas unternehmen.

In mehr als 100 deutschen Städten leben jüdische Jugendliche im Bewusstsein, dass sie jüdisch sind.

In den vergangenen zwei Jahren hat man das selten geschafft. Immer wieder wurde geplant und kurzfristig abgesagt oder beschränkt. Sehr enttäuschend. Aber damit ist jetzt Schluss. Endlich sind wir wieder zusammen!

In mehr als 100 deutschen Städten leben jüdische Jugendliche im Bewusstsein, dass sie jüdisch sind. In Berlin, München oder Frankfurt sind es viele in gleicher Altersgruppe. Doch in den meisten Städten und Orten haben viele keine anderen jüdischen Gleichaltrigen. Sie fühlen sich wie ein Jude, der auf eine Insel kommt und meint, er sei der letzte Jude auf der Welt. Da setzt man sich mit der Frage auseinander, was einem das Judentum überhaupt bedeutet und wie und wofür man es lebt, wenn man allein ist.

magen david Da ist die Jewrovision wie ein Blitz in dunkler Nacht: An diesem einen Wochenende kommen 1000 Jugendliche zusammen. Sie haben dieselben Fragen und dieselben Probleme, ihr Herz schlägt im Takt, wenn es um das Jüdische geht. Sei es mit einem Magen David auf dem
T-Shirt oder einer Kippa auf dem Kopf, hier braucht man sich nicht zu verstecken.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Zugehörigkeit ist das Gefühl, das man bei der Jewrovision empfindet. Wenn alle Mädchen am Freitagabend die Kerzen entzünden, beginnt ein unvergesslicher Schabbat. Ja, hier wird Schabbat gehalten. Man verzichtet auf laute Musik, aber singt so laut man kann, aus ganzer Seele, Ne­schama. Das »Lecha Dodi«, das Lied zum Beginn das Schabbats, mit so vielen anderen anzustimmen, ist ein Erlebnis, das für lange Zeit bleibt.

Die jüdische Religion kann man nicht allein ausüben.

Die Bühnenshow des großen Tanz- und Musikwettbewerbs der jüdischen Jugendzentren ist mehr als nur beeindruckend. Es ist wie die Kirsche auf der Sahnehaube dieses Wochenendes. Warum? Nicht nur, weil alles glänzt und strahlt: Stimmen, Choreografie, Kostüme. Wichtig ist aber auch die Vorbereitung. Wie viele Jugendliche haben sich mehrere Monate davor Gedanken gemacht, welche Texte und Musik zum Auftritt passen!

flamme Und sie sollen einen jüdischen Bezug haben. Die Jugendlichen lernen und suchen nach den richtigen Worten, um ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken. Und das Allerwichtigste: Es bleibt für immer. Man singt es auch später noch monatelang, auf dem Weg zur Schule und beim Einkauf. Die jüdische Flamme wird entzündet.

Sei stark! Sei stark! Und wir alle werden stärker! Das sagen wir alle laut und gemeinsam am Ende der Lesung eines jeden Tora-Buches. An diesem Schabbat beenden wir das dritte Buch Mose, Wajikra. Wer einmal an der Jewrovision teilgenommen hat, weiß, wie sehr die jungen Teilnehmer den Schabbat-G’ttesdienst schätzen. Es ist leider für manche das einzige Mal im Jahr, dass sie am Gebet in der Synagoge teilnehmen. Sie dürfen Fragen stellen, alles wird erklärt, sie bilden einen Minjan und dürfen sehr nah an die Tora kommen. Für einige ist es ihr erster Synagogenbesuch am Schabbatmorgen überhaupt.

Ich bin mir sicher, dass wir alle mit starker Kawana diesmal das dritte Buch beenden und rufen werden: Sei stark, sei stark, und wir alle werden stärker!

generationen Erst einmal sei stark in deiner jüdischen Identität, dann sei stark für dein Volk, und wir alle werden stark, um noch vielen Generationen von Jugendlichen ein Jewro-Erlebnis geben und das bewusste jüdische Leben in Deutschland stärken zu können.

Die Jewrovision verbindet in ihrer Art alle Jugendlichen und Junggebliebenen.

Wie ein Mensch mit einem Herzen: So wird die Atmosphäre am Berg Sinai beschrieben. Als G’tt sich entschieden hat, uns die Tora zu schenken, hat er sie nicht nur Mosche gegeben. Alle Juden standen zusammen am Berg Sinai und konnten Haschem hören. Blitze, der laute Ton des Schofars und über allem G’ttes Stimme. Wir als Volk wissen, wie darauf zu reagieren ist: wie ein Mensch, mit einem Herzen! Solche Erlebnisse sind unvergesslich. Tausende von Jahren danach bleiben wir der Tora treu und erzählen davon.

Die Jewrovision verbindet in ihrer Art alle Jugendlichen und Junggebliebenen. Ja, es ist ein Wettbewerb, aber die gemeinsame Freude, das Zusammensein, der gemeinsam gefeierte Schabbat: Das macht uns alle zu einem Menschen mit einem jüdischen Herzen. Möge dieser Aufstieg uns allen die Kraft geben, eine Woche später die Tora genauso an Schawuot zu empfangen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Gedenken

»Beklemmende Aktualität«

Charlotte Knobloch und Josef Schuster sprachen zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

von Vivian Rosen  10.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Andenken

Berlin hat jetzt einen Margot-Friedländer-Platz

Bei der Einweihungszeremonie sagt Cornelia Seibeld (CDU), die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, die »Herzkammer der Demokratie« habe nun eine neue Adresse

 07.05.2026

Deutschland

»Die Jüdische Allgemeine gehört einfach dazu«

Seit drei Generationen ist die Jüdische Allgemeine ein Kompass für die jüdische Welt. Prominente Leserinnen und Leser erzählen, warum ihnen die Zeitung wichtig ist

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026